Schlaflose Nächte? Nein, danke!

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Editorial

Eros N. Mellini

Das manische Bedürfnis nach Aufmerksamkeit begleitet uns bereits ab der Kindheit. Die Neugeborenen drücken es mit ihrem Weinen aus. Sie weinen, wenn sie Hunger oder Durst haben. Sie weinen, wenn ihre Windeln voll sind. Sie weinen, wenn sie irgendwelche Schmerzen verspüren. Aber sobald sie einmal begriffen haben, dass die Eltern herbeieilen, wenn sie weinen, tun sie es auch ohne besonderen Grund, einfach deshalb, um im Zentrum der ihnen auch aus unerklärlichen Gründen gewidmeten elterlichen Aufmerksamkeit zu sein, da diese ihnen Verwöhnung und Liebkosungen beschert. Das Resultat: Verwöhnte Kinder, und von schlaflosen Nächten geplagte Eltern.

Unsere Gross- oder bereits Urgrosseltern hatten, zumindest viele von ihnen, ein Gegenmittel gefunden: Gleichgültigkeit. Wohlverstanden nicht absolute Gleichgültigkeit im Sinne von Verantwortungslosigkeit oder fehlender Mutter- oder Vaterliebe. Nein, es fehlte ihnen sicher nicht an Liebe für ihre Kinder, aber sie liessen sich deshalb von ihnen nicht mehr als erforderlich nötigen. Wenn sie sich sicher waren, dass ihr Kind mit der erforderlichen Regelmässigkeit ass und die Windeln soweit nötig gewechselt wurden, und in der Gewissheit, dass Liebkosungen nicht überlebenswichtig waren und problemlos zu besser geeigneten Tageszeiten verabreicht werden konnten, war die Regel die folgende: «Lass das Kind doch weinen; wenn es merkt, dass es nichts nützt, wird es schon damit aufhören!». Sicher war es manchmal so, dass die Fortdauer und Hartnäckigkeit des Weinens so eindringlich waren, dass die Eltern – die weitaus nicht derart unverantwortlich waren, wie man sie nach heutigen Massstäben einstufen würde – von der Regel abwichen und zum Bett des Kindes eilten, um möglicherweise festzustellen, dass es Fieber hatte oder Symptome aufwies, die einer Pflege oder gar des Arztes bedurften. Aber alles in allem funktionierte das System, und vielleicht auch dank der Verwendung von Ohrstöpseln konnten sich unsere Grosseltern einige Stunden wohlverdienter Ruhe gönnen.

Zynischer Egoismus? Nein, mit gesunder Angemessenheit erwiesene Liebe.

Was hat geändert?

Es kam dazu, dass die Jungen – die seit Urzeiten meinen, es besser zu wissen als ihre Vorfahren, um dann (manchmal) mit zunehmendem Alter klüger zu werden und von den «Alten» etwas zu lernen – zum Schluss gekommen sind, dass jegliches Weinen der Kinder IN JEDEM FALL von beachtenswerten Motiven ausgelöst werde. Daraus resultierten schlaflose Nächte, Nervenzusammenbrüche, Depressionen und geschwollene Tränendrüsen im Multipack, dies alles aus einem übersteigerten Pflichtgefühl heraus im Hinblick auf den hemmungslosen Aufmerksamkeitsanspruch, den die verwöhnten Kinder erheben. Die Folge davon ist eine Generation, die in der Überzeugung aufgewachsen ist (und diesen Glauben der folgenden Generation weiter gibt), dass ihr automatisch alles zustehe. Und dass ihr alles erlaubt sei, solange sie die Aufmerksamkeit nur ausreichend halsschreierisch auf sich lenke.

Wenn wir all dies auf die Gesellschaft übertragen

Die Erwachsenen verfügen im Gegensatz zu den Neugeborenen über zahlreiche Mittel, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und im Internet entstehen tagtäglich deren mehr. Um die Aufmerksamkeit auf sich zu richten, erlauben es die Social Networks, Blogs, Facebook, TikTok etc., über einen grossen Kreis von Followern zu verfügen (bzw. über einen Kreis von angeblich Gleichgesinnten), von denen die überzeugten Egozentriker irrigerweise annehmen, im Mittelpunkt des Weltinteresses zu stehen. Aber solange dies nur im Einzelfall in den Social Networks geschieht wird kein grosser Schaden angerichtet; sie schlicht und einfach zu ignorieren entspricht mehr oder weniger der Methode unserer Grosseltern, sich Stöpsel in die Ohren zu stecken.

Das Problem entsteht dann, wenn die Aufmerksamkeit nicht nur auf sich selber, sondern auf angeblich globale Probleme planetarischen Ausmasses gelenkt werden soll, wie den Klimawandel, die Umweltverschmutzung, das CO2, die Abholzung des Regenwaldes im Amazonasgebiet, ethnische Fehlleistungen – alles Dinge, denen sich unsere Vorfahren schuldig gemacht hätten, als diese noch keineswegs gesetzeswidrig waren, und für die wir uns aus irgendwelchen Gründen schuldig fühlen müssten – und vieles weitere, das die phantasievolle Gedankenwelt unserer heutigen «Gutmenschen» beseelen könnte.

Die zwecks Auflagesteigerung stets auf Skandalmeldungen fokussierten Medien kultivieren diese Themen, indem sie sich zum Sprachrohr machen für die Vollbringer absurder Tätigkeiten, wie etwa das Aufkleben der Hände auf Strassen oder Mauern oder das Verschmieren von Gemälden in Museen (die glücklicherweise mittels Glasscheiben geschützt sind).

Aber eben, es sind die Medien, die – ebenso wie jene Eltern, die mit ihrem übertriebenen Aufmerksamkeitswahn die Weinerlichkeit ihrer Kinder «prämieren» – in derselben Weise reagieren auf die idiotischen Handlungen von Leuten, die unter dem Vorwand eines lobenswerten Idealismus (die Rettung des Planeten) schlicht und einfach strafbare Vandalenakte verüben, die es richtigerweise rigoros zu bestrafen gälte.

Die Gefahr liegt darin, dass die Medien andererseits den Leuten das vermitteln, was diese – immer mehr geprägt von einem unerklärlichen Masochismus – zu lesen, hören oder sehen wünschen. Anders ausgedrückt, stellen die Medien einen Spiegel der Gesellschaft dar, einer immer verdorbeneren Gesellschaft, die fortlaufend häufiger die gesunden Werte der Vergangenheit verleugnet (Moral- und Verhaltensregeln, Freiheit, Unabhängigkeit) zugunsten von modernen Pseudo-Tugenden (Hyper-Toleranz, Selbstgeisselung, An-den-Pranger-Stellen all jener, die dem allgemeinen Trend nicht folgen, etc.).

Um die anfangs gewählte Metapher fortzusetzen: Diese Gesellschaft fordert uns immer mehr schlaflose Nächte ab, um weinerlichen Kindern Aufmerksamkeit zu schenken, die keineswegs hungrig oder durstig sind oder in vollen Windeln stecken, sondern nur die Aufmerksamkeit einer übertrieben nachsichtigen Gesellschaft einfordern. Wir müssen uns mehr Ohrstopsel beschaffen.

 

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