Gesundheitswesen quo vadis?

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Dossier KVG

Dr. med. Milagros Burkhard-Garcia
Ehemalige Kinderärztin am Holy Child Hospital von Dumaguete City (Philippinen)

In den letzten vier Ausgaben unserer Zeitung haben wir eine Artikelreihe über die Probleme des Gesundheitssystems bzw. Krankenversicherungsproblems der Schweiz veröffentlicht. Aber nicht nur hierzulande ist das Gesundheitswesen ein Riesenproblem, in anderen Staaten ist’s weitaus schlimmer. Um einmal, als Gegensatz, die Verhältnisse in einem völlig anderen Staat als dem unsrigen zu skizzieren, hat Dr.med. Mila Burkhard-Garcia in einem Artikel unserer Serie das System in den Philippinen beschrieben, wo sie bis 1977 als Ärztin tätig war und noch heute von der Schweiz aus gute Kontakte zur dortigen medizinischen Fachwelt unterhält.

Das Gesundheitswesen in den Philippinen

Um das heute in den Philippinen praktizierte Gesundheitssystem zu verstehen, bedarf es vorerst einiger einleitender Erklärungen über dieses faszinierende, aber so unterschiedliche fernöstliche Land:

    • Geographie/Bevölkerung: Die Philippinen sind mit 7’107 Inseln der weltweit zweitgrösste Inselstaat, unterteilt in die drei Inselgruppen Luzon (mit der Hauptstadt Manila), die Visayas und Mindanao. Es gibt 80 Provinzen (vergleichbar mit unseren Kantonen), 138 Städte und rund 1’500 Gemeinden. Im Jahre 2018 betrug die Bevölkerung rund 107 Millionen, 92% Christen und 6% Muslims. Die Armut ist und bleibt gross. Das Land wird oft von Naturkatastrophen (Erdbeben, Stürme) heimgesucht. Ein weiteres Problem ist die hohe Geburtenrate der Bevölkerung, was die Armutsbekämpfung vorweg in ländlichen Regionen stark erschwert, sowie hohe Kriminalität und Korruption.
    • Geschichte: Prähistorisch wenige Eingeborene als Fischer und Jäger (Negritos), dann Einwanderung von Indonesiern und Malayen. Rudimentäre Heilpraktiken sind bereits aus dieser Zeit bekannt, bevor die Inselgruppe unter spanische Kolonialherrschaft (1561 – 1898) kam. Unter den Spaniern erhielten die Philippinen erstmals eine Art Gesundheitssystem; die spanischen Mönche verbanden ihre medizinischen und pharmazeutischen Erkenntnisse mit den bestehenden Heilpraktiken, und die Spanier eröffneten die erste Medizinalschule und gründeten die ersten Spitäler und Apotheken. 1898 verloren die Spanier den Krieg gegen die USA, welche dann das Land bis 1945 kolonialisierten und die medizinische Versorgung ausbauten. 1946 wurden die Philippinen unabhängig und erlebten danach ein grosses Wirtschaftswachstum. In der Ära des Diktators Marcos (1965 – 1986) ging es dem Land wirtschaftlich schlechter, aber eine der Prioritäten der Marcos-Administration war das Gesundheitswesen: In dieser Zeit wurden in Manila vier spezialisierte Spitäler gebaut dank ausländischen Investoren; diese Spitäler sind heute Referenz- und Universitätsspitäler und bieten private wie öffentliche Dienste an; in der Marcos-Zeit wurden zudem die Absolventen einer medizinischer Ausbildung dazu verpflichtet, während 6 Monaten in abgelegenen Landregionen tätig zu sein. In den Jahren 1986 – 1992 geschah nicht mehr viel. Erst2010 – 2016 wurden mit Präsident Aquinos Gesundheitsreform die Gesundheits-Infrastrukturen erneuert und ausgebaut.

Das System der Gesundheitspflege

2012 beschrieb die Weltgesundheitsorganisation WHO das philippinische Gesundheitssystem als „fragmentarisch und unzureichend durch die Regierung unterstützt, mit fehlenden Anreizen für die Anbieter medizinischer Leistungen, einer schwachen sozialen Abfederung und einer hohen Ungleichheit“. 

Gemäss WHO wird ein Gesundheitssystem durch die folgenden sechs Faktoren bestimmt:

  1. Führung und staatliche Leitung
  2. Effektiv geleistete medizinische Versorgung
  3. Finanzierung der medizinischen Grundversorgung
  4. Das Medizinalpersonal
  5. Medikamente und Medizinaltechnologie
  6. Die Informationssysteme im Gesundheitswesen.

Im folgenden will ich Ihnen das derzeitige philippinische Systems anhand dieser 6 Kriterien erklären.

  1. Führung und staatliche Leitung

Das Gesundheitsministerium (Department of Health, DOH) ist – analog unserem Bundesamt für Gesundheit BAG – die national zuständige Behörde für die Gesundheitspolitik und die Programme, die Ausführungsbestimmungen und die Überwachung der öffentlichen wie privaten Gesundheitsversorgung. Das DOH operiert auf nationale Ebene mit Vertretungen in den Provinzen, Distrikten, Städten und Gemeinden. Jede dieser Ebenen ist für ihren eigenen Bereich autonom entscheidberechtigt. Die Gesundheitssituation ist gekennzeichnet durch drei Typen von Krankheitsbelastungen: I. (übertragbare Krankheiten wie infektiöse Diarrhöe, Lungenentzündung, HIV / AIDS,, Tuberkulose, inkl. Ernährungsmangels und mütterliche und neonatale Störungen), des Typs II (nicht übertragbare Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes und Krebs), und III (Zivilisationskrankheiten inkl. psychische Probleme und Drogenmissbrauch).

     2. Effektiv geleistete medizinische Versorgung

Die medizinische Versorgung erfolgt auf der Grundlage des ursprünglich von den Spaniern ein- und sodann von den Amerikanern weitergeführten Gesundheitsmodells westlicher Prägung. Dieses System wird überlagert von vorgängigen Modellen basierend auf einem Mix von rudimentären Heilpraktiken, der Herbalmedizin sowie Glaubens- und anderen traditionellen Heilpraktiken (Geistheiler !).

Diese Versorgung erfolgt auf drei Stufen:

    1. Primäre Versorgung: Zumeist erfolgt sie auf Gemeinde- und Distriktkrankenstationen und wird von den Armen und Fastarmen kostenlos in Anspruch genommen, deckt aber nur das Minimum ab (Impfungen, Gesundheits- und Ernährungsaufklärung, Familienplanung und Behandlung minderer Krankheiten und Unfallfolgen).
    2. Sekundäre Versorgung: Diese Versorgung erbringen die Stadt- und Provinzspitäler (mit öffentlichen und privaten Diensten) welche ambulante- und stationäre Krankenhauspflege für kurze aber ernsthafte Erkrankungen, Laboruntersuchungen, Spezialbehandlungen, Notfallhilfe und dringenden Zahnproblemen erbringen.
    3. Tertiäre Versorgung: In der Regel für stationäre Patienten auf Einweisung von einem primär oder sekundär tätigen Arzt/Aerztin zu einem tertiären spezialisierten Spital.Diese drei Stufen der Gesundheitsversorgung funktionieren nach den Prinzipien ÖFFENTLICH, PRIVAT und UNIVERSAL (gemischt ÖFFENTLICH-PRIVAT). Die öffentliche Versorgung wird zumeist von den Armen und Fastarmen in Anspruch genommen. Die private Versorgung wird ungefähr von 30% der Bevölkerung beansprucht, welche sich das leisten kann.Begüterte Filipinos ziehen die private Gesundheitsversorgung vor, weil diese weitaus bessere Leistungen erbringt. Die minderbemittelten Filipinos geben sich mit der qualitativ schlechteren öffentlichen Versorgung zufrieden. Die Medizinalversorgung in privaten Spitälern ist zumeist qualitativ besser, aber sie ist auch viel teurer. Es erwies sich, dass die Mehrheit der Patienten (sowohl öffentliche als auch private) vieles aus dem eigenen Sack zahlen und ihr Einkommen und ihr Erspartes dafür hergeben müssen.

 

Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe

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