Unbezahlbare Krankenkassenprämien?

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Einige Überlegungen zum Thema Zweiklassenmedizin, Eigenverantwortung und Staatsmedizin

Milagros Burkhard-Garcia Dr.med.UST

Rolando Burkhard Dr.rer.publ.HSG

 

 

 

 

 

 

Sie werden’s selber auch festgestellt haben: Alles ist teurer geworden. Die Einkäufe, das Benzin an der Tankstelle etc. Und das dürfte so weiter gehen, schon nur wegen der Inflation und der Energiepreise. So werden wir ab nächstem Jahr natürlich auch einmal mehr weitaus höhere Krankenkassenprämien zahlen müssen: Im Durchschnitt so um die 7%, teils über 10%. Wer kann sich diese denn noch leisten? Viele konnten’s offenbar schon bisher nicht. Bereits 2020 bedurfte eine wachsende Zahl unserer Bevölkerung, insgesamt 2,4 Millionen Leute, dafür eines staatlich subventionierten Prämienerlasses oder einer massiven Prämienverbilligung. Das sind gesamtschweizerisch 27,6% aller Versicherten (im Tessin sind’s unseres Wissens gar weit über 30%). Mit den Prämienerhöhungen fürs 2023 wird sich dieser Anteil nochmals massiv erhöhen.

Es wird ja alles bezahlt…

Das alles wirft dornenvolle Fragen auf. Wir verfügen in der Schweiz über eine teure Spitzen-Gesundheitsversorgung. Jeder kann sie quasi jederzeit nach Belieben beanspruchen, auch unnötigerweise. Denn die Kosten dafür zahlen ja entweder die Krankenversicherungen oder dann eben, mittels Prämienverbilligungen, der Staat. In beiden Fällen zahlen dafür aber in Tat und Wahrheit punkto Versicherungsprämien all jene mit, welche die Versicherung nur nötigenfalls beanspruchen, und punkto staatlicher Prämienverbilligungen bezahlen diese die noch verbliebenen Steuerzahler.

Ob das noch lange so weiter gehen kann, da haben wir unsere Zweifel. Klar versucht man seit Jahren, die Gesundheitskosten zu senken (Medikamentenpreise, Dauer der Spitalaufenthalte, vermehrt ambulatorische Behandlungen, staatliche Aufforderungen zu gesünderem Leben etc.etc.), aber damit alleine lassen sich die Probleme nicht lösen, denn das Hauptproblem, die Überbeanspruchung des subventionierten Gesundheitssystems bleibt erhalten, und die Dienstleister des Gesundheitswesens (Spitäler, Ärzte, Therapeuten, Psychologen und Psychiater, Pharmabranche etc.) profitieren alle davon; und die Krankenkassen kämpfen auch nur halbherzig für Verbesserungen, denn sie tragen selber ja keinerlei Kosten, sondern sind lediglich Kosten-Umverteilungsstationen: Wenn’s teurer wird, erhöhen sie schlicht und einfach die Prämien. Niemand also hat eigentlich ein wirkliches Interesse an einer Kosteneindämmung, und so geschieht de facto kaum etwas. Es bedürfte schon eines radikalen System- und Mentalitätswechsels, um die Dinge zum Besseren zu verändern.

Wundermittel Selbstverantwortung?

Ein Wundermittel für die Kosteneindämmung im Gesundheitswesen gibt es nicht. Aber vielleicht hilft eines: Mehr Selbstverantwortung. Damit meinen wir nicht nur – das ist selbstverständlich – dass alle von uns besser darauf achten sollten, wie wir unsere Gesundheit gut erhalten, um möglichst nicht krank zu werden. Nein, damit meinen wir vor allem anderen eine radikal völlig andere persönliche Einstellung und auch Lebensführung im Hinblick auf die Tragung der Gesundheitskosten. Dazu drei Überlegungen:

  1. Wer immer superteure, ja luxuriöse medizinische Dienstleistungen beanspruchen will, soll diese jederzeit weiterhin erhalten können, dafür steht unsere super ausgebaute medizinische Infrastruktur nur allzu gerne bereit. Doch er soll dafür voll selber bezahlen, so wie das übrigens in den meisten anderen Ländern der Fall ist. Wer das nicht will oder nicht kann, müsste sich mit einer zwar subventionierten, aber weitaus bescheideneren medizinischen Versorgung zufrieden geben, die nicht weit über die Notfallversorgung hinausgeht. Das Gesundheitssystem von Singapur hat’s vorgemacht, dort funktioniert das bestens.
  2. Krankheiten sind oft nicht planbar, ebenso wenig die dafür erforderlichen Gesundheitskosten. Es ist deshalb nötig, dass alle von uns für Krankheitsfälle die nötigen finanziellen Mittel ansparen und dafür zur Seite legen. Das gilt ja schon nur für die Bezahlung der Krankenkassenprämien. Klar, für reiche Leute mag dies kein Problem sein, aber für die weniger Bemittelten bedeutete es einen gewissen Konsumverzicht. Will heissen: Vielleicht den Verzicht auf teure Ferien oder den Kauf eines Luxusautos, oder, für unnötige Elektronik und Kleider-Modeartikel etwas weniger Geld auszugeben, um stattdessen etwas auf dem Konto auf der Seite zu haben für die Bezahlung der Prämien und die Selbstkosten in einem immer möglichen Krankheitsfall.
  3. Leider wird das wegen dem gegenwärtig allzu komfortablen Gesundheitssystem nur unzureichend getan, und daraus resultiert oft der Bedarf nach zunehmender staatlicher Prämienentlastung und der öffentlichen Beteiligung an den privaten Gesundheitskosten von angeblich «armen» Nichtzahlern, was sich insgesamt für die ordentlichen Prämien- und Steuerzahler als äusserst kostenerhöhend auswirkt. Wer als «arm» und deshalb unterstützungswürdig betrachtet wird, sollte deshalb nicht nur nach seinem Einkommen bewertet werden, sondern auch danach, wie und für was er sein Geld ausgibt. Denn, sorry: Wenn’s ihm dann beispielsweise zwar für teure Ferien reicht, ist nicht einzusehen, warum er stattdessen nicht hätte sparen und mit dem Geld nicht auch seine Krankenkassenprämien hätte bezahlen könneDie Missbräuche unseres allzu komfortablen linken Sozialsystems sind ja nur allzu bekannt. Wohlverstanden: Wirklich arme Leute sind selbstverständlich weiterhin zu unterstützen; doch es ist in keiner Weise nachvollziehbar, dass nahezu 30% der Bevölkerung im reichsten Land dieser Welt für ihre Gesundheit auf staatliche Unterstützung angewiesen ist; wer vielleicht vorübergehend wegen der Bezahlung der Krankenkassenprämien in Nöte gerät, sollte dazu verpflichtet werden, unter Einschränkung seines persönlichen Komforts die gewährten Prämienermässigungen Zug um Zug zurück zu zahlen.

Ein Fazit in drei Stichworten

Alles, was wir hier ausgeführt haben, lässt sich in drei Stichworten zusammenfassen: Erstens: Zweiklassenmedizin. Ja sicher, das Wort mag zum «Unwort des Jahres» erklärt werden, aber sie ist weltweite Realität und auch bei uns unvermeidbar und teils bereits Tatsache (als Privatpatienten oder in der Allgemeine Abteilung in den Spitälern?). Zweitens: Eigenverantwortung. Ja, das mag hinsichtlich der Konsequenzen für die Verwöhnten durchaus erschreckend klingen, ist aber unausweichlich; denn wer sich aus purer Bequemlichkeit um die volle Bezahlung seiner Gesundheitskosten drückt, handelt unverantwortlich und unsozial und richtet unser Gesundheitssystem zugrunde. Drittens: Staatsmedizin. Dieses international völlig ineffiziente, vorweg von Links postulierte System droht uns, wenn wir punkto Kostentragung nicht bald ein effizienteres und weitaus selbstverantwortlicheres Gesundheitssystem zustande bringen. 

 

Ein Huhn für den Doktor

In den Philippinen haben wir eine klassische Zweiklassenmedizin. Die allerwenigsten Leute verfügen über eine ausreichende Krankenkasse für die Deckung ihrer Krankheitskosten, denn die Prämien können sie sich schlicht und einfach nicht leisten. Zum Doktor geht man deshalb nur im Notfall. Vorerst behilft man sich selber oder mittels «spin doctors», d.h. lokal tätigen, nicht professionell medizinisch ausgebildeten Heilern. In den ärmlichen Landgebieten bezahlt man dann auch ausgebildete Ärzte oft nur mit mitgebrachten Landwirtschaftsprodukten (ein Huhn, ein Bund Bananen etc.; das habe ich als Landärztin selber erlebt, zudem gaben wir den Leuten soweit möglich kostenlos Medikamente ab, die wir als Gratismuster von den Pharmaunternehmen erhalten hatten). Musste jemand dann trotzdem ins Spital, geht’s – ausser in Notfällen – wie folgt: Um rasch ein Spitalbett zu kriegen, bedarf es sehr «guter» Beziehungen zur Spitalleitung und/oder der nötigen Finanzen. Ansonsten bleibt man ewig lange in den Spitalgängen hocken oder liegen. Kriegt man dann endlich ein Spitalbett, müssen die Angehörigen der Patienten das Bettzeug selber mitbringen und auswechseln, dazu auch stets für ausreichende Verpflegung sorgen, und man muss grösstenteils auch die teureren Medikamente selber zahlen.

Wollen wir hier in der Schweiz auch soweit kommen? Klar nein. Die Verhältnisse hier in der Schweiz sind denn auch völlig andere. Denn, anders als in den armen Philippinen, hätten hier in der reichen Schweiz weitaus mehr als 90% unserer Bevölkerung – wenn sie es denn wirklich wollten – genügend Geld, um die vollen Krankenkassenprämien zu bezahlen und sich damit weiterhin ohne Hilfe eine gute medizinische Versorgung zu sichern. Anders als in den Philippinen – wo der Staat mit rund 100 Millionen zumeist einkommensschwachen Einwohnern, verteilt über 7’000 Inseln, nicht über genügend Geld verfügt – erlaubt man sich hier in der reichen Schweiz den Luxus, mittels staatlich subventionierten Prämienreduktionen auch Leute finanziell zu unterstützen, die das bei geringster eigener eigenverantwortlicher Vorsorge keineswegs nötig hätten. Um die 30% sind es gegenwärtig, da lachen ja die Hühner!  Sehr lange kann das selbst bei uns so nicht gut gehen. Über kurz oder lang wird bei den gegenwärtigen Verhältnissen auch bei uns das offenbar grenzenlos vorhandene Staatsgeld knapper werden, Leistungen werden gekürzt werden müssen, und dann werden zuerst jene am meisten darunter zu leiden haben, die es am Nötigsten hätten: die punkto Tragen der Gesundheitskosten nicht selbstverschuldeten wirklich Armen!

Mila Burkhard

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