Stolpert das hochmütige Europa erneut in einen grossen Krieg?

Mag 18 • Dalla Svizzera, Deutsche Seite, In terza, L'opinione, Prima Pagina • 245 Views • Commenti disabilitati su Stolpert das hochmütige Europa erneut in einen grossen Krieg?

Ein interessanter Artikel aus der Weltwoche vom 08.05.2026

Der heutige 8. Mai ist mehr als ein blosses Gedenkdatum; er ist eine drängende Mahnung an die intellektuelle Nüchternheit. Doch während wir uns der Befreiung vom Grauen des Zweiten Weltkriegs erinnern, scheint Europa in einer skurrilen Sorglosigkeit erneut in eine gefährliche Eigendynamik hineinzustolpern. Die sogenannte regelbasierte internationale Ordnung bricht vor unseren Augen zusammen. Das Völkerrecht ist zur Disposition gestellt, und die Grossmächte – ob in Washington, Moskau oder Peking – sichern sich ihre Stücke vom Kuchen, während Deutschland und die EU in einem Gefühl der moralischen Unverwundbarkeit agieren, das mit der harten Realität kaum noch etwas zu tun hat.

Besonders besorgniserregend ist die Lage in Moskau. Wer die Mühe auf sich nimmt, in die «andere Geländekammer» zu blicken, erkennt, dass der Druck auf Wladimir Putin massiv anwächst. Entgegen westlichen Hoffnungen fordern informierte Kreise und sogar gemässigte Russen kein Ende der Kampfhandlungen, sondern ein härteres Durchgreifen. Man wirft dem Kreml vor, gewissermassen auf der Bremse zu stehen, während ukrainische Drohnen immer tiefer ins russische Hinterland vordringen. Putin gerät unter Zugzwang, sein Gesicht nicht zu verlieren. In dieser psychologischen Konstellation steigt die Gefahr einer massiven Eskalation sprunghaft an. Wenn man eine Atommacht zu lange in der Enge provoziert, muss man mit einem fürchterlichen Prankenschlag rechnen – eine Gefahr, die angesichts hiesiger Jubelmeldungen über russische Rückschläge sträflich unterschätzt wird.

Europa, getrieben von einem Kult der Eskalation und des Moralismus, giesst derweil tonnenweise Benzin ins Feuer. Durch die kritiklose Bejubelung der Kiewer Führung wurde eine Dynamik entfesselt, die die Nato immer tiefer in den Abgrund hineinzuziehen droht. Die Medien haben ihre kritische Aufsichtsfunktion weitgehend aufgegeben und kultivieren stattdessen eine hämische Suffisanz gegenüber Russland. Dabei steht die EU militärisch faktisch nackt da. Man hat sich in fast allen Bereichen übernommen – von der Migration bis zur Energiepolitik – und führt nun eine Aussenpolitik jenseits aller Proportionen. Dieses Schlafwandeln erinnert fatal an die Vorphase des Ersten Weltkriegs, als man sich im vollen Bewusstsein, alles unter Kontrolle zu haben, in die Katastrophe stürzte.

Die entscheidende Lehre aus dem 8. Mai und unserer Geschichte muss daher lauten: Man darf einer Regierung niemals blind vertrauen. Demokratie ist die Staatsform des institutionalisierten Misstrauens. Wenn die freie Diskussion durch Brandmauern und eine Art Parteidiktatur ersetzt wird, steigt das Risiko von Fehlentscheidungen massiv an. Deutschland müsste eigentlich als Friedensmacht und neutrale Vermittlungsinstanz zwischen West und Ost fungieren, statt sich auf eine abschüssige Bahn der Daueraufrüstung zu begeben. Es wäre an der Zeit, sich an die realpolitische Besonnenheit eines Helmut Schmidt zu erinnern und die eigenen nationalen Interessen wieder in das Zentrum einer nüchternen Analyse zu stellen. Nur durch die Freiheit der Rede und den Mut zur ungeschminkten Wahrheit lässt sich der drohende Höllensturz verhindern.

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