Wenn Vater Staat zum Papi-Staat wird

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Aus dem «Nebelspalter» vom 06.05.2022, ein Artikel von Gottlieb F. Höpli

Gottlieb F. Höpli

Selbst im fortschrittlichen Kanton Zürich hat sich nur ein Drittel aller Väter für den neu eingeführten Vaterschaftsurlaub von zwei Wochen angemeldet. Doch schon stimmt man hier über eine Elternzeit von je 18 Wochen ab – Vater Staat kann anscheinend nicht schnell genug zum Papi-Staat werden.

Vater zu sein, das ist für heutige Papis anscheinend nur dann möglich, wenn ihnen der Staat ausreichend kuschlige Voraussetzungen dazu schafft. Erst dann, so ist man auf der Menschheit froher Wohlstands-Linken überzeugt, kann mann sich überlegen, Verantwortung für eine Familie zu übernehmen. Wie kommt es nur, dass die Schweiz vor der Einführung des Vaterschaftsurlaubs nicht ausgestorben ist?

Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Woche selbst für Männer mit einer 40-Stunden-Woche 168 Stunden hat – da war ja theoretisch schon bisher männliche Teilnahme an der Betreuung von Kleinkindern möglich. Ein Teil der Männer tat dies denn auch, ein anderer nicht. Wickelte Babys, wiegte sie in den Schlaf und stand auf, wenn sie schrieen – das war und ist nicht in erster Linie eine Frage der zur Verfügung stehenden Zeit. Sondern eine Frage der Haltung. Und die verhält sich nicht unbedingt proportional zur arbeitsfreien Zeit.

Geschenkpaket statt individuelle Verantwortung

Doch diese Haltung, die man früher schlicht mit dem Begriff «Verantwortung übernehmen» umschrieb, soll dem Mann von heute abgenommen werden. Erst wenn man ihm ein Geschenkpaket mit der Aufschrift «Papi-Zeit» vor die Füsse legt, beginnt er nach diesem neuen, etatistischen Menschenbild Verantwortung für sich und seine Familie zu übernehmen. Je mehr Zeit man ihm dafür zur Verfügung stellt, umso besser für die junge Familie. Wirklich?

An der zur Verfügung stehenden Zeit allein kann es also nicht liegen. Schon gar nicht, wenn Ewiggestrige (wie der Schreibende) zu erwähnen wagen, dass dem modernen Menschen, selbst wenn er voll erwerbstätig ist, immer noch 128 Stunden pro Woche zur Verfügung stehen, um sich um seine junge Familie zu kümmern. Darüber hinaus – hélas! – sogar noch vier, fünf oder sechs Wochen Ferien. Ein Umstand, den selbst bürgerliche Gesellschaftspolitiker nicht mehr zu erwähnen wagen. Weil Ferien schliesslich frei von Pflichten sein sollen, damit der Mensch sich «verwirklichen» kann. Oft in ausgesprochen zeitraubenden, schweisstreibenden Hobbys (nach dem Motto: Schwitzen nur in der Freizeit). Selbstverwirklichung aber ist bekanntlich nur in der Freizeit und nicht etwa im Familienleben und ähnlichen sozialen Verpflichtungen möglich.

Gleiche Chancen, gleiche Pflichten

Gewiss: Um allen Menschen, Männern und Frauen gleiche Entwicklungschancen im Leben zu verschaffen, muss der Staat, muss der Gesetzgeber diskriminierende Hindernisse beseitigen. Frauen sollen gleiche Rechte erhalten, in Bildung, Arbeitswelt, Gesellschaft. Wofür sie dann, dies nur nebenbei, auf bisherige Privilegien wie etwa das tiefere AHV-Alter zu verzichten hätten. Allerdings ist Mutterschaft ein biologisches Phänomen, das vorläufig noch nicht gleichmässig auf Frauen und Männer verteilt werden kann. Weshalb Frauen auch schon früher in den Genuss eines Mutterschaftsurlaubs kamen.

Dem Missstand soll nun aber schleunigst abgeholfen werden: Das biologische Geschlecht steht ja ohnehin nicht mehr hoch im Kurs. Gleich lange Elternzeit ist gefordert, wie es die SP-Initiative im Kanton Zürich verlangt, über die am 15. Mai abgestimmt wird.

Aber damit nicht genug: Damit die Jugend auch richtig sozialisiert wird, sollen ja schon Kleinkinder möglichst früh vom Staat betreut und beschult werden. Da liegt – von der Kita bis zur gendersensiblen Abfassung von Dissertationen – für linke Bildungs- und Gesellschaftspolitik ein weites Feld offen, das sich vielfältig beackern lässt. Denn immer gilt es, die Menschen, deren Bewusstsein nicht unbeaufsichtigt zu lassen. Sondern letzteres zu formen oder, wie es in der Terminologie der modernen Verhaltenswissenschaften heisst: zu «framen» oder zu «nudgen», also zu steuern oder zum richtigen Verhalten zu stupsen.

Da ist der Vater Staat von einst zum kumpelhaften Papi-Staat mutiert, der – manchmal ungefragt, aber nie absichtslos – immer grosszügiger Gaben aller Art verteilt. Aber halt nicht mehr jenen Respekt geniesst, den er einst hatte. Auskünfte dazu erteilt jede(r) Polizist, Feuerwehrfrau oder Rettungssanitäter.

 

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