Die Vaseline der «politischen Korrektheit»
Editorial
Zölle hoch, Zölle runter, Karin Keller Sutter lech mir am A., Grönland für mich, Weltfrieden ist meine Sache, der Nobelpreis steht mir zu, usw. Donald Trumps Rede beim WEF kann auf viele Arten definiert werden, je nach politischer Ausrichtung, aber auch je nach der in unseren Breitengraden vorherrschenden Kultur, die der Form mehr Bedeutung beimisst als dem Inhalt – zumindest wenn es nützlich ist. Persönlich glaube ich, dass die Reaktionen auf die «Performance» des amerikanischen Präsidenten in Davos in drei Arten unterteilt werden können: die der einfachen, nicht politisch engagierten Bevölkerung, die der linken Politiker und die ihrer Kollegen von der rechten Seite
Der Mann (oder die Frau) von der Straße
Auch diese Kategorie muss in zwei Gruppen unterteilt werden: diejenigen, deren politische Sichtweise der der Mainstream-Medien entspricht – Nachrichten und/oder Fake News, das spielt keine Rolle, man folgt der Herde in der Überzeugung, eine eigene Meinung zu haben – und die anderen, denen Politik völlig egal ist, die aber die rein «Gossip» Seite (ich entschuldige mich, wenn ich zu Ehren des amerikanischen Präsidenten mit Anglizismen übertreibe) der Berichterstattung nicht verschmähen. Die ersten sind mittlerweile so sehr von «politischer Korrektheit» durchdrungen, dass sie ihrer Empörung über die Respektlosigkeit des guten Donald uns gegenüber Luft machen, aber wenn man genau darüber nachdenkt, gegenüber allem, was nicht «made in USA, possibly great again» ist.
Die zweiten – diejenigen, die sich übrigens über die Ereignisse auf der Welt auf dem Laufenden halten, indem sie «Chi l’ha visto» oder «Amici di Maria De Filippi» und ähnliche Sendungen schauen oder «Novella 2000» oder «Cronaca vera» lesen, während sie beim Friseur warten –, sind in ihren Kommentaren weniger drastisch, sind sich jedoch einig, dass der Ausdruck «verrückt wie ein Pferd» ein höfliches Euphemismus ist. Da Verrückte jedoch – da sie keine Hemmungen haben, zu sagen, was ihnen durch den Kopf geht, im Gegensatz zu uns, die wir durch unzählige Regeln der guten Erziehung und des Anstands gebremst werden – fast immer mit großzügiger Sympathie betrachtet werden, entgeht auch der gute Trump dieser Regel nicht; und er schafft es, uns zum Lachen zu bringen, sodass wir für einen Moment die schrecklichen Folgen vergessen, die möglich sind, wenn der Verrückte an der Spitze der größten Atommacht der Welt steht.
Die Politiker der Linken
Für diese Leute ist es Festtag im Dorf, wenn es Trump nicht gäbe, müsste man ihn erfinden. Die Empörung wird bis zum Äußersten zur Schau gestellt, aber nicht so sehr wegen der tatsächlichen oder vermeintlichen Beleidigung unseres Landes, sondern um den Mangel an Mut unserer Regierung hervorzuheben und zu kritisieren, die auf diese Beleidigung nicht mit der gebotenen Entschlossenheit reagiert. Zölle, wirtschaftliche Vergeltungsmaßnahmen, weitere Sanktionen – möglichst in Absprache mit der EU, wobei man die Schikanen vergisst, denen diese uns seit Jahren aussetzt – alles nur, weil Trump sich zu wenig schmeichelhaften Äußerungen über uns und nicht nur über uns hinreißen ließ.
Die Politiker der Rechten
Insgeheim begrüßen viele von ihnen die Kritik des amerikanischen Präsidenten, auch wenn sie sich gegen alles und jeden richtet, aber da sie ebenfalls an die «politische Korrektheit» gebunden sind, können oder wollen sie dies nicht zugeben. Und so befinden sie sich in einer Situation, die der Korrespondent von «Nuvitads da Coira» der legendären «Palmita» (satirische Sendung der RSI aus den 90er Jahren, Anm. d. Üb.) als «imbarazz, tremend imbarazz!» (peinlich, furchtbar peinlich!) bezeichnete.
Unterwürfigkeit? Eine Verbeugung nach vorne oder eine 90-Grad-Beugung, wo liegt der Unterschied?
Und unsere Behörden? Aus Gründen der Gleichbehandlung zeigen sie gegenüber den USA dieselbe Unterwürfigkeit, die sie seit Jahren gegenüber der EU an den Tag legen. Man verbeugt sich vor Trump, lacht über seine Witze und nimmt seine Spottäußerungen hin. Vor von der Leyen & Co. verbeugt man sich zwar nicht frontal, aber man beugt sich um 90 Grad vor den Schikanen, Forderungen und Drohungen, mit denen sie uns seit über dreißig Jahren bedrängen, um uns zu zwingen, einen beschämenden Unterwerfungsvertrag zu unterzeichnen. Was ist in der Praxis der Unterschied? Es ist nicht so, dass die Demütigung durch die EU weniger schmerzhaft ist als die durch Trump, nur weil die erste die Vaseline der «politischen Korrektheit» verwendet, während der zweite seine Gesprächspartner ohne Rücksicht vergewaltigt.
Aber für Ignazio Cassis ist es zwar dank Vaseline zu einem angenehmen Zeitvertreib geworden, von der EU sodomisiert zu werden, doch die gleiche Behandlung – allerdings ohne Gleitmittel – durch Trump ist ihm zu schmerzhaft. «Es war inakzeptabel, so behandelt zu werden!», jammerte er gegenüber den Journalisten.
Gnagnagnagnagna, das erzähle ich meiner Mama! Sniff!! 😭😭😭
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