Fünf Behauptungen über die Zuwanderung – und warum sie nicht stimmen

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Wir sind bewusst, dass die Zeit knapp wird, dass die Meinungen mittlerweile gefestigt sind und dass sogar die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger bereits abgestimmt hat. Dennoch – da das Rennen auf Messers Schneide steht und daher jede einzelne Stimme zählt – wenden wir uns an diejenigen, die zwar die Inhalte der Initiative «NEIN zu einer 10-Millionen-Schweiz» teilen, aus ihren eigenen Gründen aber in der Regel nicht zur Wahl gehen. Bis Sonntag um 12 Uhr mittags haben Sie noch Zeit: Begeben Sie sich zu den Wahllokalen in Ihrer Gemeinde und geben Sie ein JA in die Urne. Für das Land, für Sie und für Ihre Kinder. (Die Redaktion)

Debatte zur Nachhaltigkeits-Initiative

Aus dem «Nebelspalter» vom 09.03.2026, ein interessanter Artikel von Julian Bieri

Die Fakten: In der Zuwanderungsdebatte kursieren seit Jahren Behauptungen über ihre Vorteile – viele davon halten einer Überprüfung nicht stand.
Warum das wichtig ist: Die Gegner der «Nachhaltigkeits-Initiative» haben ihre Kampagne lanciert. Die Initiative fordert, dass die Wohnbevölkerung der Schweiz nicht über 10 Millionen Einwohner steigen soll. Der «Nebelspalter» hat fünf Behauptungen der Gegner mit Analysen des Vereins Facts 4 Future überprüft.

Behauptung 1: Dank der Personenfreizügigkeit kann der Fachkräftemangel gelöst werden
O-Ton Peter Schilliger (FDP): «Das Abkommen über die Personenfreizügigkeit gewährleistet seit Jahrzehnten, dass wir unseren Bedarf an Fachkräften sicherstellen können.» (Debatte im Nationalrat, 22.9.2025)

Fakt ist: Trotz Personenfreizügigkeit klagen Betriebe zunehmend, dass sie keine Fachkräfte finden. Der Vertrag mit der EU löst das Problem keineswegs – stattdessen leiden heute anteilsmässig mehr als doppelt so viele Betriebe wie 2004 unter Rekrutierungsschwierigkeiten bei der Suche nach qualifiziertem Personal.


Behauptung 2: Wohnraum ist nicht wegen der Zuwanderung knapp, sondern weil die Ansprüche mit dem Wohlstand steigen.
O-Ton Matthias Jauslin (GLP): «Engpässe (beim) Wohnraum (…) sind keine Folge von Migration, sondern die Folge des Wachstums und des Wohlstandes.» (Debatte im Nationalrat, 29.5.2025)

Fakt ist: Tatsächlich wird in der Schweiz immer mehr Wohnfläche benötigt. Allerdings ist dies nur zu einem kleinen Teil auf wachsende Ansprüche zurückzuführen. Facts 4 Future hat berechnet, dass 82 Prozent der seit dem Jahr 2000 zusätzlich benötigten Wohnfläche durch das Bevölkerungswachstum verursacht wurden.

Behauptung 3: Es gibt zwar Probleme bezüglich Strom, Umwelt und Flächenbedarf, doch diese können anders gelöst werden als mit der Kündigung der Personenfreizügigkeit
O-Ton Franziska Ryser (Grüne): «Ansätze dafür sind bekannt, nämlich in den urbanen Räumen verdichten, das 15-Minuten-Dorf als Grundlage der Raum- und Verkehrsplanung etablieren, Energieeffizienz fördern, Food Waste vermeiden, den Flächenbedarf pro Kopf reduzieren.» (Debatte im Nationalrat, 25.9.2025)

Fakt ist: An der Lösung dieser Probleme arbeitet die Politik schon lange – ohne Erfolg. Dies zeigt sich am Beispiel Strom: Bereits 1988 sprach Adolf Ogi als Bundesrat mit seiner legendären Eierkoch-Methode über das Energiesparen. Tatsächlich konnte die Energieeffizienz bei vielen Anwendungen (zum Beispiel Lampen) erhöht werden. Doch das Bevölkerungswachstum macht alle Anstrengungen zunichte. Der Stromverbrauch aller Haushalte zusammen stieg seit dem Jahr 2000 um ein Viertel, obschon die einzelne Person immer noch etwa gleich viel Strom verbraucht.

Behauptung 4: Es braucht die Zuwanderung für die wirtschaftliche Entwicklung
O-Ton Céline Widmer (SP): «Zuwanderung ist für die Schweiz und besonders für die vielfältigen Städte wie Zürich eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Voraussetzung.» (Debatte im Nationalrat, 25.9.2025)
Fakt ist: Die Wirtschaft wächst zwar, allerdings ist das Wachstum pro Kopf deutlich geringer als das absolute Wachstum. Manche Ökonomen – wie beispielsweise der Luzerner Professor Christoph Schaltegger – bewerten die Personenfreizügigkeit sehr viel kritischer als die EU-Turbos. Er weist auf die zahlreichen Folgekosten der Zuwanderung hin.

Behauptung 5: Die mit Steuerdumping geförderte Ansiedlung von Firmen führt überhaupt erst zur Zuwanderung von Personen
O-Ton Jacqueline Badran (SP): «Bei der Migration aus wirtschaftlicher Gier geht es um Steuerdumping (…). Wo ein Headquarter hinzieht, zieht das auch immer eine Folgemigration nach sich. Irgend jemand muss denen ja ihre Hintern abwischen, ihre Häuser aufstellen, sie in den Spitälern pflegen. Diese Folgemigration macht die grosse Masse aus und verursacht erst die ganzen Engpässe – bei den Spitälern, in den Schulen, auf dem Wohnungsmarkt.» (Interview mit der WOZ, 23.12.2012)

Fakt ist: Es siedeln sich immer weniger ausländische Firmen neu in der Schweiz an. Damit werden auch viel weniger Stellen durch zuziehende Firmen geschaffen. 2007 waren im ersten Betriebsjahr nach der Ansiedlung noch 3’417 Stellen durch die zugezogenen Unternehmungen erschaffen worden. Im Jahr 2024 lag diese Zahl bei nur noch 716 Stellen. Selbst wenn Neuansiedlungen noch eine Folgemigration auslösen, die in diesen Zahlen nicht enthalten ist – ein bedeutender Treiber für das hohe Bevölkerungswachstum sind zuziehende Firmen nicht (mehr). Dennoch wiederholt Badran ihre Behauptung weiterhin. Ob sie die Zahlen kennt, ist nicht bekannt.

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