Die ideologische Selbstgeisselung

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Eros N. Mellini

Editorial

In vergangenen Zeiten gab es zweifellos weniger moralischen Bande – oder vielleicht war die Moral ganz einfach eine andere – und man ging davon aus, dass das eigene Land das Beste sei, das alles, was es tat richtig sei, und wenn jemand damit nicht einverstanden war, brauchte man nur zu den Waffen greifen, und wer überlebte bekam Recht. Das historische Bewusstsein war ausschlaggebend, dies wurde einem vom Kindesalter an eingeimpft, und wenn es keine ausreichend heroische Erinnerungen gab, erfand man sie mittels Mythen und Legenden, an die man aufgrund des ständigen Hörens und Weitererzählens an die Kinder schliesslich selber zu glauben begann. Die römische Geschichte ist voll solcher Mythen, welche die Gründung der Stadt auf Romulus zurückführten, der samt seinem Bruder Remus von Rhea Silvia abstammte – Nachkommin von Aeneas, seinerseits Sohn der Göttin Venus – und von Mars, dem Gott des Krieges. Eine illustre Nachkommenschaft also, welcher das römische Volk mit Statuen und Monumenten der Götter huldigte; Götter, die in manchmal komplizierte aussereheliche Geschichten verstrickt waren, was wiederum neue prominente Figuren hervorrief, auf deren Abstammung man stolz sein konnte. Jupiter, Apoll, Mars, eine Wölfin, die – statt wie heute im Tessin Lämmer zu zerfleischen – Neugeborene stillte; Helden, deren Handeln zumeist im Zusammenhang mit Angriffskriegen stand; sie alle erhielten ihren Ehrenplatz auf Strassen, Plätzen, Tempeln und öffentlichen Gebäuden. Das Schöne an den Moralvorstellungen in jenen Zeiten war, dass es niemanden in den Sinn kam, die Verdienste dieser Figuren in Frage zu stellen und die Entfernung der sie darstellenden Monumente zu fordern, ausser in den raren Fällen von «damnatio memoriae», was jedoch strengen Regeln unterstand: Der Verurteilte musste es dafür schon sehr krass getrieben, und er musste vor allem im gegebenen Zeitpunkt gegen die Staatinteressen gehandelt haben. Und es lag am Staat, diese Strafe zu verhängen, und nicht an einer kreischenden und wütenden Menschenmenge, die an weitaus wichtigere Dinge zu denken hatte, wie zum Beispiel daran, wie man tagtäglich genügend Essen auf den Teller bringen konnte.

Eine Geisteshaltung, die bis vor einigen Jahrzehnten Gültigkeit hatte

Diese (vernünftige) Einstellung hielt bis vor einigen Jahrzehnten an. Auf den Strassen des gesamten Westens fanden sich gut sichtbar Monumente aufgestellt für Personen, welche die Geschichte geprägt oder mittels Entdeckungen, der Forschung, Erfindungen, der Literatur oder der Kunst, etc. Geschichte geschrieben hatten. Und dies alles taten sie zu einer völlig anderen Zeit mit den seinerzeit geltenden ethischen Vorstellungen, die, wie bereits gesagt, nicht verbunden waren mit heuchlerischen Schuldgefühlen für Handlungen, die seinerzeit durchaus als normal galten. Aber dann kam die 68er Bewegung mit ihrer dummen Toleranz für den organisierten und institutionalisierten Aufstand, der infolge des praktisch ausbleibenden Widerstands seitens einer wohlstandsverwöhnten Gesellschaft innerhalb weniger Jahre ausgeufert ist in einen Massenaufstand, in eine unkritische und aprioristische Ablehnung jeglicher Anerkennung sämtlichen möglicherweise von Personen positiv Geschaffenem; es sei denn, man beweise dafür dessen nach heutigen Moralvorstellungen beurteilte Harmlosigkeit. Da bleibt nur noch Raum übrig für die Heiligen, dies natürlich nur nach strenger Kontrolle ihrer Vergangenheit. Und da auch die meisten der «Heiligen» die eine oder andere Jugendsünde begangen hatten, müssen wir uns damit abfinden, in einer Welt ohne Meisterwerke der bildenden Künste leben zu müssen, in welcher nur noch sterile Landschaftsabbildungen oder Porträts von mutmasslich schuldlosen Neugeborenen dargestellt werden.

So spielt es denn keine Rolle mehr, dass Kolumbus Amerika entdeckt hat; nein es geht darum, dass er Sklaven beschäftigte – was übrigens in jener Zeit durchaus legal war – und somit verdiene er es nicht, dass man sich an ihn erinnere. Wie konnte er es sich erlauben, Amerika zu entdecken? Und Churchill? Er hat nichts weniger als Europa vor der nazistischen Gefahr gerettet, indem er das damals alleinstehende England (damals waren die USA noch nicht in den Krieg eingetreten; dies geschah erst nach Pearl Harbor im Jahre 1941) gegen das nazistische Deutschland in Stellung brachte. Aber (wie es heute heisst) sei er ein Rassist gewesen! Also sei er schuldig zu sprechen gemäss dem berüchtigten Artikel 261a des Schweizer Strafgesetzbuches, der jedoch – abgesehen von der in diesem Fall fehlenden Anwendbarkeit – erst im Jahre 1995 in Kraft getreten ist, also gut 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Eine absurde wie gleichermassen unberechtigte Selbstgeisselung

Heutzutage glauben wir nicht mehr an Mythen und Legenden. Das wäre gut gewesen, wenn dies nicht eine dahingehend ausgerichtete Gegenreaktion hervorgerufen hätte, die alle Werte der Vergangenheit in den Dreck zieht; auch jene Werte, die durchaus auch heute noch ethisch vertretbar wären, die aber heutzutage lächerlich gemacht oder abgelehnt werden, wodurch man das Kind mit dem Bade ausschüttet. Begriffe wie Patriotismus, Freiheit, Nationalstolz etc. haben einen negativen Beigeschmack erhalten, leider auch seitens von vielen Leuten, die eigentlich nicht zu den Protestlern gehören und die sich alles in allem in unserem Land wohl fühlen. Es ist eine Art Masochismus, der immer dann Orgasmen bereitet, wenn einer unserer Haushistoriker – oder Pseudohistoriker – irgend etwas aus den vielleicht auch etwas trüberen Wässern unserer Vergangenheit aus dem Hut zaubert. Die Schweiz habe gegenüber den Juden während des Zweiten Weltkrieges falsch gehandelt: Hurrah! Die Schweiz habe mit der Apartheids-Regierung von Südafrika Handel betrieben: Wie schön! Aber dafür müsse sie heute bezahlen.

All dies ist Ausfluss einer absurden wie unberechtigten – und vor allem heuchlerischen – Selbstgeisselung für das Geschehen in Zeiten, die wir nicht erlebt haben, und die man nach meiner Meinung nicht nach dem Diktat des bis hin zum Paradoxismus reichenden «Politically Correct» abkanzeln darf. Wir (ver)urteilen nach heutigen Moralvorstellungen über Dinge, die in teils weit entfernter Vergangenheit geschahen. Dies auch, wenngleich Artikel 1 der Strafgesetzbuches  klar aussagt, dass «eine Strafe nur wegen einer Tat verhängt werden darf, die das Gesetz ausdrücklich unter Strafe stellt». Aber unsere modernen Bilderstürmer interessiert dieses Prinzip kaum. Und wir nehmen dies offenbar mit immer mehr Freude hin.

Ab all dieser Freude ist unsere Gesellschaft mittlerweile wahrlich zu einem «Freudenhaus» verkommen.

 

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