Überall wittert die Sozialindustrie Defizite: Erziehungshilfe kostet Zehntausende Franken pro Fall

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Aus dem «Nebelspalter» vom 06.01.2022 der dritte Teil der Artikel über die Sozialindustrie von Nicole Ruggle

Nicole Ruggle

Frischgebackene Eltern können sich beim Wickeln ihres Babys filmen und analysieren lassen. Für sämtliche innerfamiliäre Probleme gibt es inzwischen Angebote auf dem Betreuungsmarkt. Bezahlen tut in der Regel der Staat. Das Geschäftsmodell boomt auch dank der Migration.

Nicht nur bei Problemen mit der Wohnsituation, auch bei familiären Defiziten springt die Sozialindustrie ein. Beliebt sind Angebote im Bereich der «Familienbegleitungen»: Das sind sogenannte Erziehungshilfen. Das heisst: Eine Sozialarbeiterin besucht mehrmals pro Woche den Haushalt und übt zusammen mit der Mutter die Kindererziehung und eine richtige Haushaltsführung. Je unbeholfener und verwahrloster die Mutter ist, desto grösser wird der Betreuungsaufwand, den die Sozialindustrie in Rechnung sTeil 1 und Teil 2.

Gemeinden werden geschröpft

Ein solcher Fall spielte sich folgendermassen ab: Eine Sri Lankerin erhält nach ihrem Frauenhausaufenthalt eine Familienbegleitung zugesprochen, die zur «Familienstabilisierung» beitragen soll. Das Ziel der kostenintensiven Betreuung ist, die Betroffene so weit zu ertüchtigen, dass sie sich (wieder) selber um ihre Kinder kümmern kann. Satte 20’000 Franken kostet das die zuständige Gemeinde. Inzwischen läuft für die Sri Lankerin ein Eheschutzverfahren, sie ist mit dem dritten Kind schwanger. Der gewalttätige Ehemann und Vater zeigt indessen wenig Einsicht.

Ein anderer Fall handelt von einer angolanischen Familie. Das Kind fällt wiederholt durch aggressives Verhalten in der Schule auf. Die Lehrpersonen ersuchen um Hilfe, die Situation ist kaum mehr tragbar. Die Gemeinde bucht ein Betreuungsangebot bei einem Familienbegleitungsanbieter. Kostenpunkt: 16’000 Franken für ein halbes Jahr Betreuung. Die Eltern wollen derweil von nichts wissen: Das Kind sei zu Hause nie aggressiv.

Bei einer eritreischen Familie dasselbe in grün. Die Eltern sind mit ihren zwei Kindern überfordert. Zwei Wochen lang besucht daraufhin ein Sozialarbeiter die Familie. 60 Stunden Betreuung (à 120 Franken die Stunde) sind nötig, um die Entwicklungen innerhalb der Familie wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Das sind summa summarum 7200 Franken Aufwand – für zwei Wochen Betreuung einer einzelnen Familie.

Kinder aus schlechtem Hause gibt es auch in europäischen Familien: labile Mütter oder Alkoholiker-Väter, die bei der geringsten Herausforderung zuschlagen. Überforderte Eltern, die sich mehr um Zigaretten und den Fernseher als um das Wohl der Kinder kümmern. Zuwanderer aus aussereuropäischen Kulturen haben die Geschäfte mit den Erziehungsdefiziten jedoch zusätzlich zum Blühen gebracht.

Beim Wickeln gefilmt

Die angeführten Beispiele sind keine Einzelfälle. Seit Jahren kommen immer mehr neue Player auf den Betreuungsmarkt der Familienberatungen. Überall werden Defizite gewittert, überall muss optimiert, betreut und unterstützt werden. So bietet ein Akteur videobasierte «Entwicklungspsychologische Beratungen» an. In der Praxis sieht das laut Homepage des Anbieters folgendermassen aus:

«Bei einer Beratung werden mit den Eltern kurze Filmaufnahmen von alltäglichen Interaktionen, zum Beispiel einer Wickel-, Fütter- oder Spielsequenz, mit ihrem Säugling oder Kleinkind ge­macht. Beim Videofeedback werden kurze Ausschnitte von gelungenen Inter­aktionen betrachtet, zum Beispiel: Ein Kind weint, während es gewickelt wird, der Elternteil nimmt das Kind auf den Arm, singt ein Lied und wiegt es sanft hin und her, das Kind hört auf zu weinen, ent­spannt sich und nimmt mit dem Elternteil Blickkontakt auf. Dabei wird der Fokus auf die Fähigkeiten und Stärken des Kin­des gelegt.»

Ausgangspunkt dieser Beratungen sei jeweils die «Beobachtung des Kindes mit seinen individuellen Kompetenzen und Bedürfnissen». Dabei werde die «elterliche Sensibilität gefördert, die Signale ihres Kleinkindes wahrzunehmen». Gerade diese «wertschätzende Arbeit» mit den Videobildern erlaube es den Eltern, auch bei grösseren psychosozialen Belastungen einen positiven Blick auf ihr Kind und die Elternrolle zu erhalten. Man fragt sich nach einer solchen Lektüre, ob hier die Verunsicherung von unerfahrenen Eltern nicht ganz einfach in bare Münze umgewandelt wird.

Zehntausende Franken

Vier verschiedene Betreuungs-Programme bietet eine andere Firma an. Zwischen einem und vier Einsätze pro Woche sind buchbar. Die Dauer der Einsätze reicht von mehreren Wochen bis hin zu einem halben Jahr. Die Kostendächer bewegen sich zwischen 12’000 und 20’000 Franken pro Angebot, die Stundensätze zwischen 130 Franken und 160 Franken.

«Üben vor Ort» und «Ressourcen aktivieren»

«Krise beruhigen und Ressourcen aktivieren», so tönt es im Leistungskatalog eines Angebots namens «Familienaktivierung». Liege eine akute Gefährdung vor, werden zur Stabilisierung der Situation drei bis vier Einsätze (160 Franken pro Stunde) pro Woche empfohlen. Liege eine «deutliche Risikosituation für die Entwicklung der Kinder vor», wird das Angebot «Familienstabilisierung» empfohlen: 140 Franken pro Stunde für ein «Intensives Anleiten und Üben vor Ort» und eine «Kurzabklärung der Situation» in den ersten Wochen.

Teuer kommt’s beim Angebot der sogenannten Intensivabklärungen. Für eine «Einschätzung des Kindeswohls durch intensive Präsenz vor Ort», wenn «die Art und das Ausmass der Gefährdung der Kinder sowie die Situation der Eltern» unklar seien: 160 Franken pro Stunde. Darin enthalten sind auch die «Empfehlung weiterer Massnahmen»: zum Beispiel eine weiterführende Betreuung.

Problematisch ist auch, dass die professionellen Helfer selber definieren können, in welcher Situation welche Leistung angeboten wird. Sie können die Aufträge an die zuweisenden Stellen verlängern lassen. Das liest sich dann in den Akten etwa so: Man habe Fortschritte erzielen können. Damit kein Rückfall in alte Verhaltensmuster riskiert werde, müsse die Arbeit in diesem Haushalt verlängert werden. Das Geschäftsmodell beruht immer auf der Behauptung, es könnten in Zukunft Kosten gespart werden. Insbesondere, weil dank der Unterstützung eine noch teurere Fremdplatzierung abgewendet werde.

Transparenz? Fehlanzeige

Da überall bloss Staatsangestellte und Sozialhelfer involviert sind, hat keiner einen starken Anreiz, Kosten zu sparen. Denn in der Sozialindustrie kennt man sich untereinander: Alle haben in etwa die gleiche Ausbildung und teilen die gleiche ideologische Denkweise.

Ob wirklich Verbesserungen erzielt werden, ist allerdings fraglich. Zahlen über die Verbreitung und Inanspruchnahme erzieherischer Hilfen liegen für die Gesamtschweiz bislang nicht vor. Kein Amt hat die Übersicht über die Firmen und die Angebote und über die Aufträge, die staatliche Funktionäre den privaten, angeblich nicht gewinnorientierten Anbietern vergeben. Der Staat weiss also nicht, wohin das viele Geld fliesst und kann damit auch die Wirkung nicht richtig messen.

Die Akteure auf dem Markt für Familienbegleitung

Diese Familienbegleitungs-Firmen beteuern, keine Gewinnoptimierung zu betreiben. Wohin so viel Geld pro Stunde fliesst, bleibt jedoch im Dunkeln. Zum Vergleich: Eine Nanny verdient circa 35 Franken pro Stunde.

Die Anbieter heissen unter anderem Projekt Perspektive AG, AOZ (Asylorganisation Zürich), SpF plus AG, Sozialpädagogische Familienbegleitung Seeland GmbH, Koosa AG, Impuls und unzählige mehr. Zuweisende Behörden sind insbesondere die Kesb, die Jugendämter, allenfalls die Jugendanwälte oder die Gerichte. In seltenen Fällen rufen die Eltern selbst nach Abhilfe, man möge ihnen Anleitungen zur Erziehung erteilen.

Angebot oder Nachfrage?

Die Tiefen der Sozialindustrie sind unergründlich. Denn auch Sprachkurse, interkulturelles Dolmetschen, Beratungsbüros und gar Alphabetisierungskurse gehören zum Repertoire der gut aufgestellten und stetig wachsenden Betreuungsindustrie. Man könnte argumentieren, wo eine Nachfrage ist, da wird auch ein Angebot geschaffen, und wenn dabei Private einspringen, ist dies besser, als wenn der Staat alles macht. Entsprechend legitim ist es aber auch, die Frage in den Raum zu stellen, wer seit Jahren dafür sorgt, dass die Nachfrage nach Sozialleistungen nicht versiegt und es immer wieder neue Bedürftige gibt, denen geholfen werden muss. Die Gemeinden selbst, die den grössten Teil der Kosten tragen müssen, sind es mit Sicherheit nicht.

 

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