Die Toleranz, ein zunehmend missbrauchter Begriff

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Eros N. Mellini

Editorial

«Die Toleranzschwelle wird so hoch werden, dass intelligenten Leuten jegliches Denken verboten wird, um ja nicht die Dummen zu beleidigen».

Ich bin im Internet auf diese Aussage von Fedor Dostojevsky gestossen, und  komme nicht umhin, festzustellen, dass sie sich perfekt auf das heutige globale Geschehen beziehen lässt.

Ohne allzu weit zurück zu blicken, vergleiche ich die heutige Lage mit jener in meiner Jugendzeit – der unmittelbaren Nachkriegszeit und zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. In jener Zeit gab es unverrückbare Regeln – Befolgung der Gesetze, Respekt vor den Eltern, den Lehrern und, warum nicht, auch vor dem Priester, an dessen Katechismusunterricht wir als Schulfach teilnehmen mussten. Es waren Regeln der Eltern, deren Wort Gesetz war, und Regeln der Lehrer, deren krasse Missachtung uns eine Ohrfeige eintrug. Denn richtigerweise galt damals ein von den Regeln abweichendes Verhalten als Zügellosigkeit, und nicht wie heute als ein legitimes Recht, unter dem Vorwand der Meinungsfreiheit sämtliche Regeln missachten zu dürfen.

Richtig? Falsch? Wohl ein Bisschen von beidem, aber eines steht fest: In der Gesellschaft herrschte 10fach, ja 100fach oder gar 1000fach mehr Ordnung als im Chaos von heutzutage.

Damit wir uns richtig verstehen: Auch damals fehlte es nicht an Zügellosen, Rebellen, Protestierenden, aber die Gesellschaft bestrafte deren verhaltensauffälligen Verfehlungen, und normalerweise passten sich diese Personen im Erwachsenenalter den Regeln an und beruhigten sich, um sodann für die Kontinuität einer alles in allem nicht so schlechten Ordnung zu sorgen. Die Eltern gaben ihren Kindern den Tarif durch, die Lehrer taten dies mit der einen oder anderen wohlverdienten Ohrfeige, und die Priester mit ihrer oft unverdaulichen Katechismuslektion. Die englischen «Teenagers», die während der Konzerte der Beatles lauthals schrien, hörten in einem gewissen Zeitpunkt mit ihrer Lärmerei auf. Sie besorgten sich Melone und Regenschirm und nahmen – auch weiterhin als Fans der Beatles – in der Londoner City eine Arbeitsstelle an. Ob richtig oder falsch waren die einstigen Regeln – die damals nicht so sehr falsch, sondern eher manchmal vielleicht übermässig streng erschienen – eben einzuhaltende Regeln, und die Gesellschaft nahm deren Übertretungen nicht einfach hin, sondern bestrafte sie.

Aber dann kam die 68er Bewegung

Leider wurde die vom Zweiten Weltkrieg geprägte Generation nach dem Motto «Wir wollen nicht, dass unsere Kinder ebenso zu leiden haben wie wir» hinsichtlich ihrer Nachkommen immer nachsichtiger. Vorerst durch die Gewährung von Ausnahmen, um diese dann nach und nach als eigentliche berechtigte Forderungen zu anerkennen. Und diesbezüglich erreichte man mit den Studentenunruhen den Höhepunkt, wonach die Eltern, Lehrer, Politiker und Behörden allesamt die Segel strichen und dadurch die Kontrolle über das Geschehen völlig verloren.

Seither erlebten wir eine stetig wachsende Zunahme bzw. ein ungebremstes Abdriften in Richtung von Abartigkeiten, die das bis dahin ruhige und ordnungsgemässe Leben in Gewissheit und Sicherheit durcheinander brachten.

Die Toleranz gegenüber der Zurschaustellung

Das Leitmotiv war die «Toleranz». Insofern ist sie innert gewissen Grenzen nichts Negatives. Andere Ideen und Verhaltensweisen zu tolerieren, solange sie nicht gegen die Regeln des gemeinschaftlichen Zusammenlebens verstossen, kann ohne weiteres als ein Schritt vorwärts begriffen werden im modellhaften Vergleich mit der blinden Repression der Heiligen Inquisition. Um Gottes Willen, es gilt: Leben und leben lassen! Zwei Homosexuelle, die in ihrem Privatbereich ihren sexuellen Neigungen nachgehen, sind ebenso wenig störend wie ein Heranwachsender, der bei sich zuhause mal etwas kifft. Aber ebenso gilt es zu bedenken: In der Öffentlichkeit die Homosexualität lobzupreisen mittels Kundgebungen wie jene der heutigen LGBT-Bewegung, das ist wie wenn man die Jugendlichen ermutigte, in der Öffentlichkeit ihre Sexualität im Handbetrieb zur Schau zu stellen. Toleranz ja, aber dass man von blinder Ächtung der Homosexualität  – die in gewissen Staaten gar als Straftat gilt – zur öffentlichen Zurschaustellung gelangt mit «Love parades» und Aufschriften «Gay is beautiful» auf T-Shirts, das scheint mir doch etwas übertrieben. Es ist gerade diese Zurschaustellung, die störend wirkt. Es ist paradox, dass man die Zugehörigkeit zur «Normalität» mittels öffentlich gezeigten Verhaltensweisen einfordert, die eigentlich strikt privater Natur sein sollten. «Normalität» bedarf keiner öffentlichen Zurschaustellung.

Die Toleranz wird willkürlich auf Befehlsebene erhoben

Am schlimmsten ist es, dass uns im Zuge dieser abweichenden Abdrift mit dem unglückseligen Grundgedanken – im Englischen als «Mainstream» bezeichnet – der Missbrauch der Toleranz so quasi aufgezwungen werden soll. Und so wollte man – was die UEFA zu Recht verweigert hat – anlässlich des Spiels Deutschland-Ungarn das Fussballstadion von München in Regenbogenfarben erleuchten lassen, dem Symbol der LGBT-Bewegung. Und es kam zu einem Riesengezeter gegen die Weigerung der UEFA und gegen Ungarns Orban-Regierung, die sich völlig zu Recht gegen diesen Missbrauch der Toleranz auflehnte.

Bei mir kommt der quasi zur Gewissheit gewordene Verdacht auf, dass die Politik den Forderungen dieser Gay- und Gender-Bewegungen immer mehr ausschliesslich aus wahltaktischen Gründen nachgibt; ungeachtet dessen, dass sich dadurch die Welt recht bald von einer idealen Oase der Toleranz in ein «maison de tolérance» (Puff) verwandeln wird.

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