Viktimismus und Garantismus: eine explosive Mischung

Dic 16 • Deutsche Seite, L'editoriale, Prima Pagina • 17 Views • Commenti disabilitati su Viktimismus und Garantismus: eine explosive Mischung

Eros N. Mellini

Editorial

Das Calimero-Syndrom

Erinnern Sie sich noch an Calimero, an dieses Kücken, da sich zurückgesetzt fühlte, weil es klein und schwarz war? Nun, ich glaube dass diese krankhafte Seite des menschlichen Lebens sich schon vollumfänglich verbreitet hat bei einem Grossteil der Bewohner unseres Planeten. Nur ist es so, dass dieses Syndrom gemäss der modernen Psychiatrie eigentlich individuell zu betrachten wäre, d.h. Fall für Fall, während sich in den letzten Jahrzehnten der Viktimismus zum Massenphänomen entwickelt hat für immer grösser werdende Gruppen von sexuellen, ethnischen, religiösen umweltbesorgten, ökologischen und anderen Calimeros; sie alle werden verherrlicht von opportunistischen Interessenpolitikern und der vom «Mainstream» des politisch Korrekten heimgesuchten Massenmedien. Im Sinne des Kommunistischen Manifests von Marx und Engels könnte man ihnen das Motto «Calimeros aller Länder vereinigt euch!» zuschreiben.

Die unnützen Gedenktage der UNO

Die UNO, die mit dem vielen Geld, das sie kostet, all ihre Kräfte weitaus wichtigeren Dingen widmen könnte, will nicht zurück stehen und veranstaltet Gedenktage der Gewaltanwendung gegen Frauen, des Umweltschutzes, der Bekämpfung der Rassendiskriminierung – das sind allesamt Veranstaltungen, die wahrscheinlich als Alibiübung dienen, um einige besorgte Seelen zu beruhigen, die aber hinsichtlich ihrer Konkretheit und Effizienz völlig unnötig und alles in allem diskriminierend sind.

Warum nur die Gewalt gegen die Frauen?

Ja, weil dies – wenn man die Bewegung gegen Gewalt an Frauen (inkl. dem entsprechenden Jahrestag) als Beispiel heranzieht – diskriminierend ist hinsichtlich der Männer, der Kinder, der Hunde, der Katzen, der Robben, der Gürteltiere und vieler anderen Spezies, die ebenso unter Gewaltanwendungen verschiedenster Art zu leiden haben. Man wird mir entgegen halten, dass der Kampf gegen die Gewalt an Frauen nicht unvereinbar sei mit jenem gegen andere Spezies, aber es gilt zu bedenken, dass es zugunsten der Frauen eben eine Bewegung gibt (die sich nur dieser einen Sache widmet), während es meines Wissens keine analoge Bewegung zugunsten der Gürteltiere gibt.

Nein, tatsächlich sollte man – wenn man denn diesen Veranstaltungen irgend etwas Nützliches abgewinnen kann, woran ich persönlich zweifle – allenfalls einen Jahrestag gegen Gewalt an und für sich durchführen. Punkt und Schluss. Und dasselbe gilt für die anderen Calimeros: «Black lives matter»? Nein, allenfalls «Lives matter».

Ein absurder Garantismus

Es ist schlicht unmöglich, all dies auf einen einzigen Beweggrund zurück zu führen, die Gründe sind vielfach. Es scheint mir aber eindeutig folgendes festzustehen: Im Unterschied zu früher, als einem als Junger beigebracht wurde, individuelle physische Gewalt nicht einfach feige hinzunehmen, sondern auf eine erhaltene Ohrfeige mit einem möglichst schmerzhafteren Faustschlag zu reagieren, hat sich heutzutage die Tendenz etabliert, a priori auf eine Reaktion zu verzichten und auf das Eingreifen der Gesellschaft (Eltern, Lehrer, Behörden) zu vertrauen, um solche Probleme auf befriedigende Weise zu lösen. Das hat  mittlerweile nach und nach einerseits eine Generation von Weichlingen hervorgebracht, die Gewalt erleiden, und andererseits eine solche von Gewalttätigen und Machtmissbrauchern. Klar hat es diese beiden Kategorien schon immer gegeben, aber heute hat deren Grössenordnung zugenommen. Immer mehr Leute bekennen sich zu der einen oder zur anderen Gruppe.

Während in die Kategorie der Viktimisten die Verängstigten, die gesetzestreuen Guterzogenen und auch echte Opfer (ja, auch solche gibt es viele) oder auch nur einfache Simpel strömen, die daran glauben, dass das Gute immer obsiegen werde, schliessen sich zusehends die Reihen in der Kategorie der Gewalttätigen; dies meines Erachtens vor allem wegen dem absurden Garantismus gegenüber Straftätern seitens der Behörden, die eigentlich Strafen aussprechen müssten gegen jene, die manchmal auch schwer gegen das Gesetz verstossen. Die Gerichte entscheiden immer häufiger zugunsten der Gesetzesbrecher statt zugunsten der Opfer. Angesichts der verhängten Strafen, die eher an Freisprüche grenzen, verhindert kaum noch etwas oder jemand die gewalttätigen und strafbaren Auswüchse seitens von ohnehin schon potentiell gefährlichen Tätern.

Die Gesetze wären schon da; aber es bringt nichts, sie zu verschärfen, wenn man sie nicht auch anwendet

Die Gesetze wären an sich vorhanden und wären wahrscheinlich auch genügend streng, um abschreckend zu wirken, wenn sie denn mit der nötigen Strenge angewendet würden. Aber das ist leider nicht der Fall. Da werden soziale Probleme, strafmildernde Gründe aller Art, angebliche psychische Störungen und viele andere unsinnigen Argumente vorgebracht von skrupellosen anwaltlichen Strafverteidigern, was zur Freisprechung von Leuten führt, die auch schwere Delikte oder gar schlimmste Verbrechen begangen haben. Aber schlimm an all dem ist nicht, dass die Verteidiger zugunsten ihrer Mandanten den hinterletzten juristischen Trick anwenden, denn sie verrichten damit lediglich ihre Arbeit.

Strafmildernde oder strafverschärfende Gründe, je nach Fall

Nein, das Schlimme an der Sache ist, dass diese Strafmilderungen von den Gerichten in Fällen von schweren Straftaten leichthändig gewährt werden, hingegen nicht in Fällen von Strassenverkehrsübertretungen, die teils keinerlei Opfer zur Folge haben. Denn das soll mir jemand doch bitte erklären: Wenn jemand einen Verkehrsunfall verursacht, wird die Tatsache, dass er vorher Alkohol oder Drogen konsumiert hatte strafverschärfend beurteilt; wenn hingegen jemand mit einem Hammer seine Familie umbringt, wirkt sich dasselbe strafmildernd aus, weil der Täter nicht zurechnungsfähig gewesen sei. Nun, das bleiben die Mysterien der «Justiz».

Ein kontraproduktiver Viktimismus…

Sei es wie es sei, aber all dies trägt dazu bei, dass die Gewaltanwendung ganz allgemein zunimmt – auch gegenüber Frauen, Kindern, Männern, Hunden und Gürteltieren – und damit zur Verschlimmerung der Lage beiträgt. Es ist wie im Falle der Katze, die sich in den Schwanz beisst: Einerseits werden die Calimeros zahlreicher – die manchmal zu Recht und manchmal nicht, jedenfalls generell, stets den Erlass immer weiterer Gesetze und Verbote fordern, welche die Gewalttäter weiterhin kaum beachten – andererseits nehmen die Gewaltanwendungen der Meute der gescheiterten Existenzen zu, die vom Staat in seiner falschen Auslegung des Verhältnismässigkeitsprinzips auf unverantwortliche Weise verteidigt und entschuldigt werden.

…und ein unglückseliger Garantismus

Dadurch, dass man das Verhältnismässigkeitsprinzip stets zugunsten der Schuldigen auslegt, entmutigt man sie keineswegs für das weitere Delinquieren, da sie dafür maximal das Risiko einer Geldstrafe oder von ein paar Tagen verhängter Arbeitsleistung für die Gemeinschaft eingehen.

Paradox an all dem ist – wenn die Politiker und die Massenmedien darin fortfahren, diesen Hyper-Viktimismus zu kultivieren, man ein ganzes Netzwerk von Gesetzen, Vorschriften und Verboten (und damit auch von nicht unwesentlichen wirtschaftlichen Lasten) verursacht – dass man schlussendlich damit umso mehr die eigentlichen Viktimisten (Opfer) bestraft, welche all diesen Rechtsverbindlichkeiten nachkommt, ohne dasselbe von jenen zu fordern, die sie mit fast quasi totaler Gewissheit, dass sie nicht durchgesetzt werden, krass missachten.

Kein Aufruf zur Anwendung von Wildwestmethoden, aber ein vernünftiges Motiv dafür, sich selbst besser zu verteidigen?

Nein, ich postuliere keineswegs eine Rückkehr zu einer «Selbstjustiz» nach Wildwestmanier Aber ich halte dafür, dass das Befürworten einer einst den Jugendlichen beigebrachten individuellen Reaktion – dass somit eine Ermutigung, nicht alles feige hinzunehmen ist (dies allerdings auch begleitet von der oben erwähnten Unterstützung, wenn diese Reaktion «vernünftig» ist, andernfalls abzulehnen ist) – die Haltung und die eigene Sicherheit der Generationen der Jungen verbessern könnte. Daraus resultierten weitaus weniger Viktimisten.

 

Comments are closed.

« »