Die Wahrheit über Staaten

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Aus der Weltwoche vom 26.07.2023 ein Artikel von Linus Reichlin

Alle Kriege sind mafiös, auch die Kriege der Politiker. Aber was geht das uns an? Sollen doch die Bosse allein kämpfen.

Im Mai dieses Jahres mietete ich eine Ferienwohnung in Sanremo, nichtsahnend, dass in der Wohnung neben mir ein Ukrainer sein würde. Nach drei Tagen hasste ich ihn, aus mehreren Gründen. Erstens hatte seine Frau einen neurotischen Yorkshire Terrier, der mich bei jeder Begegnung in den Knöchel beissen wollte. Ich machte dem Hund keinen Vorwurf: Ihm hatte einfach niemand erklärt, dass meine Ferienwohnung nicht zu seinem Territorium gehörte. Mein Angebot zur sachlichen Diskussion darüber, dass nicht ich in sein, sondern er in mein Territorium eindrang, lehnte der Hund ab. Er wollte kämpfen, nicht reden.

Signor Tozzi, der Verwalter der Ferienwohnungen, hatte Verständnis für den Hund: «Er folgt doch nur seinem Instinkt!» Das stimmte natürlich, aber es ist eben nicht immer das Klügste, seinem Instinkt zu folgen. Kleine Hunde sind sich oft nicht bewusst, dass sie klein sind – infolgedessen kann die Territorialverteidigung für sie übel ausgehen, etwa wenn der Angreifer zehnmal grösser und stärker ist. Wenn es um Territorien geht, sollte man meiner Meinung nach geopolitische Sachlichkeit walten lassen und nicht Instinkte. Aber das war natürlich zu viel verlangt von einem Yorkshire Terrier, der es nicht auf die Liste der siebzehn intelligentesten Hunderassen geschafft hat.

Propaganda mit menschlichem Antlitz

Ich sage es hier ganz offen: Natürlich habe ich den Hund, als er wiederholt versuchte, mich auf meinem Territorium zu beissen, in seinen kleinen Unterleib getreten – im Sinne der bewaffneten Neutralität. Mein ukrainischer Nachbar sah es, sagte aber kein Wort. Er war gross, kräftig, keine vierzig Jahre alt, und er benahm sich, als ginge es ihn nichts an, dass ein kleiner, alter Schweizer das Hündchen seiner Frau trat. Ich entschuldigte mich bei ihm, wiederum sagte er kein Wort und verschwand in der Wohnung. Seine Frau war kommunikativer: Sie schaute mich immerhin entsetzt und strafend an und sammelte das Hündchen vom Boden auf.

Zuerst erklärte ich mir das Schweigen der beiden damit, dass sie einfach kein Englisch verstanden. In den folgenden Tagen kam es zu weiteren Begegnungen im Treppenhaus, und jedes Mal war ich der Einzige, der redete. Der Mann schwieg und hielt sich im Hintergrund, während ich der ebenfalls schweigenden Frau auf Englisch klarzumachen versuchte, dass Euthanasie für Hunde schmerzlos sei. Was zum Teufel war mit diesen Ukrainern los?

Irgendwann fiel dann bei mir der Groschen: Dieser Mann wollte nicht auffallen. Denn er war das, was die ukrainische Armee im Augenblick verzweifelt braucht: ein potenzieller Soldat. Diese Leute und ihr Hündchen waren hier nicht in den Ferien, sondern sie versteckten sich, in einer Wohnung mit Meerblick! Jetzt kapierte ich auch, warum sie die Scheiben der Balkonverglasung mit Badetüchern verdeckten: damit man von der Strasse her nicht sah, wer auf dem Balkon sass. Herrgott noch mal, das regte mich von Abend zu Abend mehr auf! Dieser kriegstaugliche Mann hockte hier in bella Italia und soff Rotwein, während andere ukrainische Männer in diesem Augenblick ihr abgerissenes Bein im Schlamm liegen sahen! Hatte der Mann keine Mutter? Er war, wie gesagt, keine vierzig Jahre alt, es war anzunehmen, dass seine Mutter noch lebte. Dieser Kerl überliess also die Verteidigung seiner Mutter fremden Leuten, und wenn der Krieg vorbei wäre, würde er wieder nach Hause fahren und seiner Mutter einen Panettone mitbringen – so stellte er es sich wahrscheinlich vor.

Es regte mich aber auch auf, weil dieser Krieg ja nicht gratis ist. Sogar der zu einer Propaganda mit menschlichem Antlitz neigende Sender ZDF gab kürzlich zu, dass der Krieg «Menschen mit mittleren und niedrigen Einkommen» finanziell belaste. Also: Wenn ich schon eine horrend hohe Nebenkostenabrechnung bezahlen musste, hatte ich doch wohl einen Anspruch darauf, dass die Ukrainer etwas lieferten für mein Geld! Ich bezahlen, du kämpfen – das ist doch der Deal! Und dann qualmte dieser Kerl auch noch von morgens früh bis abends spät auf dem Balkon, so dass ich mein Balkonfenster nicht offen lassen konnte. Dauernd hörte ich sein Rauchergehuste und dachte, dass einer, der so ungesund lebt, doch genauso gut in den Krieg ziehen könnte – wo ist der Unterschied?

Aber dann kam mir in den Sinn, dass der Ukrainer sich vielleicht einen Vortrag des Historikers John Mearsheimer von der University of Chicago angehört hatte. Mearsheimer ist der Meinung, dass alle Grossmächte nur ein Ziel haben: der einzige Boss zu sein. Es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um eine demokratisch regierte Grossmacht handelt oder um eine Diktatur: Alle Grossmächte verfolgen dieselbe Politik wie ein Mafiaboss.

Die Welt ist eine No-go-Area

Das Problem für Mafiabosse ist ja, dass es keine übergeordnete Instanz gibt, die ihnen Schutz und Gerechtigkeit garantiert. Wenn ein Mafiaboss das Territorium eines anderen Mafiabosses übernehmen will, kann der angegriffene Mafiaboss gegen seinen Bedroher ja nicht vor Gericht klagen. Er kann keinen juristischen Prozess anstreben wegen «versuchter feindlicher Übernahme der Kokainmärkte von Lower Manhattan und Downtown Brooklyn». Keine staatliche oder internationale Institution wird dem Mafiaboss Schutz bieten: Er ist auf sich allein gestellt.

Sein Überleben hängt davon ab, ob es seinen eigenen bewaffneten Killern gelingt, die Killer des gegnerischen Mafiabosses zu besiegen. Manchmal mischt sich ein dritter Boss ein, der, um seine eigene Macht zu stärken, sich als Verbündeter andient. Vielleicht schliessen sich dem Bündnis noch weitere kleinere Mafiabosse an, die sich ebenfalls vor jenem Boss fürchten, der sein Territorium vergrössern will. Nur in einem Bündnis haben die kleineren Mafiabosse eine Chance zu überleben: Ein solches Bündnis nennt man dann zum Beispiel Nato.

Das ist zugegebenermassen eine etwas verkürzte und vereinfachte Darstellung. Aber leider stimmt sie mehr oder weniger. Es gibt keine übergeordnete Instanz, an die ein Staat sich wenden kann, wenn er angegriffen wird. Die Uno hat weder die Befugnis noch die Möglichkeit, einen angegriffenen Staat zu beschützen. Es gibt auf globaler zwischenstaatlicher Ebene schlicht keine Polizei – die Welt ist auf staatlicher Ebene eine einzige No-go-Area, in der Selbstjustiz herrscht. Alle Staaten müssen sich deshalb selbst schützen – es gilt das Recht des Stärkeren.

Innenpolitisch mag ein Staat demokratisch sein, sich streng an die Menschenrechte halten und öffentliche Toiletten für fünf Geschlechter bauen. Aber auf internationaler Ebene setzt er auf Einschüchterung, Erpressung, Gewalt, Bündnisse und Hinterlist und verhält sich damit nicht anders als ein Staat, der Oppositionelle ins Gefängnis steckt. Das ist die bittere Wahrheit über Staaten. Bitter, weil der einzelne Bürger, egal, ob er wählen darf oder nicht, nicht die geringste Möglichkeit hat, an den Verhältnissen etwas zu ändern. Die Regierungen der einzelnen Staaten wiederum müssen, egal, ob sie demokratisch gewählt oder selbsternannt sind, versuchen, ihren Staat möglichst weit hochzuboxen, möglichst mächtige Verbündete zu gewinnen und wirtschaftlich immer stärker zu werden – denn andernfalls gewinnen andere Staaten an Macht und Einfluss.

Vielleicht sah also mein ukrainischer Nachbar die Welt ähnlich wie ich: Russland und die USA – zwei konkurrierende Mafiabosse. Der eine war früher ganz gross im Geschäft, dann folgte ein jäher Abstieg, von dem der andere Mafiaboss profitierte. Dieser dachte schon, dass er seinen Konkurrenten für immer aus dem Geschäft rausgedrängt habe (Sieg im Kalten Krieg) – aber jetzt macht der Abgestiegene plötzlich wieder Ärger. Wie reagiert man da als Mafiaboss? Man erteilt dem Aufmüpfigen eine Lektion und zeigt ihm, wer der einzige Boss ist («Wir wollen Russland geschwächt sehen» – Joe Biden). Vielleicht hatte mein Nachbar einfach erkannt, dass er selbst auf all diese Vorgänge nicht den geringsten Einfluss hat. Soll er nun dafür sterben, dass Staaten sich wie Gangster verhalten? Sind dafür nicht früher schon Millionen Männer gestorben, ohne dass sich dadurch irgendetwas zum Besseren verändert hätte?

Lichter des Hafens

Ich sass in Sanremo auf meinem Balkon, hörte den Kerl husten, schaute auf die glitzernden Lichter des Hafens und dachte, dass der Mann recht hatte. Alle Kriege sind mafiös, weil die zwischenstaatlichen Strukturen mafiös sind. Aber was geht das uns an? Sollen doch die Bosse allein kämpfen. Es hört ja ohnehin nicht auf. Es sind Bandenkriege, wie in den dreissiger Jahren in Chicago. Und der nächste Bandenkrieg zeichnet sich ja schon ab: USA, alter Boss, und China, neuer, aufsteigender Boss. Alter Boss und neuer Boss: Bei dieser Konstellation kracht es historisch gesehen fast immer. Aber was, wenn sich die chinesischen Männer ihrer Einberufung durch Flucht nach Italien entzögen und die amerikanischen auch? Wenn sie alle gemütlich auf getrennten Balkonen Rotwein tränken und dem Zirpen der Grillen lauschten?

Als ich am nächsten Morgen den Ukrainer unten auf dem Parkplatz sah – er ging mit dem verfluchten Hündchen Gassi – ging ich runter und sagte: «What you do is not a bad idea.» Kann sein, dass er nicht verstand, wovon ich sprach. Ist sogar anzunehmen. Egal, ich wollte es nur gesagt haben.

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