Afghanisierung der Weltgemeinschaft?

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Rolando Burkhard

Die Taliban haben nach dem Rückzug der US-Truppen innert kürzester Zeit Afghanistan wieder eingenommen. Nicht durch einen eigentlichen Krieg, sondern mittels einer Art von „friendly takeover“, denn innerstaatlichen Widerstand dagegen gab es nahezu keinen. Wen wundert’s? Und wer sollte sich darob bekümmern ?

Afghanistan war stets, ist und verbleibt ein zutiefst muslimischer Staat. Mit seinen eigenen Regeln, Taliban hin oder her. Westliche Vorstellungen über Staatsführung und Moralprinzipien sind ihm fremd, wurden aber auf westlichen Druck hin gewaltsam durchzusetzen versucht. Erfolglos.

Die westlichen Einmischungen in Afghanistan wurden durch die USA nach dem Kaida-Anschlag 9/11 unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung initiiert. Die europäischen (NATO-)Partner mussten wohl oder übel mitziehen. Man entsandte militärische Kräfte, setzte eine Marionettenregierung ein, wollte dann sogleich aus einem muslimischen Staat mittels militärischer Intervention nicht nur Terrorismus bekämpfen, sondern eine Art Demokratie und Moralprinzipien nach westlichem Modell einrichten. Ergebnislos. Es war seit Anbeginn illusorisch und endete im Chaos. Nun ziehen die USA den Schwanz ein, mit ihnen ihre Alliierten, und sie evakuieren feige in letzter Minute was ihnen dort nach ihrer Ansicht nach noch rettenswert erscheint.

Es war von Beginn weg eine irrsinnige Illusion der USA, durch westliche Interventionen aus einem zutiefst muslimischen Staat gewaltsam eine Demokratie nach westlichen Vorstellungen machen zu wollen. Haben denn ihre ruinösen Erfahrungen mit Verwestlichungsvorstellungen in Vietnam, Irak, Syrien etc. etc. nicht für die nötigen Lehren gesorgt?

Veränderungen in einem Staat müssen von innen kommen, sie können nicht von aussen diktiert werden

Ich bin dezidiert der Ansicht, dass es viel besser wäre, wenn jeder Staat dieser Erde (USA in primis) mal zuerst in seinem eigenen Land für Recht und Ordnung sorgen würde, statt sich interventionistisch in die Angelegenheit anderer Staaten einzumischen. Da wäre beileibe genug zu tun. Und es käme in der Welt zu weitaus weniger Elend und internationalen Konflikten.

Jeder Staat organisiert sich nach seinen eigenen, historisch gewachsenen Prinzipien und politischen Vorstellungen, seien sie religiöser, kultureller oder anderer Art. Israel etwa ist jüdisch geprägt. Die Nahoststaaten muslimisch. Wir im Westen zumeist christlich. Das ist zu akzeptieren. Was bringt’s, wenn wir in Afghanistan für Frauenrechte eintreten, in China für Minderheiten, in Russland für Dissidenten, in den Philippinen für eine andere Drogenpolitik, international heuchlerisch für die Bekämpfung von Diskriminierungen, Rassismus etc.etc? Nichts. Rein gar nichts. Das gilt insbesondere für die Schweiz als neutraler Staat. Wir sollten uns so weit wie möglich raushalten.

Denn: Jeder Staat reagiert ausserordentlich sensibel, wenn ihm von fremden Mächten irgend etwas vorgeschrieben wird. Frage: Wie hätte denn die Schweiz reagiert, wenn etwa die Philippinen vor dem Jahre 1971 international bei der UNO interveniert wären, weil wir damals das Frauenstimmrecht noch nicht eingeführt hatten (dort allerdings schon seit langem)? Wahrscheinlich schon sehr dezidiert!

Andersdenkende

Deren gibt es in jedem Staat. Widerstand ist Teil der jeweiligen innenpolitischen Auseinandersetzung. Die erfolgt nicht in jedem Staat auf gleiche Weise, nicht alle Staaten sind 800jährige Demokratien und kennen eine direkte Demokratie à la Schweiz. Aber es ist Rolle und Funktion eines jeden Staates, seine eigenen Probleme auf die seiner historischen Entwicklung und gegenwärtigen Situation entsprechend geeigneter Weise zu lösen. Sofern und solange ein Staat dies in seinem Inneren und ohne „Export“ seiner Probleme nach aussen zulasten anderer Staaten tut, ist das meines Erachtens völlig OK.

So bin ich denn auch eher skeptisch, wenn es bei uns im Westen im Verhältnis zu gewissen Staaten zur Verherrlichung von deren Dissidenten westlicher Gesinnung kommt, und diesen nebst Asyl auch eine ausgiebige propagandistische Plattform geboten wird. Innerstaatliche politische Auseinandersetzung sind meines Erachtens auch innerstaatlich und innenpolitisch auszutragen und nicht zu exportieren.

Wenn ich mit Entscheiden der Schweizer Politik nicht einverstanden bin (was gelegentlich, aber immer häufiger vorkommt), kämpfe ich bei mir zuhause politisch für meine Überzeugungen und gehe, wenn es nicht wie von mir gewünscht ausgeht, ja auch nicht nach Kenia, um dort politisches Asyl zu verlangen, um von dort aus gegen die Schweiz zu motzen. Was wäre gewesen, wenn unsere damaligen jurassischen Béliers von Frankreich aus und mit politisch starker französischer Unterstützung für ihren Kanton Jura gekämpft hätten?

So bin ich denn auch der Ansicht, dass bezüglich der Akzeptierung von Kontingenten von afghanischen „Flüchtlingen“ respektive Migranten in der Schweiz grösste Vorsicht geboten ist. Wir handelten uns mit deren „Import“ infolge des angeblich menschenrechtsfreundlichen linksgrünen Gedusels nur riesige zusätzliche Probleme ein. Wir hatten und haben in Afghanistan überhaupt nichts zu suchen, und wenn es zu einem Exodus von Afghanern kommt, mit allen möglichen Kollateralschäden punkto Terrorismus, Drogen etc., dann sollen jene Staaten dafür gerade stehen, die dort das Unheil angerichtet haben.

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