Der unfähige Mann (Erste Teil)[1]
[1] Aufgrund der Länge des Artikels veröffentlichen wir ihn in zwei Teilen. Der nächste Teil erscheint am 12. Dezember 2025.

Eine Kulturgeschichte der Gegenwart.
Es war einmal, da erwartete man von einem Mann, dass er weiss, wie man etwas tut: wie man eine Türangel repariert, einen Fisch ausnimmt, ein Feuer macht, das die Nacht hindurch brennen würde. Der Wert eines Mannes wurde nicht nach seiner Eloquenz bemessen, sondern nach seiner Verlässlichkeit, der stillen Zusicherung, dass, wenn etwas kaputtgeht, er eine Möglichkeit finden würde, es zu flicken. Sein Wissen war nicht theoretischer Art; es war durch Ausprobieren entstanden, aufgeschürfte Knöchel und wiederholtes Scheitern. Er kannte die Welt, weil er sie angefasst hatte. Dieser Mann ist heute ein Artefakt. Seine Fähigkeiten sind Kuriositäten, seine Instinkte veraltet.
Stiller Triumph
Der junge Mann von heute weiss mehr über seine Gefühle als über Werkzeuge. Er kann ein Dutzend Punkte der emotionalen Etikette aufzählen, doch gibt man ihm einen kaputten Stuhl, schaut er auf Google nach, wo man einen neuen finden kann. Wir haben eine Generation dazu erzogen, Eindrücke zu kontrollieren, statt sich mit Materialien herumzuschlagen. Sie leben als Zuschauer ihres eigenen Lebens und überlassen Schwierigkeiten dem Markt oder dem Algorithmus.
Die Technik hat uns die Illusion von Kompetenz gegeben ohne die dafür nötigen Konfrontationen. Ein Mann kann Expertentum simulieren dank einem Tutorial, Weisheit vortäuschen durch ein Zitat oder sich Mut ausleihen mit einem Post. Das Internet ist zur Schmiede geworden, in der sich niemand verbrennt, es lehrt alles ausser Durchhaltevermögen. Das Ergebnis ist eine Generation, die über alles Bescheid weiss, doch von nichts, wie man es tut. Sie verwechselt Zugang mit Verständnis und Kenntnisse mit Meisterschaft. Bei dem Gesagten handelt es sich nicht um Nostalgie, sondern um eine Diagnose.
Eine Zivilisation bricht nicht zusammen, wenn ihre Gebäude einstürzen oder ihre Grenzen sich verschieben – sie bricht zusammen, wenn ihr Volk die Fähigkeit verliert, Dinge zu reparieren. Wenn die Gewohnheit, Verantwortung zu übernehmen, dahinschwindet, hat eine Struktur keinen Halt mehr. Das Verschwinden männlicher Kompetenz ist keine Nebenwirkung des Fortschritts: Sie ist die Rechnung dafür. Wir haben die Meisterschaft gegen die Annehmlichkeit eingetauscht, Lehrjahre gegen Kommentare, Mut gegen Bequemlichkeit, und jetzt, in unserem Überfluss, fühlen wir uns sonderbar hilflos.
Der Junge, der ohne Regeln aufwächst, wird zu einem Mann, der gegen Verantwortung allergisch ist.
Ein Mann zu sein, bedeutete einst, mit Schwierigkeiten vertraut gemacht zu werden. Der Fischer, der Zimmermann, der Vater, der Soldat: Sie alle lernten, dass die erste Lektion im Leben Widerstand war. Aber die Riten, die Jungen einst zu Männern gehärtet hatten, sind aufgelöst worden zugunsten von Zeremonien der Selbstbestätigung. Einst, da gab es Schwellen, Momente, in denen ein Junge mit Angst, Erschöpfung und Scheitern konfrontiert wurde, nicht um ihn zu strafen, sondern damit er sich beweisen konnte. Der Fluss, der überquert werden musste, die Jagd, die man überstehen musste, die erste Arbeitsstelle, die man schweigend annahm – sie alle waren Sakramente der Realität. Wir haben sie ersetzt durch Hashtags und Slogans – und fragen uns dann, warum unsere Söhne durchs Leben bummeln und auf die Erlaubnis warten, anfangen zu dürfen. Damals entdeckte ein Mann die Grenzen seiner Kraft nicht durch Theorie, sondern durch körperliche Arbeit. Dem Meer waren seine Absichten, dem Balken seine Entschuldigungen, dem Kind seine Müdigkeit egal. Sein Scheitern war öffentlich, sein Triumph still. Und darin lag Würde.
Zivilisation glatter Oberflächen
Heute haben wir Männlichkeit zu etwas Pathologischem umgedeutet. Wir erziehen Jungen nicht dazu, Entbehrungen auszuhalten, sondern sie zu verarbeiten; ihr Trauma zu artikulieren, statt es zu überwinden. Ein aufgeschürftes Knie ist heute Anlass für einen Diskurs. Wir verwechseln Geständnisse mit Charakter. Die Sprache der Therapie hat die Sprache der Tat ersetzt, und bei dieser linguistischen Verschiebung ist etwas Essenzielles verlorengegangen. Kompetenz, wahre Kompetenz, kann nicht gewährt, vererbt oder behauptet werden. Sie entsteht aus Reibung, aus der Begegnung eines Mannes mit der Welt. Sie entsteht, wenn niemand zuschaut, wenn ein Misserfolg nicht wegerklärt werden kann. Der Fischer lernt, wenn die Angelschnur reisst, der Zimmermann lernt, wenn der Balken bricht, der Vater lernt, wenn sein Zorn ihm Zurückhaltung gebietet.
Das sind keine «skills». Das ist moralische Disziplin in Gestalt körperlicher Arbeit. Einst haben Traditionen diese Bescheidenheit gelehrt, dass der Mensch nicht der Urheber dieser Welt ist, sondern deren Verwalter. Der Handwerker verneigte sich nicht vor einem Gott des Fortschritts, sondern vor der Hartnäckigkeit von Holz und Stein. Jeder schöpferische Akt war auch ein Akt der Unterwerfung: unter Maserung, Schwerkraft, Begrenzungen. Indem er diese Einschränkungen ehrte, wurde der Handwerker frei. Denn richtig verstanden, ist Freiheit nicht das Fehlen von Begrenzungen, sondern deren Überwindung.
Wir leben heute jedoch in einer Kultur, die auf Friktionen allergisch ist. Man hat uns beigebracht, dass Unbequemlichkeit Ungerechtigkeit ist, dass jede Einschränkung eine Beleidigung ist, die durch einen politischen Erlass oder eine App beseitigt werden muss. Und so haben wir eine Zivilisation glatter Oberflächen gebaut, digital, hygienisch, grenzenlos entgegenkommend. Nichts schneidet, nichts leistet Widerstand, und entsprechend macht auch nichts stark.
Die Kulturgeschichte der letzten fünfzig Jahre kann zusammengefasst werden als der allmähliche Ersatz von Meisterschaft durch Management. Wo einst der Handwerker stand, ruhig, präzis, auf sich gestellt, finden wir heute Komitees, HR-Abteilungen und Diskussionsgruppen. Der Experte hat den Meister ersetzt, das Empfehlungsschreiben die Schwielen. Wir reden die ganze Zeit von Empowerment, doch wir leben in einer Welt, in der niemand das Gefühl hat, etwas tun zu können ohne die entsprechende Erlaubnis. Dies ist nicht nur eine Krise der Fähigkeiten, sondern eine Krise des Geistes. Der kompetente Mann erwarb seine Würde einst durch Dienst – an seiner Familie, seinem Gewerbe, seinem Wort. Seine Tugend bestand darin, das zu tun, was getan werden musste, unabhängig von Gefühlen. Mittlerweile heisst es, Gefühle seien eine Tugend. «Authentizität» ist zu einer moralischen Währung geworden, Aufrichtigkeit wird mit Wahrheit verwechselt.
Doch die Welt richtet sich nicht nach Aufrichtigkeit. Die Brücke hält nicht, weil der Ingenieur es gut gemeint hat. Wir haben Selbstdarstellung mit Selbstbeherrschung verwechselt. Erstere erfordert nur Gefühle; Letztere Disziplin. Und Disziplin, moralische, physische oder intellektuelle, gilt mittlerweile als unterdrückend. Das Ergebnis ist eine Generation, die zwischen Freiheit und Chaos nicht zu unterscheiden vermag. Der Junge, der ohne Regeln aufgewachsen ist, wird zu einem Mann, der gegen Verantwortung allergisch ist. Er hasst Autorität, weil er nie gelernt hat, richtig damit umzugehen. Seine Rebellion hat kein Ziel, weil das, wogegen er ankämpfen sollte, seine eigene Schwäche, in Selbstwertgefühl umbenannt worden ist.
Wir nannten es Fortschritt
Eine Kultur, die Kompetenz verachtet, wird bald Männer verachten. Nicht einzelne Männer, sondern das männliche Prinzip: den Impuls, zu bauen, auszuhalten, zu beschützen. Seit Jahrzehnten redet man uns ein, dieser Impuls sei gefährlich. Man hat ihn als «toxisch» bezeichnet – als wäre Stärke etwas Ansteckendes. Aber Stärke ohne Tugend ist nicht Männlichkeit, sondern nur Macht. Die Antwort auf Korruption war nie Sanftheit, sondern Integrität. Dennoch schrieben wir Fragilität statt Stärke vor, und wir nannten es Fortschritt. Ironischerweise wurden Frauen dadurch nicht weniger gefährdet; und die Männer nicht glücklicher.
Man hat ihn als «toxisch» bezeichnet – als wäre Stärke etwas Ansteckendes.
Die Abwesenheit männlicher Kompetenz schafft nicht Harmonie, sondern Chaos. Das Heim ohne einen Vater, die Gemeinschaft ohne Mentoren, die Nation ohne opferbereite Männer – das sind keine befreiten Räume, sondern verwaiste. In unserem Bestreben, Hierarchien abzubauen, haben wir vergessen, warum es sie gegeben hat. Die Autorität des Vaters war nicht Tyrannei, sondern Orientierung: Er zeigte auf das Gute und sagte: «Da.» Die Meisterschaft des Handwerkers war kein Ausschliessen, sondern Vorbild: Er zeigte, wie angewandte Sorgfalt aussieht. Entfernt man diese Figuren, erhält man nicht Gleichheit, sondern Orientierungslosigkeit. Der Kompass ist weg, und zurück bleiben nur Gefühle: unzählige, widersprüchliche, unkontrollierte. Und erbt man Orientierungslosigkeit, so verwandelt sie sich in Verzweiflung. Der vaterlose Junge wird zum treulosen Mann. Er lebt, als schulde ihm die Welt Verständnis statt Richtungsweisung. Das Tragische dabei ist nicht nur seine Verwirrung, sondern die Zivilisation, die diese fördert, die ihm weismacht, er sei vollkommen, ohne die Folgen zu bedenken, bedeutend, ohne einer Sache zu dienen. Eine Gesellschaft kann nicht Schwäche segnen und dann von ihren Söhnen Stärke erwarten.
Ich habe Männer kennengelernt, die codieren, mit Kryptowährungen jonglieren, zehn Browsertabs gleichzeitig überblicken – aber einem anderen Mann nicht in die Augen schauen können. Sie sind ständig in Bewegung, doch sie erreichen nichts, was von Bestand ist. Sie verwechseln Geschäftigkeit mit Zielstrebigkeit und Vernetztsein mit Gemeinschaft. Sie sind in jeder Hinsicht ankerlos. Unsere technischen Errungenschaften haben uns Allwissenheit ohne Weisheit gewährt, Kommunikation ohne Verbundenheit, Überfluss ohne Dankbarkeit.
Fortsetzung und Ende in der nächsten Ausgabe
« Quando gli scheletri escono dall’ armadio L’uomo incapace (Prima parte)[1] »

