Ist Ethik ein Konzept variabler Geometrie?

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Eros N. Mellini

Editorial

Die Ethik, verstanden als tugendhaftes Verhalten, sollte eigentlich für eine absolute und nicht diskutable Wertevorstellung stehen. Und auch wenn man dem einfachen Bürger die eine oder andere Ausnahme oder den einen oder anderen Ausrutscher verzeihen mag, ist dieses Zugeständnis – angesichts des Grossmuts, mit welchem wir den Politikern (die sich öffentlich äussern und sich dabei als Verteidiger der moralischen Werte der Bevölkerung oder zumindest ihrer Wählerschaft aufspielen) ihre lässliche Sünden verzeihen – nicht zulässig, jedenfalls nicht offiziell. Wenn „die Ehefrau von Cäsar über jegliche Zweifel erhaben sein soll“ muss es Cäsar umso mehr sein!

Als bald 70Jähriger finde ich es spannend, einige Vergleiche anzustellen über die Gesellschaft (und insbesondere die Politik) von gestern und von heute; dies bevor mein Gedächtnis unwiderruflich von der Alzheimerkrankheit befallen wird, die einen immer grösseren Anteil unserer älteren Generation heimsucht.

Ein konstanter Verfall

Wenn ich an die Beachtung eines absoluten Verhaltenskodexes denke, die – abgesehen von den direkten Folgen, die alle zu gewärtigen hatten – genau festlegte, was man tun durfte und was nicht, erscheint die Zerrüttung unserer Gesellschaft in den letzten 50 Jahren nicht nur undiskutabel, sondern hat ein Ausmass und eine Dynamik erfahren, die jeglicher Kontrolle und somit jeder Logik entgleiten.

Wohlverstanden, es ist nicht so, dass es früher keine „Sünder“ gegeben hätte, aber während diese früher eine vernachlässigbare Minderheit darstellten, die – möglichst – zum Gespött der Leute wurde, ist man heute gar dazu übergegangen, recht eigentliche Straftaten ethisch zu rechtfertigen. Es scheint offenbar, anders gesagt, heute ethisch korrekt, zur Unethik erklärte ethische Grundsätze zu missachten. Der Fall von Lisa Bosia Mirra, die Schleuserin illegaler Migranten, ist dabei lediglich das offensichtlichste Phänomen, denn der ethische Verfall der Gesellschaft zeigt verschiedene Gesichter. Ich erinnere mich daran, dass es zu meiner Jugendzeit im Locarnese einen Suizidfall gab, und man munkelte – insgeheim, denn man zeigte Verständnis für den Selbstmörder – dass der arme Teufel die Schande nicht ertragen hatte, am Rande des Ruins zu sein und Zahlungsbefehle erhalten zu haben. Könnten Sie sich die riesige Arbeitslast der Sterbehilfeorganisationen vorstellen, wenn heute ein solcher Massstab für all jene gelten würde, die Schulden haben? Es ist natürlich richtig, die Verschuldung – jedenfalls wenn sie nicht selbstverschuldet, sondern auf widrige Umstände zurückzuführen ist – mit dem nötigen Verständnis zu betrachte, aber was in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Ausnahme darstellte, ist heutzutage geradezu zur Normalität geworden; man denke schon nur an die Konkurs- und Schuldenakrobaten, die hemmungslos ehrliche (aber vielleicht etwas zu vertrauensselige) Handwerker in den Ruin treiben, um dann kurz danach durch die Gründung einer neuen GmbH ihr Spielchen weiter zu treiben.

Volkssport „Urteilen und Verurteilen“ uneingedenk der eigenen Verhältnisse

Ein weiterer Aspekt, den es zu bedenken gilt, ist das Voranschreiten der Informatik, die es gegenüber früher allen erlaubt, ihre Meinung zu äussern und dafür ein manchmal zustimmendes Publikum zu finden. Dieses muss aber häufig unerwünschte Behauptungen über sich ergehen lassen, weil es einfach im fraglichen Moment im Netz war. Einst versicherte man sich, bevor man andere wahllos in Verruf brachte (zumindest wenn man es wollte), zweier Dinge: Erstens, dass die verbreitete Nachricht zutreffend sei, und zweitens, dass dafür ein öffentliches Interesse bestehe, das über den krankhaften Klatsch von Skandalblättern resp. das übliche Waschküchengeschwätz hinaus geht. Heute hingegen – insbesondere nach dem Aufkommen der „social networks“ – fühlen sich alle berechtigterweise „legitimiert“ (um nicht zu sagen „verpflichtet“), Urteile abzugeben über die mangelnde Ethik der anderen, wobei man sich oft unkritisch nur auf „Nachrichten“ vom Hörensagen abstützt, die sich bei näherer Betrachtung als Enten herausstellen. Früher führte das Bewusstsein, dass wir alle die eine oder andere kleinere oder grössere Leiche im Keller begraben haben (die eingangs erwähnten „lässlichen“ Sünden) und das daraus resultierende Schuldgefühl dazu, dass der Laie es den zuständigen Justizbehörden überliess, allenfalls wenn nötig ein Urteil zu fällen. Aber heute ? Für die eigenen Leichen im Keller besteht ein völliger Gedächtnisschwund oder gar Schlimmeres, und ich befürchte, dass sie kaum noch Kritik hervorrufen in der heutigen Gesellschaft, in welcher man für jegliche Art von Schandtaten (ausser vielleicht für unseren Wohlstand) mildernde Umstände zu finden scheint. Ob die Nachricht wahr ist, ist völlig egal, es reicht aus, dass sie auf die anvisierte Person zutreffen könnte, die bereits vorgängig schädigend als tückischer und nimmer zu einer guten Tat fähiger Gauner hingestellt wurde.

Die jüngste Perle der Ethik „à la carte“

Das jüngste Beispiel, die Ethik als ein Konzept variabler Geometrie zu betrachten, entnehme ich gewissen Reaktionen, hervorgerufen durch die in den Medien verbreitete Annonce, wonach man Unterschriftensammler für das Finanzreferendum sucht. Der nicht hinnehmbare Skandal bestünde demnach darin, dass man jenen, die eine bedeutende Anzahl Unterschriften zusammen bringen, eine angemessene Entschädigung in Aussicht stellt. Abgesehen davon, dass es sich dabei leider um eine heute unverzichtbare Praxis handelt, wie es Giorgio Ghiringhelli vor zwei Wochen sehr gut in unserer Zeitung geschrieben hat, ersehe ich darin nichts Unethisches, wenn man jene Leute entschädigt, die ihre Zeit und ihr Engagement für das Zustandekommen eines Referendums oder einer Initiative einsetzen. Denn eines ist klar: Niemand denkt im Träume daran, jemandem 2-3 Franken zu bezahlen für seine Unterschrift: Abgesehen davon, dass dies in der Tat unethisch wäre, befürchte ich, dass niemand zu einem solchen oder auch viel höheren Preis seine Unterschrift „verkaufen“ würde. Nein, die Leute werden weiterhin nur unterschreiben (oder nicht unterschreiben) für einen Vorstoss, von dem sie überzeugt sind, und das tun sie gratis. Aber ist es denn wirklich schändlich, jenen, die viele Stunden lang und möglicherweise auch bei übelstem Wetter draussen ausharren, um den Stimmbürgern eine Vorlage vorzustellen, eine angemessene Entschädigung zu zahlen ? Ich habe im Facebook den folgenden Kommentar gelesen: „Eigentlich wäre ich grundsätzlich geneigt gewesen, diese Initiative zu unterstützen, aber nach dem Lesen dieser Nachricht (die Entschädigung für die Unterschriftensammler) werde ich sicher nicht unterschreiben“. Diese Haltung ist völlig absurd. Es ist, wie wenn man sagte: „Ich wollte für die Erdbebenopfer etwas spenden, aber weil das Verwaltungspersonal der Glückskette (oder irgend einer anderen NGO) entlöhnt wird, werde ich es nicht tun“. Also nochmals das Konzept: Die Mitarbeiter einer NGO zu entlöhnen ist ethisch richtig, aber jene zu entlöhnen, die sich für eine politische Vorlage einsetzen, ist es nicht.

Aber eben, hinter der Initiative zum Finanzreferendum steht „ein tückischer Unternehmer, ein nimmer zu einer guten Tat fähiger Gauner“. All jene Leute hingegen, die sich auf Kosten der NGOs den Bauch füllen…

 

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