Satirische Humoreske: Interview mit dem ukrainischen Präsidenten Selenski

Nov 4 • Deutsche Seite, L'opinione, Prima Pagina • 192 Views • Commenti disabilitati su Satirische Humoreske: Interview mit dem ukrainischen Präsidenten Selenski

Ronco (R): «Vielen Dank, dass Sie mir für “Il Paese” ein kurzes Interview gewähren.»

Selenski (S): «Keine Ursache, ich gebe tagtäglich von morgens bis abends Interviews, mache ja schon nur noch das.»

R: «Herr Präsident, Sie haben kürzlich unseren Bundespräsidenten Cassis anlässlich seiner populistischen Politexkursion nach Kiew empfangen. Er hat danach hier gesagt, Sie hätten sich seit eurem früheren Treffen verändert, Sie seien bedeutend staatsmännischer aufgetreten.»

S: «Ich danke ihm für dieses Kompliment, das ich gerne erwidere. Er ist – so wie ich – aber wohl nicht staatsmännischer, sondern eher populistischer geworden. Ich musste es in meinen Kontakten zur westlichen Weltgemeinschaft werden, weil ich für mein Land dringend jede nur mögliche Hilfe brauche, und er wurde es aus rein innenpolitischen Motiven – er möchte ja nächstes Jahr als Bundesrat wiedergewählt werden. Und so haben wir uns halt publikumswirksam zum beidseitigen Nutzen die Hand geschüttelt».

R: «Ja, das wurde auch hier teilweise so empfunden. Viele von uns hätten es vorgezogen, wenn Cassis nicht nur mit Ihnen in Kiew die Hand geschüttelt, sondern seinen Politausflug nach Moskau fortgesetzt und dort mit Putin einen politischen Judo-Kampf ausgetragen hätte.»

S: «Das hätte ich ihm nicht empfohlen. Putin hat im Judo den schwarzen Gürtel, also die höchste Dan-Bewertung. Cassis hätte den Kampf haushoch verloren. Auch dann, wenn’s statt zum Judo zum Schwingen gekommen wäre. Putin als Sieger hätte dem Verlierer Cassis nach verlorenem Schwingerkampf genüsslich das Sägemehl von den Schultern geklopft, so wie das bei euch ja üblich ist. Dennoch…»

R: «Dennoch was …?»

S: «Ich treffe mich ja auch nicht mit Putin, weil auch ich nicht auf der Matte oder im Sägemehl landen möchte. Aber ich bin im Krieg mit ihm, und so kann ich das ohne allergrössten Prestigeverlust ohnehin nicht tun. Die Schweiz ist als neutraler Staat in einer ganz anderen Ausgangslage. Sie hat ausser ihrer Glaubwürdigkeit als neutraler Staat nichts zu verlieren, auch wenn man ihrem Präsidenten etwas Sägemehl von der Schulter klopft. Im Gegenteil, als würdiger Verlierer würde er von Putin eher noch geschätzt».

R: «Will heissen…?».

S: «Schauen Sie mal: Irgendwann mal wird dieser Krieg beendet werden müssen, denn die Opfer und Schäden auf beiden Seiten sind tagtäglich enorm. Aber wer soll’s denn tun? Ich kann es nicht, und auch Putin aus populistischen Gründen ebenso wenig. Es bedürfte eines glaubwürdigen neutralen Vermittlers, um eine Lösung des Konflikts auszuhandeln. Die NATO-Staaten kommen dafür ja sicher nicht in Frage, auch der NATO-Abtrünnige Erdogan aus der Türkei nicht. Doch die Schweiz? Nun ja, die Schweiz käme dafür durchaus in Frage, dies aber nur wenn…».

R: «Wenn was…?»

S: «Wenn die Schweiz halt nebst ihrer äusserst geschätzten Unterstützung für uns Ukrainer als hochgeachteter neutraler Staat auch mutig und offen mit Putin sprechen würde, statt nur aus ihrer geschützten Werkstatt wirkungslose EU-Sanktionen gegen Russland zu unterstützen. Die helfen uns zwar im Moment moralisch klein wenig etwas, aber sie lösen den Konflikt nicht im Geringsten».

R: «Was sollte die Schweiz denn nun also konkret tun?»

S: «Am besten wär’s, sie würde völlig neutral bleiben resp. wieder neutral werden wie sie es früher stets war, und sich bei beiden Konfliktparteien um Gesprächsbereitschaft bemühen, um den festgefahrenen Dialog wieder in Gang zu bringen. Sonst hört das Elend hier nie auf. Mit Putin wird man halt reden müssen. Tun Sie es, ich darf’s nicht.»

R: «Soll unser Präsident Cassis das tun?»

S: «Das muss ich der Schweiz überlassen. Cassis scheint mir schon etwas “verbraten” zu sein. Aber nächstes Jahr habt ihr ja einen neuen Bundespräsidenten, oder? Wird’s nicht ein gewisser Berset, und ihr hättet ja zuhauf exzellente Diplomaten für die zwingend nötigen Vorkontakte. Warum nicht etwa z.B. den ex-Staatssekretär Michael Ambühl, euren ehemaligen Chefunterhändler mit der EU, beauftragen, mal exploratorische Gespräche zu führen mit dem nahen Umfeld von Russlands Aussenminister Lavrov?  Zu verlieren gäb’s für euch Schweizer wenig, zu gewinnen aber viel».

R: «Das wäre sicher klug, dürfte für uns aber eher schwierig sein. Den Versuch wäre es sicher wert. Lieber Präsident Selenski, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch».

 

Ronco

 

P.S. Es versteht sich von selbst, dass dieses Interview natürlich nie stattgefunden hat.

 

Comments are closed.

« »