Realität und Realitätsverzerrung

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Aus der Weltwoche vom 07.04.2022, ein Artikel von Kurt W. Zimmerman

Als ich an diesem Montagmorgen die Schlagzeilen des Schweizer Fernsehens sah, fiel ich mit einem Lachanfall fast von der Küchenbank.

Ich las: «Viktor Orbán hat offensichtlich vieles richtig gemacht.»

Man nennt das Katastrophenbewältigung. Wochenlang hatte unser Staatsfunk, von «Tagesschau» bis «Echo der Zeit», zuvor seinem Publikum eingehämmert, bei Ungarns Premier Orbán handle es sich um einen «korrupten» und «autokratischen» Schurken, der «die Demokratie aushöhlt» und dadurch bei den Wahlen «unter Druck» steht.

Es kam völlig anders. Viktor Orbáns Fidesz-Partei erreichte in den Wahlen ein Allzeithoch von 53 Prozent der Stimmen. Sie hängte die vereinigten Oppositionsparteien mit fast zwanzig Prozent der Stimmen ab. Ein Erdrutsch.

Noch am Wahlabend formulierte in der «Tagesschau» hingegen deren Osteuropa-Korrespondent Peter Balzli, «auch die Opposition könnte gewinnen». Es war eine derart bizarre Fehleinschätzung, dass ich meinem alten Kollegen Balzli nur raten kann, sich bei seiner Berichterstattung über Ungarn künftig auf Gulasch und Gänseleber zu beschränken. Dort braucht es keinen politischen Sachverstand.

Die Wahlen in Ungarn waren eine Katastrophe. Sie waren eine Katastrophe für den Journalismus, vor allem für den Auslandjournalismus.

Wie nach jeder Katastrophe begannen dann die unvermeidlichen Aufräumarbeiten.

Blenden wir etwas zurück und lesen wir nochmals, was uns die Auslandressorts der Medien noch wenige Tage vor diesem Wahlausgang vorgesetzt hatten.

«Orbán steht vor den Trümmern», wusste etwa die NZZ und prophezeite, «dass Orbáns Modell gescheitert ist». Das war für ein sogenanntes Weltblatt schon eine sehr dilettantische Einschätzung einer Politik, die zwei Tage später einen gigantischen Wahlerfolg einfuhr.

Anderswo sahen die Journalisten Orbáns Niedergang gleichermassen kommen. «Für Orbán wird es eng», weissagte die Aargauer Zeitung. «Orbán droht der Sturz», titelte der Blick. Ungarns Opposition, so wusste der Spiegel, «könnte Viktor Orbán bei den anstehenden Wahlen tatsächlich besiegen».

Wie kann man sich nur dermassen verhauen? Warum, so fragt man sich, haben Auslandskorrespondenten nicht die geringste Ahnung von jenem Land, über das sie berichten?

Die Antwort führt uns in den Fachbereich der Psychotraumatologie. Die häufigste Verhaltensstörung ist hier, dass der Patient die Realität nur noch sehr bedingt wahrnehmen kann, weil eine traumatische Vorstellung, genannt Intrusion, seine Sichtweise blockiert.

Wem das nun etwas zu theoretisch war, dem liefere ich drei Schlagzeilen aus dem Jahr 2016.

«Sieg für die Geschichtsbücher: Hillary Clinton vor dem Ziel», wusste damals der Focus. «Die Glücksprinzessin», betitelte der Tages-Anzeiger damals Hillary Clinton und kündete an, was sie «nach ihrem Wahlsieg» alles bewegen werde. «Hillary Clintons historischer Weg», jubelte das Schweizer Radio über ihren sicheren Sieg.

Gewählt wurde damals Donald Trump. Und gewählt wurde nun Viktor Orbán.

Viele Journalisten sind nicht mehr fähig, Realitäten nüchtern zu erkennen. Zu viele vorbelastende Traumata stehen ihnen im Weg. Sie müssen links stehen, sie müssen alles Konservative ablehnen, sie müssen politisch korrekt sein, gendermässig und antifaschistisch richtig agieren, multikulturell und klimatologisch dem Zeitgeist folgen, und sie müssen unablässig kämpfen gegen all die Rassisten, Nazis und Populisten, die an jeder Ecke lauern.

Wer sich diesem Mainstream verweigert, ist intern schnell ein Outsider. Es gibt inzwischen ganze Legionen von Gesinnungspolizisten und Gesinnungspolizistinnen auf den Redaktionen.

In diesem Klima schreibt man nicht mehr, was die Wahrheit ist. Man schreibt, was die Wunschvorstellung ist. In der Wunschvorstellung verlieren Trump und Orbán die Wahl.

Wenn die Realität sich nicht an die eigene, schiefe Sichtweise hält, dann ist daran nicht die eigene, schiefe Sichtweise schuld, sondern die Realität. Dann gewinnt Orbán die Wahl «deutlicher als erwartet» (Tages-Anzeiger).

Dann feiert Orbán einen «unerwarteten Triumph» (St. Galler Tagblatt), dann siegt Orbán «überraschend deutlich» (Spiegel).

Wenn das journalistische Wunschdenken an der Realität scheitert, dann ist das völlig unerwartet und überraschend.

 

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