Künstliche Intelligenz: Rettung oder Untergang der Menschheit?
Oder anders gefragt: Obsiegt die künstliche Intelligenz über die natürliche Dummheit, oder die natürliche Intelligenz über die künstliche Dummheit?

Kaum ein anderer Begriff wird derzeit öffentlich so intensiv und kontrovers diskutiert wie jener über die «Künstliche Intelligenz» (KI). Dieses Thema hat sogar Themen wie Coronavirus, Ukrainekrieg, Klimakatastrophe, Energieversorgung oder Krankheitskosten zu überschaubaren – weil rational lösbaren – Problemen relegiert. Die KI hingegen, deren Folgen für die Menschheit infolge ihrer exponentiellen Entwicklung kaum absehbar und durchschaubar sind und die zwar erfreulich revolutionäre Chancen, aber auch beängstigend grosse Risiken und Gefahren in sich bergen, bleibt für uns Sterbliche zutiefst mysteriös. Nachfolgend eine Standortbestimmung von Seiten eines erklärten NICHT-KI-Fachmanns, der gegenüber dieser Technologie, alles betrachtet, eher kritisch eingestellt ist.
Doch um was geht es bei der KI denn eigentlich?
Wie bei den meisten neuen Errungenschaften existiert für die KI keine einheitliche allgemeingültige Definition. Es gibt deren so viele wie es Autoren gibt, die vorgeben, sich darüber auszukennen. Einigermassen einig ist man sich höchstens darin, zu sagen, dass es sich um den Versuch handle, menschliches Lernen und Denken auf Computer zu übertragen und den Computern damit Intelligenz zu verleihen. Etwas ausführlicher lautet eine andere Definition: Danach ist die KI der Oberbegriff für Anwendungen, bei denen Computer menschenähnliche Intelligenzleistungen wie Wahrnehmung, Lernen und Problemlösen erbringen. Insgesamt geht’s also schlichtweg darum, menschliche Intelligenz (verstanden als Fähigkeit des Menschen, abstrakt und vernünftig zu denken und daraus zweckvolles Handeln abzuleiten) in Computer zu transferieren.
Ist die KI etwas völlig Neues?
Jein.
Nein, denn irgendwie ist es primär einmal nur ein weiterer Schritt in der fortlaufenden Automatisierung, Rationalisierung und damit Ökonomisierung der Produktionsprozesse, mithin der menschlichen Tätigkeiten. Das begann im Grunde genommen bereits vor hunderten von Jahren, als die neu erfundenen fabrikmässig betriebenen, weitaus rationeller arbeitenden Webmaschinen die handwerkliche Stickerei ersetzten. Dies brachte namentlich in der Ostschweiz einigen Textilbaronen für einige Jahrzehnte Riesengewinne. Die Zeche dafür bezahlten vorweg die vorher (meist in Landwirtschaftsbetrieben) in teilzeitiger Heimarbeit beschäftigten Weberinnen und Stickerinnen, denn sie mussten danach, um zu überleben – meist zu Spottlöhnen und unter abscheulichen Arbeitsbedingungen – ihr vitales karges Zusatzeinkommen in den Fabriken verdienen.
Ja, denn etwas sehr revolutionär Neues ist KI natürlich schon. Denn die fortschreitende Automatisierung erweiterte sich mit ihr vom Ersatz rein physischer menschlicher Tätigkeiten nunmehr auf den Ersatz auch von deren geistigen Leistungen. Maschinen (Computer) begannen unlängst, nicht nur für und statt uns Menschen zu denken und zu entscheiden, sondern gestützt auf das ihnen eingespeiste und von ihnen angeeignete Wissen sogar eigenständig zu handeln. Diese Entwicklung ist unabsehbar.
Kann KI die menschliche Intelligenz ersetzen?
Nein, nie und nimmer. Denn KI erfindet selber nichts Neues, sie wurde ja aufgrund menschlicher Intelligenz erfunden und wird fortlaufend damit betrieben. KI ist nicht eigentlich intelligent, kann aber menschliches Verhalten für die Lösung gewisser Teilprobleme imitieren, mithin Probleme gut lösen, die der Mensch mit seiner Intelligenz eigentlich selber lösen könnte und müsste. KI führt mittels Akkumulation und Systematisierung von menschlicher, d.h. natürlicher Intelligenz zu einer Substitution des Menschen, dies punkto Produktionsabläufen, wurde also zu einem Instrument zwecks Verbesserung von Methodik und Rationalität der Arbeit. KI wird aber das menschliche Hirn nie ersetzen können.
Dass die KI eigentlich nichts Neues ist und rein aufgrund ihres in Computer eingespeistes menschlichen Wissens funktionierte und funktioniert, beweisen die Schachcomputer. Die gab’s schon vor mehr als 30 Jahren. Da wurden kontinuierlich die Züge der Gewinnpartien von Schachspielern und namentlich der Schach-Grossmeister in einen Computer eingespeist, daraus generierte dieser ein Schachspielsystem, das schon damals für normale Spieler im Duell mit dem Computer schwer zu schlagen war. Heutzutage sind selbst internationale Grossmeister oft nicht mehr in der Lage, gegen einen Schachcomputer des höchsten Schwierigkeitsgrades eine Partie zu gewinnen. Denn sie treten nicht nur gegen einen einzelnen Gegner an, sondern gegen das gesamte, im Computer systematisch erfasste und weiter entwickelte Sachwissen der gesamten Schach-Gegnerschaft. Doch die Genialität einzelner Grossmeister vermag den Computer immer noch zu schlagen. Dies dann, wenn deren Züge im Schachcomputer noch nicht eingespeichert waren.
IT: Zweifellos eine Segnung für die Menschen…
Zweifellos birgt die KI ein riesiges Potential für die Automatisierung und Rationalisierung von physischen und zusehends geistigen Denk- und Arbeitsprozessen der Menschen und trägt mithin dazu bei, dass mehr und mehr vielleicht als eintönig empfundene Arbeiten entfallen. Nun ja, vielleicht fährt mein SBB-Zug bereits morgen digital ohne Lokführer automatisch KI-gesteuert, meine Beschwerde an ein Gericht in einem Rechtsfall wird standardmässig durch KI erledigt, all das, was ich in meiner Zeitung lese, wurde mittels KI vorfabriziert (und dabei oft unkontrollierbar gefaked!), etc.etc. Ehrlich gesagt, wohl ist mir dabei nicht. Mir verbleibt die tröstliche Gewissheit, dass es dann immer noch eines real existierenden Sanitätsmonteurs bedarf, um die verstopfte Leitung meines Lavabos wieder funktionstüchtig zu machen, denn mit aller hochgejubelten KI lässt sich dieses praktische Problem nicht lösen. Ein schwacher Trost, denn meine Sorgen punkto KI sind ganz andere, weitaus schwerwiegendere.
…aber auch eine risikoreiche Riesengefahr!
Als allergrösste Risiken der KI für unsere Bevölkerung ersehe ich deren zwei. Das erste Risiko berührt unsere Geisteshaltung gegenüber der KI, das zweite die grosse Gefahr von deren verhängnisvollen wirtschaftlichen Folgen.
Zum ersten: Die KI riskiert, uns das eigenständige Denken, Entscheiden und Handeln abzugewöhnen. Man vertraut zunehmend blind darauf, dass von wem immer auch gesteuerte Maschinen (Computer) all unsere Probleme automatisch für uns erledigen. Man verlernt das eigene Denken und es verbreitet und etabliert sich zusehends eine breit angelegte Wohlfühl- und Bequemlichkeitskultur, die darauf hinausläuft, jegliche Eigenverantwortung zu vergessen und alleine auf KI-technische Lösungen zu vertrauen. Dieser Trend ist keineswegs neu. Hat das nicht bereits seit Jahren damit begannen, dass wir fürs einfachste Addieren von 2-3 Beträgen für Zahlungen unserem Taschenrechner mehr trauen als den eigenen Berechnungen? Was aber, wenn der Taschenrechner uns infolge eines Batterieproblems völlig falsche Daten liefert? Die Zuverlässigkeit von KI lässt mitunter herzlich grüssen!
Zum zweiten: Mit der KI liessen sich erklärtermassen viele (als nicht sonderlich interessant betrachtete) Arbeitsstellen einsparen bzw. abschaffen, lässt man uns wissen. Hurra! Freude herrscht? Weil dann ja doch, wie man uns stets weiter versichert, dank der KI stattdessen wer weiss wie viele neue höher dotierte Stellen geschaffen würden. Ist dem tatsächlich so? Da ist begründete grosse Skepsis angesagt, die mitunter langsam grössere Formen annimmt und mittlerweile sogar vom renommierten Weltwirtschaftsforum WEF geteilt wird. Eine Skepsis, die da besagt: Es ist auf Jahre hinaus völlig undenkbar und illusorisch, dass die eher wenigen neu zu schaffenden Arbeitsplätze für Fachleute für Datenanalyse, KI und Cybersicherheit etc. die weitaus grössere Anzahl von abzuschaffenden Stellen für einfachere Arbeiten einfach so ersetzen können. Diese Entwicklung führt also meines Erachtens zu zwei Dingen: Einerseits zu vielen Entlassungen, also zu grosser Arbeitslosigkeit, die man über die Arbeitslosenversicherung entschädigen muss, und zudem zu staatlich zu finanzierenden Subventionen für Ausbildungsprogramme von IT-Personal. Beides wäre natürlich (wie immer) von den Arbeitnehmern und Steuerzahlern zu berappen. Sehen wir uns dazu beispielsweise doch die Situation von Kassiererinnen von Migros oder Coop etc. an. Viele der Kassen wurden bereits dank KI auf rein elektronische Bezahlung umgestellt und Barzahlungskassen wurden geschlossen, was schon zu Einsparungen bzw. zur Entlassung eines Teils des Personals geführt hat. Es handelt sich dabei oft um teilzeitbeschäftigte Frauen, die definitiv ihren Job verlieren. Denn es ist ja völlig undenkbar, dass sie einfach zu KI-Spezialisten umgeschult werden können.
Irgendwie erinnert mich das Ganze insgesamt an die einleitend erwähnten vorindustriellen Zeiten, als man die in Hausarbeit tätigen Weberinnen und Stickerinnen einfach so entliess und die Textilbarone aus Gewinnsucht voll auf den Fabrikbetrieb setzten. Ich bin zwar überzeugter SVPler und keineswegs ein Sozi, aber der durch die KI stark geförderte gesellschaftliche Wandel hin zum Unguten beschäftigt mich doch sehr…
Ich bin deshalb leider sehr pessimistisch, ja hoffnungslos gestimmt
Dies, weil ich die derzeitig exponentielle weltweite Entwicklung der KI als unabwendbar und von der Schweiz aus als kaum korrigierbar betrachte. Wenn wir es versuchten, wäre das so, wie wenn wir mit drastischen lokalen CO2-Massnahmen das Weltklima verändern, mit kleinen Munitionslieferungen an die Ukraine deren Sieg über Russland ermöglichen oder uns mittels neu erfundener Formen von aktiver, kooperativer oder anders genannter Neutralität bei wer weiss wem aus der westlichen Welt die ewige Liebe erkaufen wollten.
Rolando Burkhard

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