Die Kultur der Angst

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Eros N. Mellini

Editorial

«Es ist besser, nicht perfekte Entscheidungen zu treffen, als dauernd nach perfekten Lösungen zu suchen, die man nie finden wird.» (Charles De Gaulle)

Die Menschheit hat immer in Angst gelebt. Angst vor dem Tod, vor Armut, Krankheiten, Unglück und vielem anderen mehr. Darauf hat sie manchmal rational reagiert, manchmal nicht. So hat man sich die Religionen ausgedacht, die es den Menschen einigermassen erlaubten, ihnen die Angst vor dem Tod zu nehmen, indem man sie mit der Vorstellung vertröstete, dass uns nach dem Ende unseres Lebens im Jenseits ein anderes Leben erwarte. Auf die Armut hat man mit der Schaffung von Einkommen aus Arbeit, aber auch aus Diebstahl oder Ausbeutung und Missbrauchs von Mitmenschen reagiert. Den Krankheiten hat man die Medizin und die Forschung entgegen gesetzt, dem Unglück sämtliche Vorteile, welche das Geld bringen kann – ungeachtet dessen, ob es ehrlich verdient wurde oder nicht – oder, alternativ, die träge und oft scheinheilige resignierte Haltung jener, die behaupten «Geld mache nicht glücklich». Die Angst begleitet somit all unsere wichtigen Entscheidungen, aber meistens vermögen wir sie dadurch zu überwinden, dass wir das eine oder andere Risiko eingehen, um unser Leben nicht auf ein trauriges und träges Warten auf den Tod, ohne jeden Ehrgeiz und ebenso wenig freudlos, hinauslaufen zu lassen.

Persönlich stört mich dieses Phänomen nicht übermassen, solange es individuell bleibt und mich in seinen Konsequenzen nicht direkt betrifft. Aber leider greift es mehr und mehr auf die Gesellschaft über, die, wie man weiss, noch immer von Menschen regiert wird; und schlimmer noch: von Menschen, die immer weniger von den Werten überzeugt und geprägt sind, die einst als heilig und unverzichtbar galten im Schulsack jener, welche das Land leiten wollten: Würde, Treue, Nationalstolz.

Wenn die Angst die Politik ausbremst

Das jüngste Beispiel dafür ist die unterwürfige Haltung des Bundesrates und eines grossen Teils von Bundebern gegenüber der EU. Beginnend mit der Propaganda zugunsten des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) im Jahre 1992 bis hin zu jener unserer Tage zugunsten des Rahmenabkommens erlebten wir drei Jahrzehnte lang die Verbreitung apokalyptischer Szenarien für den Fall, dass wir uns nicht den – oft absurden – Forderungen der EU beugten. Schlimmer noch: 30 Jahre dauernder Gewährung von Konzessionen (Bankgeheimnis, Kohäsionsmilliarden, Personenfreizügigkeit etc.), die man sich vom Schweizer Volk dadurch absegnen liess, dass man stets den «Teufel EU» an die Wand malte, diesem Ungeheuer, das nicht davor zurückschrecken würde, uns aufzufressen, sollten wir es wagen, die eine oder andere Forderung punkto Souveränität und Selbstbestimmung vorzubringen.

In Tat und Wahrheit ist es keineswegs so, dass uns die EU – wenn unsere Regierenden gelegentlich mal in einem untypischen Aufbäumen von Würde deren Forderungen zurückwiesen – Höllenqualen bereitet hätte; und wenn sie es versuchte (wie beispielsweise mit der Börsenäquivalenz), stellte sie fest, dass der «Plan B» von Ueli Maurer der Schweiz nur Vorteile gebracht hat. Aber nein, man fährt fort mit der Politik der Angst, ungeachtet der Tatsache, dass die dieser feigen Haltung zugrunde liegenden apokalyptischen Szenarien dieselben sind wie jene, die nach dem NEIN zum EWR 1992 weder an Felbers und Delamuraz’ «schwarzem Sonntag» noch in den 30 darauf folgenden Jahren eintrafen.

 

Der Rahmenvertrag wird dem Volk nicht so sehr wegen seiner angeblichen Vorteile verkauft – Vorteile, die effektiv nur der EU zukommen – sondern aus Angst vor den ebenso angeblichen Repressalien, welche unser unangenehmer Nachbar uns gegenüber ergreifen könnte. Nach der Reise von Guy Parmelin nach Brüssel dürfte es – angesichts der Unnachgiebigkeit der EU-Kommission – für alle klar geworden sein, dass das institutionelle Abkommen gestorben ist; aber nein, um Gottes willen, man will den entscheidenden Schritt nicht unternehmen und dies Brüssel offiziell mitteilen; man sagt stattdessen «die Gespräche seien nicht unterbrochen», unsere Verhandlungsführerin Staatssekretärin Livia Leu führe die «technischen Verhandlungen» weiter.

Dies obschon auch wir eigentlich sehr gute Trumpfkarten in der Hand hätten. Man denke schon nur an die Möglichkeit, die Schliessung des Transitverkehrs auf der Strassenverkehrsachse Nord-Süd ins Spiel zu bringen, um es der Schweiz zu erlauben, auf gleicher Augenhöhe mit der EU zu verhandeln. Aber eben: Dafür bedürfte es Politikern, die dazu Mann’s genug und sich bewusst sind, dass die Schweiz sehr wohl Hand bieten könnte für vernünftige Kompromisse, dass es aber Grenzen gibt, die nicht überschritten werden dürfen, ohne in die Prostitution zu verfallen. Es brauchte Politiker, die sich der Stärken unseres Landes bewusst sind, und nicht solche, die aus Angst vor der Gefahr allfälliger, höchstens hypothetischen Repressalien dauernd am Zittern sind.

 

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