Frauen brauchen Männer zum Überleben

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Aus der Weltwoche vom 27.12.2021 ein Editorial von Tamara Wernli

Eine gerechtere Gesellschaft erreicht man nicht, indem man Männer abwertet.

Neulich bin ich der steilen These (eines Mannes) begegnet: Frauen brauchten Männer zum Überleben, meinte er – mehr als umgekehrt. Verschwänden Männer plötzlich, würden uns viele moderne Annehmlichkeiten abhandenkommen. Seine Theorie äusserte er als Reaktion angesichts der Geringschätzung, die sich gegenüber Männern seit einiger Zeit in Teilen der Gesellschaft eingenistet hat.

«Wenn eine aufgeklärte Gesellschaft regelmässig die Männlichkeit und die Männerwelt abwertet, werden Frauen mit Jungen steckenbleiben, die keine Motivation haben, zum Mann heranzureifen oder ihre Verpflichtungen zu akzeptieren», schrieb die US-amerikanische Kulturhistorikerin Camille Paglia schon 2013 in einem Time-Artikel. Ein aggressiver Groll gegen Männer sei einer der widerwärtigsten Eigenschaften der zweiten und dritten Welle des Feminismus.

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Zur Klarheit: Wir sprechen nicht von Personen, die beispielsweise mehr Lohn für den von Frauen dominierten Pflegesektor fordern. Es geht um die radikaleren unter den Feministinnen. Wahrscheinlich sind das gar nicht so viele. Aber weil etliche von ihnen über grosse Plattformen in Medien und sozialen Medien verfügen, beeinflussen sie mit ihrem Geschlechterkampf, der nicht ohne den passiv-aggressiven Grundton gegen Männer auskommt, gesellschaftliche Debatten. In grossen Zeitungen wie dem Guardian stehen über ihren Texten Überschriften wie: «Feministinnen hassen Männer nicht. Aber es würde nichts ausmachen, wenn wir es täten». In Büchern erklären sie aber, warum sie Männer hassen; sie verbreiten Hashtags wie oMenAreTrash und machen sie für alle Übel der Welt verantwortlich. Wie Oberlehrerinnen zeigen sie auf jeden von deren Fehlern und Versäumnissen, während sie den Wert, den Männer der Gesellschaft bieten, ignorieren.

Machen wir also ein Gedankenexperiment. Wen rufen wir an, wenn im Winter die Heizung ausfällt? Der Herd streikt? Der Lichtschalter nicht funktioniert? Kein Wasser aus dem Hahn kommt? Ohne fliessendes Wasser katapultieren wir uns ganz schnell wieder ins Mittelalter zurück. Wer repariert das Hausdach? Bei all den Dingen, die unseren Lebensstandard innert zweier Tage schwinden lassen würden, rufen wir nach einem Mann.

Es ist natürlich nicht so, dass Frauen nicht fähig wären, Trucks zu fahren. Einen Bohrer im Strassenbau zu betätigen. Einen Kran zu bedienen. Waren auf Containerschiffe zu verladen. Öl auf Plattformen zu fördern. Und selbstverständlich gibt es Männer, die können nicht mal eine Glühbirne einschrauben. Frauen zeichnen sich mehrheitlich eben durch andere, gesellschaftlich wichtige Fähigkeiten aus, und ihr Engagement verdient genauso Anerkennung. Sie opfern sich enorm für Kinder und Familie. Sie pflegen die älteren Menschen, und weil im Pflegesektor mehrheitlich Frauen arbeiten, halten sie das Gesundheitssystem aufrecht.

Richtig ist aber auch, dass alles, was für das Funktionieren des Gesamtsystems wesentlich ist – inklusive des Gesundheitssystems –, auf Elektrizität und Technik basiert, und dass nur ein geringer Teil der Frauen Jobs in Bereichen Energie, Gebäudetechnik, Industrieelektronik oder Lüftungsanlagebau nachgeht. Es ist tendenziell nicht ihre Welt, und das ist auch in Ordnung. Seit einem ganzen Weilchen schon hält auch niemand die Damen vom Erlernen bestimmter Berufe ab, im Gegenteil, es gibt Frauenförderung, wohin man blickt; sie haben einfach unterschiedliche Interessen. Das kann man anerkennen oder «Diskriminierung!» rufen und sich von der Seitenlinie aus über Männer empören, weil sie angeblich für Frauenhände zu grosse Smartphones designen oder Städte nicht gendergerecht planen.

Eigentlich ist es dumm, zu vergleichen, welche Bevölkerungsgruppe ohne die andere besser überleben kann. Aber vielleicht liegt ja hier eine Definition von Männlichkeit: Warum erledigen Männer denn all diese Jobs, für die Frauen kein Interesse aufbringen . . . mögen? Feministinnen werden jetzt nach Luft schnappen, aber meine Theorie ist: Sie tun es vor allem für ihre Frauen und Familien. Nehmen wir das Beispiel Wasser: Männer sind früher ohne fliessendes Wasser besser klargekommen als Frauen, besonders, was die Hygiene betrifft. Ich glaube, solche Notsituationen waren Ausgangspunkt für einige Erfindungen, etwa, irgendwann im späten 19. Jahrhundert die Häuser mit fliessendem Wasser auszustatten. Vielleicht liege ich auch falsch.

Und damit will ich nicht sagen, dass Frauen nur die Annehmlichkeiten der von Männern entworfenen und hergestellten Dinge geniessen. Mein Punkt ist, dass, wer die Verdienste von Männern ignoriert oder abwertet, ganz offensichtlich den heutigen Komfort vergessen hat und woher dieser kommt, und sich der entsprechenden Fragilität nicht bewusst ist.

Die moderne Gesellschaft hat es nicht geschafft, das männliche Ideal neu zu formulieren. Zwischen rücksichtslosem Patriarch und Hausmann-Sensibelchen existieren noch ein paar weitere Exemplare. Solche, die gegenüber Frau, Familie und Gesellschaft ihre «Verpflichtungen akzeptieren». Vielleicht können irgendwann auch die Berufsnörglerinnen ihren Impuls zur Einseitigkeit unterdrücken und diese Tatsache neidlos anerkennen.

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