Sterben für Kiew?

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Aus der Weltwoche vom 10.03.2022, ein Artikel von Peter Hitchens*

Peter Hitchens

Wir haben Russland mit erstaunlicher Dummheit behandelt. Jetzt zahlen wir den Preis dafür. Ich weigere mich, an diesem Karneval der Heuchelei teilzunehmen.

Im Sommer 2010 befand ich mich im wunderschönen Hafen von Sewastopol und beobachtete die rivalisierenden Flotten Russlands und der Ukraine, die im Sonnenschein der Krim vor Anker lagen. In den Strassen dieser eleganten Stadt mit ihren Säulengängen, Statuen und Denkmälern mischten sich Matrosen der beiden Flotten. Die Russen sahen wie Russen aus, mit ihren riesigen Hüten und edwardianischen Uniformen. Die Ukrainer wirkten eher wie US-Marines auf Landgang in San Diego.

Bis zu diesem Zeitpunkt war die Ukraine in den rund zwanzig Jahren ihres Bestehens ein einigermassen harmonisches Land gewesen. Nach diesem Besuch sah ich grosse Schwierigkeiten heraufziehen, sowohl auf der Krim als auch im Donbass, wohin ich in jenem Jahr ebenfalls reiste. Die Ukrainer hatten begonnen, sich dumm zu verhalten. In einem Land voller Russen versuchten sie, Russisch zu einer Sprache zweiter Klasse zu machen. Russen, die dort jahrzehntelang glücklich gelebt hatten, wurden unter Druck gesetzt, die ukrainische Staatsbürgerschaft anzunehmen und ukrainische Versionen ihrer Vornamen zu verwenden. Etliche Menschen sagten mir, dass sie sich durch diese Politik bedrängt fühlten. Warum konnten sie nicht einfach in Ruhe gelassen werden?

Hoffen auf eine russische Zukunft

Weit draussen zwischen den verlassenen Halden der sterbenden Kohlereviere fand ich die verfallene, halb verlassene Stadt Gorlowka, die sich seit 2014 inmitten eines inoffiziellen Kriegsgebiets befindet. Diese Stadt war von der Ukraine in ihrer selbstherrlichen Art in Horliwka umbenannt worden, obwohl kaum jemand, den ich dort traf, sie so nannte. Ich erinnere mich, wie ich an jenem kochend heissen, fast stillen Nachmittag dort ein russisches Bier genoss, während ich Musik von einem russischen Sender hörte. Ich schrieb recht vage, dass die Menschen auf der Krim und im Donbass auf eine russische Zukunft hofften – und diese auch erwarteten. Ich dachte, wenn die Ukraine ein starrer ethnisch-nationalistischer Staat sein wolle, sei eine Art friedliche Einigung mit der russischen Minderheit erforderlich. Ich ahnte nicht, an welche Leidenschaften ich da gerührt hatte.

Der Artikel wurde von meinem alten Freund Edward Lucas, einem guten Journalisten, als «bestürzende Entgleisung» angegriffen. Ich antwortete auf seinen Vorwurf mit der Warnung, dass «die Zukunft in diesem Teil der Welt noch lange nicht geregelt ist und wir uns vielleicht auf weitere Unruhen vorbereiten sollten, anstatt uns einzubilden, dass wir einen goldenen Weg des Friedens und des Wohlstands für immer eröffnet haben». Nun werde ich beschuldigt, ein «russischer Lockvogel» oder ein Verräter zu sein. Die Beleidigungen machen mir wenig aus, weil ich weiss, dass sie falsch sind. Zudem bin ich in den letzten dreissig Jahren von Experten aller Art beleidigt worden. Das ist normal, wenn man das tut, was ich tue.

Ich weigere mich, die Kriegshysterie mitzumachen, die Grossbritannien und den Westen jetzt erfasst hat. Und es ist eine Hysterie. Ich habe gehört, wie ein angesehener britischer Abgeordneter die Deportation aller Russen aus dem Land forderte – aller Russen. Ich habe Verrückte gehört, die eine «Flugverbotszone» in der Ukraine fordern. Wenn sie ihren Willen bekämen, würde das einen schrecklichen und sofortigen europäischen Krieg bedeuten. Ich vermute, dass sie nicht einmal wissen, was sie da fordern. Könnt ihr bitte alle diesen Karneval der Heuchelei abblasen?

Zensor Selenskyj

Ich kann da nicht mitmachen. Ich weiss zu viel. Ich weiss, dass unsere Politik der Nato-Erweiterung ihren Teil dazu beigetragen hat, dass diese Krise entstanden ist. Ich weiss, dass die ukrainische Regierung, die heute fast wie eine Heilige behandelt wird, durch einen von den USA unterstützten Putsch im Jahr 2014 an die Macht kam. Ich weiss, dass der vielbewunderte Präsident Selenskyj im Februar 2021 drei oppositionelle Fernsehsender mit der Begründung der «nationalen Sicherheit» geschlossen hat.

Ich weiss, dass der Oppositionspolitiker Wiktor Medwedtschuk letztes Jahr unter Hausarrest gestellt wurde. Ist das nicht die Art von Dingen, die Putin tut? Ich weiss, dass die ukrainische Armee seit 2014 mit schwerer Gewalt gegen russische Zivilisten im Donbass vorgegangen ist. Die Russen haben dort auch schreckliche Dinge getan, aber es gibt genug Leute, die Ihnen das sagen werden. Der Punkt ist, dass dies kein Wettstreit zwischen Heiligen und Sündern oder zwischen Mordor und dem Auenland ist.

Ich finde es seltsam, dass Grossbritannien und die USA, als sie Putins illegale Invasion eines souveränen Landes zu Recht anprangerten, zu vergessen schienen, dass wir ihn erst auf die Idee dazu gebracht hatten, indem wir dies 2003 im Irak getan hatten. Ich bin es leid, mir sagen zu lassen, die Nato sei ein reines Verteidigungsbündnis, obwohl wir wissen, dass sie 1999 Serbien bombardiert hat, wobei zufällig Zivilisten getötet wurden, obwohl Serbien kein Nato-Mitglied angegriffen hatte. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass Libyen ein Nato-Mitglied angegriffen hatte, bevor diese «defensive» Allianz den Luftkrieg gegen Tripolis begann, bei dem auch Zivilisten, darunter Kinder, getötet wurden und der das Land in einen Kessel des Chaos verwandelte, was niemandem half.

Und dann ist da noch die andere Sache, die mir im Halse stecken bleibt. Die Länder des Westens haben die Ukraine zu einer Konfrontation mit Russland angestachelt, die vorhersehbar in Putins barbarischem Einmarsch endete. Doch während wir in sicherer Entfernung stehen und jubeln, sind die Ukrainer diejenigen, die beschossen, bombardiert, belagert und aus ihren Häusern vertrieben werden. Ist das ehrenhaft? Macht das sentimentale Lob für ihre Tapferkeit das wieder wett?

Überlegenheit, Zynismus, Misstrauen

Wir haben uns völlig zum Narren gemacht. Wir haben Russland mit erstaunlicher Dummheit behandelt. Jetzt zahlen wir den Preis dafür. Wir hatten die Chance, Russland zu einem Verbündeten, Freund und Partner zu machen. Stattdessen haben wir es uns zum Feind gemacht, indem wir ein grosses, stolzes Land mit Gier, unverdienter Überlegenheit, Zynismus, Verachtung und Misstrauen beleidigt haben.

Einer der glücklichsten Momente meines Lebens war der Tag, an dem der Kommunismus in Moskau starb. Ich hätte schwören können, dass der Himmel klarer und heller war, die Menschen sahen glücklich und nicht geknechtet aus – sogar die aufmüpfige, korrupte Verkehrspolizei tauchte ausnahmsweise unter. Die Abfalleimer waren voll mit rot-goldenen Mitgliedsausweisen der Kommunistischen Partei, die in der spätsommerlichen Sonne fröhlich verbrannten, während sie sich in graue Asche auflösten.

Ich fuhr mit meinem roten Volvo durch die befreite Stadt, viel schneller als sonst, und trug stolz das spezielle gelbe Nummernschild (mit dem «K» für «Korrespondent» und dem «001» für Grossbritannien, die Top-Nation), das mich bis dahin zur Zielscheibe von Bestechungsjägern und übereifrigen Polizisten gemacht hatte, die mich daran hinderten, in den mit Raketen übersäten Wäldern ausserhalb der Stadt zu picknicken. Ich ertappte mich sogar dabei, dass ich die Hymnen meiner Kindheit sang.

Heer von Spekulanten

Was für eine Gelegenheit für den reichen, stabilen, gutregierten Westen, dem Land zu Hilfe zu kommen! Hatte nicht die Marshallplan-Hilfe das zerstörte Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebt und wiederaufgebaut? Hatten Grossbritannien und die anderen Besatzungsmächte nicht geschworen, dem am Boden liegenden Deutschland Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit zu bringen? War dies nicht der Moment für einen solchen Akt der Grosszügigkeit und Weitsicht?

Was stattdessen entfesselt wurde, war ein Heer von Spekulanten aus dem Westen, die nach dem freien Markt schrien und schnell ihresgleichen in den Gaunern und Korruptionsexperten fanden, von denen viele hohe kommunistische Funktionäre waren, die sich beeilten, sie auszunutzen und zu täuschen. Gleichzeitig wurde die formale «Demokratie» eingeführt, das heisst, es fanden einige Wahlen statt, die natürlich vom grossen Geld manipuliert wurden. Und in den Köpfen der Russen, deren Ersparnisse vernichtet wurden, die von Schlägern aus ihren Häusern vertrieben wurden, die ihre Arbeitsplätze und Renten verloren, wurde Demokratie zu einem Schimpfwort.

Menschen und Regierungen, die behaupten, Wladimir Putin für seine Aggression, seine Unterdrückung der Freiheit und seine Korruption zu verachten, schienen sich nicht daran zu stören, als sein Vorgänger Boris Jelzin all dies tat. Es ist ein faszinierender Kontrast. Jelzin befahl Panzern, sein eigenes Parlament anzugreifen, während seine Polizei Demonstranten niederschoss. Er wütete in Tschetschenien. Seine Wiederwahl stank nach Geld. Er war oft von Alkohol gelähmt und trotz seines groben Verhaltens ein gerngesehener Gast im Westen.

Doch im Gegensatz zu Putin unternahm Jelzin nichts, um die Oligarchen zu kontrollieren, liess es zu, dass der Westen die russische Wirtschaft weiter vergewaltigte, und protestierte vor allem nicht gegen die Demütigung seines Landes durch die fortgesetzte Nato-Osterweiterung in Europa. Diese war zu diesem Zeitpunkt bereits ein mehr oder weniger offen antirussisches Bündnis (gegen wen denn sonst?).

Verpasste Gelegenheit

Nach 1991 hatte Russland zum ersten Mal seit dem bolschewistischen Putsch von 1917 die Chance, eine freie Gesellschaft aufzubauen. Der unverdächtige George F. Kennan, der Architekt der amerikanischen Eindämmungspolitik gegenüber der Sowjetunion, nannte die Nato-Erweiterung eine Beleidigung für alle russischen Demokraten. Wir wendeten uns von den Menschen ab, die die grösste unblutige Revolution der Geschichte angezettelt hatten.

Inmitten der gegenwärtigen Anti-Putin-Hysterie bin ich der festen Überzeugung, dass die führenden Politiker des Westens die Krise, mit der wir heute konfrontiert sind, aus dem Nichts geschaffen haben. Ich glaube auch, dass viele von ihnen aus unterschiedlichen Gründen so leichtgewichtig sind, dass sie es geniessen, zu drohen – und nicht merken, dass dies tödlich ernst ist.

In öffentlichen Reden und privaten Annäherungen bittet uns Russland seit Jahren, ihm den grundlegendsten Respekt zu erweisen. Wir haben darauf mit Misstrauen und Beschimpfungen reagiert und mit unverhohlenen Versuchen, die Lage in der Ukraine und in Georgien zu verschärfen, zwei unglaublich gefährlichen Krisenherden, an denen nur allzu leicht ein echter Krieg ausbrechen könnte.

Da ich dabei war, als alles möglich war, an jenem Moskauer Sommertag 1991, kann ich diese verpasste Gelegenheit, Russland in die freie Welt einzubinden, weder verzeihen noch vergessen. Und ich denke, die Völker des Westens sollten sorgfältig nachdenken, bevor sie den Weg zu einer neuen, bitteren Teilung Europas einschlagen. Sie ist vermeidbar. Sie bringt uns nichts. Aber sie könnte uns alles kosten.

 

 

*Peter Hitchens zählt zu den profiliertesten Journalisten Grossbritanniens. Dieser Text basiert auf zwei Kolumnen, die er in der Mail on Sunday veröffentlich hat.

 

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