Schadenfreude

Apr 3 • Deutsche Seite, L'opinione, Prima Pagina • 184 Views • Commenti disabilitati su Schadenfreude

Eros N. Mellini

Editorial

Der deutschsprachige Begriff „Schadenfreude“ (= Freude über das Missgeschick oder Unglück anderer) ist nunmehr auch im Italienischen gebräuchlich. Damit will man, über diese Deutung hinaus, eine Art masochistischer Befriedigung über geschehendes Unglück ausdrücken. Dies ist eine Geisteshaltung, die in den heutigen Zeiten des Coronavirus auf bisher unerreichte Rekordziffern ansteigt.

Die Todesfälle im Tessin sind auf 76 gestiegen – 9 mehr seit gestern –  und die Ansteckungen auf 1’688, und so weiter. Diese in den Medien verbreiteten Nachrichten werden sodann im Netz übernommen und kommentiert, in einer Art Wettrennen unter den Nutzern, wer als Erster die Nachricht beunruhigender oder die Information dramatischer finde. Und da die kantonalen Daten – angesichts der Kleinheit unseres Territoriums – nicht ausreichend imposant erscheinen – sucht man sich Daten aus anderen, bevölkerungsreicheren Ländern oder Regionen oder sogar die planetarischen Gesamtzahlen aus, um möglichst mit fünf- oder sechsstelligen Ziffern auftreten zu können.

Wohlverstanden: Ich meine damit keineswegs, dass man das Coronavirus auf die leichte Schulter nehmen solle – obschon ich davon überzeugt bin, dass die gegenwärtige Hysterie übertrieben ist – und ich glaube auch nicht, dass die zuständigen Behörden dies tun. Ich sage einfach, dass wir, wenn wir wie ein aufgescheuchter Wespenschwarm herumschwirren, nur dazu beitragen, exponentiell jene irrationalen Ängste zu multiplizieren, die leider bereits grosse Teile der Bevölkerung heimgesucht haben. Oder denkt man denn, dass man durch die Gutheissung der finstersten Facebook-Meldungen irgendwie dazu beiträgt, die Epidemie ausrotten zu können?

Aber es hilft alles nichts. Es gibt, wie gesagt, eine gewisse masochistische Befriedigung beim Entgegennehmen und Verbreiten von Nachrichten – oft im Nachhinein als „fake news“ entlarvte – welche die eigenen Ängste bestätigen. Es sind übrigens die einzigen, denen man Glauben schenkt. Es besteht kein Platz mehr für eine vernünftige Debatte. Wer anhand anderslautenden verfügbarer Daten versucht, eine schon nur leicht beruhigende Message abzugeben, wird als unverantwortlich, ignorant oder gar als schuldhaft negativistisch hingestellt.

Da kommt mir der Witz mit der chinesischen Masturbation in den Sinn (der Bezug zu China, dem Ursprungsland des Coronavirus, ist rein zufällig). Bei diesem Witz legt jemand sein Glied auf einen Amboss und schlägt mit einem Hammer darauf ein. Dann fragt ihn ein anderer:  „Aber wann bereitet dir das Freude?“, worauf er antwortet: „Immer dann, wenn ich mit dem Hammer daneben haue“.

Und weiter fehlt es nicht an all jenen, die – als Beute der üblich gewordenen Manie der Selbstkasteiung – darüber glücklich sind, dass infolge der Schliessung von Betrieben und Baustellen und dem dadurch bedingten Rückgang des motorisierten Verkehrs der Staat sich notgedrungen wegen den Umweltbelastungen schuldig zu sprechen habe. Sobald die Notlage vorüber sei, müssten wir unser Leben verändern – ist deren dogmatische Deklaration. Diese Leute setzen sich dabei geflissentlich über die Tatsache hinweg, dass der „Shutdown“ zwar sehr wohl zu einer Verbesserung der Luftqualität führt, aber gleichzeitig die Wirtschaft in die Knie zwingt, welche – man höre und staune – auch wenn sie zur Umweltbelastung beiträgt, uns dennoch unsere Löhne auszahlt. Auch hier mache ich mir Gedanken darüber, dass all jene, welche die Wirtschaft verteufeln – weil diese die öffentliche Gesundheit beeinträchtigte (der Konjunktiv ist hier absolut nötig) und die deshalb die Schliessung von Betrieben und Baustellen fordern, nie und nimmer auf ihren Lohn verzichten würden. „Die Unternehmer können es sich leisten, für zwei Monate zu schliessen“ faseln diese Leute in den Social Media. Aber sie müssten weiterhin für deren Existenz sorgen, und wenn dies nicht möglich sei, müsse es der Staat tun. Und wer denn versorgt den Staat mit dem nötigen Geld, wenn nicht die Wirtschaft, deren Schliessung gefordert wird? Hier beisst sich die Katze in den Schwanz.

Und zwischenzeitlich… 9 Tote mehr, hurra!, 87 neue Ansteckungsfälle…hipp hipp hurra… Geniessen wir doch diese dramatischen Zahlen jetzt, denn später könnte es zu spät dafür sein.

Die Schadenfreude regiert!

 

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