«Der Westen ist überheblich»
Aus der Weltwoche vom 10.09.2025, ein interessantes Interview mit ehm. Bundesrat Ueli Maurer

Ueli Maurer torna dalla parata militare di Pechino con impressio Ueli Maurer kehrt von Pekings Militärparade zurück – mit Eindrücken von Xi, Putin und einer Weltordnung im Umbruch. Im Gespräch warnt er vor Europas Arroganz, verteidigt die Neutralität der Schweiz und sagt, wie man mit Trump verhandeln muss.
Roman Zeller
Ueli Maurer bleibt sich treu: Auch nach seinem Rücktritt als Bundesrat scheut er keine Kontroverse. Als einziger Schweizer folgte der frühere SVP-Bundesrat der Einladung Pekings und nahm an der grossen Militärparade zum Ende des Zweiten Weltkriegs teil – Seite an Seite mit Xi Jinping, Wladimir Putin, Narendra Modi und Kim Jong-un. Während seine Gegner einen Skandal wittern, betont Maurer, er sei als Privatperson vor Ort gewesen, um der Schweiz als neutralem Staat ein Gesicht zu geben. Nach seiner Rückreise hat ihn die Weltwoche zum Gespräch eingeladen und zu seinen Eindrücken befragt.
Weltwoche: Herr Maurer, Sie sorgen für Schlagzeilen, weil Sie als einziger Schweizer bei der grossen Militärparade in Peking waren. Xi Jinping, Putin, Modi, Kim Jong-un – und Sie mittendrin. Wie kam es zu dieser Einladung?
Ueli Maurer: Das kam überraschend über die chinesische Botschaft in Bern, ich wurde als persönlicher Gast der chinesischen Regierung eingeladen. Die offizielle Schweiz war durch unseren Botschafter in Peking vertreten, ich war also ein privater Gast. Warum genau ich eingeladen wurde, weiss ich nicht – ich habe nicht nachgefragt. Aber ich habe mich gefreut und die Gelegenheit genutzt, dabei zu sein. Es war eine Chance, die Schweiz als neutralen Akteur zu präsentieren.
Weltwoche: Hat es Sie erstaunt, dass kein Bundesrat, keine Bundespräsidentin vor Ort war?
Maurer: Eigentlich nicht. Die Schweiz befindet sich in einer Zwickmühle. Einerseits pflegen wir seit Jahrzehnten gute Beziehungen zu China, einer unserer stärksten Partner. Andererseits ist die Schweiz in das europäische China-Bashing eingebunden, das derzeit in Brüssel und anderswo tobt. Der Bundesrat hat sich offenbar zurückgehalten, um keinen Konflikt zwischen unserer Neutralität und den europäischen Diskussionen zu provozieren. Ich habe bewusst nicht nachgefragt oder den Bundesrat informiert – das hätte ihn in eine schwierige Lage gebracht, mir ein Ja oder ein Nein zu geben.
Weltwoche: Beschreiben Sie, wie so ein Besuch abläuft. Wie kann man sich das vorstellen?
Maurer: Ich war in der zweiten Reihe, nicht bei den amtierenden Staatschefs oder Premierministern. China hält sein Protokoll sehr strikt ein – jede Minute ist durchgeplant, fast militärisch organisiert. Der offizielle Teil lief korrekt ab, mit klaren Richtlinien. Es gab Gespräche mit Vertretern Chinas und zentralasiatischer Länder, die ich aus meiner Zeit als Finanzminister kenne. Ich denke, es war wichtig, dass die Schweiz präsent war. Als eines der wenigen europäischen Länder signalisierten wir damit: Wir sind neutral, wir sind da, wir reden mit allen. Das wurde wahrgenommen, und ich glaube, es war gut für unser Image als neutraler Staat, der Brücken baut.
Weltwoche: Was hat Sie bei Ihrem Besuch in Peking am meisten beeindruckt?
Maurer: Zwei Dinge sind mir besonders geblieben. Erstens die Militärparade – ein wirklich gigantisches Schauspiel. China zeigte Waffen, die selbst westliche Militärattachés in Staunen versetzten. Neue Technologien, beeindruckende Präzision – es war klar: China ist in der Rüstungsindustrie an der Weltspitze angekommen. Das war eine Demonstration von Stärke. Zweitens das Auftreten von Präsident Xi Jinping. So selbstsicher habe ich ihn noch nie erlebt. Mein Eindruck war, China emanzipiert sich allmählich vom Westen, nicht laut oder aggressiv, sondern mit einer ruhigen, fast stillen Kraft. Die Botschaft war: «Wir sind stark genug, unseren eigenen Weg zu gehen.» Das war faszinierend und beeindruckend, besonders in einer Zeit, in der der Westen oft laut und moralisierend auftritt.
Weltwoche: Bei vielen Kommentatoren löste die Militärparade Unbehagen aus. Was wollte China der Welt damit zeigen?
Maurer: Der 2. September ist für China ein historisch bedeutsamer Tag – die Kapitulation Japans 1945, nach einem Krieg, der China Millionen Tote kostete. Diese Parade ist kein Zeichen von Aggression, sondern eine Erinnerung an den Frieden. Xi Jinping betonte in seinen Reden wiederholt, wie wichtig der Weltfrieden ist. Es gab nicht die geringste Spur von Kriegstreiberei – im Gegensatz zu manchen Tönen in Europa. Gleichzeitig war die Botschaft klar: «Wir sind bereit, unseren Wohlstand zu verteidigen. Wenn ihr uns angreift, stosst ihr auf eine Wand.» Es war eine Mischung aus historischem Gedenken, nationalem Stolz und strategischer Abschreckung, tief verwurzelt in Chinas Geschichte.
Weltwoche: Konnten Sie mit Xi Jinping reden? Was ist das für ein Mensch?
Maurer: Ich hatte bei einem früheren Staatsbesuch ein längeres Gespräch mit ihm, und das war sehr angenehm. Xi ist ein interessierter, kulturell gebildeter Mann. Wir sprachen über Musik, Literatur, Religionen – er ist nicht nur auf Macht fokussiert. Er hat eine breite Basis, ist vielseitig. Gleichzeitig behauptet er sich gegen interne Widerstände in China, was nicht einfach ist. Seine Auftritte sind staatsmännisch, bescheiden, ruhig – das fand ich wohltuend. Man spürt, dass er das Vertrauen der Bevölkerung hat, was für einen Staatsführer entscheidend ist. Er ist nicht der kalte Machtmensch, wie er oft dargestellt wird, sondern jemand, der China mit einer klaren Vision führt, tief verwurzelt in der Geschichte und Kultur seines Landes.
Weltwoche: Russlands Präsident Wladimir Putin war auch in Peking. Wie haben Sie ihn erlebt?
Maurer: Putin wirkte erstaunlich locker. Keine Spur von Gesundheitsproblemen oder Schwäche, wie es westliche Medien oft darstellen. Wir sassen zwei Stunden bei über 30 Grad in der Sonne – er hat weniger geschwitzt als ich! Er ist zurückhaltend, nicht schüchtern, aber er drängt sich nicht in den Vordergrund. Er spricht freundlich mit allen, die ihn ansprechen. Ich hatte den Eindruck, er ist fit, ausgeglichen, selbstsicher. Ganz anders als das Bild, das man uns oft verkauft – ein halbtoter Despot. Er schien mir in guter Verfassung, sowohl physisch als auch mental, und strahlte eine gewisse Gelassenheit aus.
Weltwoche: Wie sehen Sie China generell – dieses Land, das bei vielen im Westen Sorgen auslöst. Ist Peking eine reelle Bedrohung? Eine Kriegsgefahr?
Maurer: China ist auf dem Weg, eine neue Weltmacht zu werden – wirtschaftlich und militärisch. Das ist kein neues Phänomen: Grossbritannien und die USA haben das Gleiche getan, als sie aufstiegen. China kontrolliert 90 Prozent der verarbeiteten seltenen Erden – wenn es den Hebel umlegt, steht vieles still. Für die Schweiz lautet die Devise: Besser China zum Freund als zum Feind haben. Wir haben seit Jahrzehnten gute Beziehungen, die wir pflegen sollten. Mit Respekt, mit Vorsicht, aber ohne China zu reizen. Historisch war China nie aggressiv wie andere Grossmächte. Die Angst im Westen ist oft übertrieben, aber wir müssen die Entwicklung wachsam beobachten. China nimmt seinen Platz als Weltmacht ein – das ist die Realität, und wir müssen damit klug umgehen.
Weltwoche: Was ist das grösste Missverständnis über China, das bei uns kursiert?
Maurer: Viele denken, China sei rückständig oder gefährlich. Ich fühle mich in chinesischen Grossstädten sicherer als in manchen Teilen Zürichs oder Berns – von Deutschland müssen wir gar nicht anfangen zu reden. Technologisch ist China auf Augenhöhe mit dem Silicon Valley, in Bereichen wie künstlicher Intelligenz oder Finanztechnologie teils voraus. Die jungen Chinesen sind hungrig, gut ausgebildet, stolz auf ihr Land. Ich sprach mit einer jungen Dolmetscherin, die diese neue Generation verkörpert – selbstbewusst, aber mit der typischen Zurückhaltung der chinesischen Kultur. Und China steht nicht allein: Mit den anderen Brics-Staaten repräsentiert es zwei Drittel der Weltbevölkerung. Die Gewichte verschieben sich, die Weltordnung wird neu geschrieben. Der Westen muss das ernst nehmen und eine Balance suchen, statt auf Konfrontation zu setzen.
Weltwoche: Konnten Sie mit Vertretern der Brics-Staaten sprechen? Was beschäftigt diese Länder? Was werfen sie dem Westen vor?
Maurer: Die zentrale Frage, die mir gestellt wurde, war: Ist die Schweiz noch neutral? Viele Länder hoffen auf unsere Neutralität, machen sich aber Sorgen, weil wir uns zunehmend an Europa anlehnen. Sie fragten: Was läuft schief in Europa? Will Deutschland wirklich einen neuen Krieg? Die Sorge ist, dass Europa den Weltfrieden gefährdet. Der Vorwurf lautet: Der Westen hält sich nicht an Versprechen, will mit der Nato seinen Einfluss ausbauen und greift damit die Kultur und die Lebensweise des Ostens an. Besonders die Ukraine-Politik wird als Provokation gesehen. Diese Länder wollen eine Schweiz, die als neutraler Vermittler agiert, nicht als Teil eines westlichen Blocks.
Weltwoche: Finden Sie diese Kritik berechtigt? Wo müssen wir im Westen selbstkritischer sein?
Maurer: Der Westen ist überheblich. Wir betrachten uns als Zentrum der Welt, obwohl Länder wie China oder Indien uns aus eigener Kraft eingeholt haben. Wir respektieren ihre Kulturen zu wenig. Statt miteinander zu reden, reden wir übereinander. Wir müssen zu Waffenstillständen kommen, etwa in der Ukraine oder im Nahen Osten, statt Konflikte anzuheizen. Der Westen sollte sich fragen, warum er andere Kulturen so wenig respektiert.
Weltwoche: Wo sehen Sie das grösste Problem des Westens?
Maurer: In der Arroganz. Wir haben nicht begriffen, dass andere Länder uns eingeholt haben. Europa ist nicht mehr das Zentrum der Welt. Wir müssen andere Kulturen respektieren, ohne unsere eigene aufzugeben. Stattdessen moralisieren wir und schliessen Andersdenkende aus – das ist Gift für die Demokratie. Ob bei Corona, Klima oder Migration: Wer kritische Fragen stellt, wird sofort als Extremist abgestempelt. Das zerstört Vertrauen und spaltet Gesellschaften.
Weltwoche: Vor nicht allzu langer Zeit haben Sie im deutschen Wahlkampf eine Grussbotschaft an die AfD gerichtet – und dafür einen Sturm der Entrüstung geerntet. Warum haben Sie das gemacht?
Maurer: Ich kenne das Gefühl, ausgegrenzt zu werden, aus meiner Zeit als SVP-Präsident. Wir wurden oft als «Teufel» diffamiert, kaltgestellt, moralisch verurteilt. In Deutschland werden fast 30 Prozent der Wähler, die AfD wählen, ignoriert oder ausgegrenzt. Das ist ein Schlag ins Gesicht der Demokratie. Ich wollte ein Zeichen setzen: Jeder hat das Recht, gehört zu werden. Im Nachhinein war es vielleicht zu viel Staub, und ich würde es nicht mehr machen, aber trotzdem stehe ich dazu, was ich gesagt habe. Deutschland ist wichtig, weil es Europas Motor ist. Wenn Deutschland wankt, spüren wir das in der Schweiz. Die Missachtung von Minderheiten ist ein gefährlicher Trend – nicht nur in Deutschland, auch bei uns.
Weltwoche: Sie haben Alice Weidel besonders gegrüsst. Was ist Ihr Verhältnis zur AfD-Chefin?
Maurer: Wir tauschen uns gelegentlich über politische Fragen aus. Ich schätze sie ausserordentlich. Sie ist eine sehr kluge Frau mit enormem wirtschaftlichem Sachverstand – ihr Know-how übersteigt das der gesamten deutschen Regierung, wenn ich das so sagen darf. Sie hat Mut, nimmt unglaublich viel auf sich, steht im Sturm der Kritik. Sie argumentiert scharf, klar und fundiert.
Weltwoche: Wie haben Sie die ständige Kritik als Politiker ausgehalten?
Maurer: Es braucht Mut und Rückgrat. Ich vergleiche es mit Fussball: Wenn du angegriffen wirst, hast du den Ball. Wenn du nicht angegriffen wirst, spielen die anderen. Ich habe gelernt, Kritik als Zeichen zu sehen, dass man etwas Richtiges macht. Mein Rezept war, immer mit den Leuten zu reden – einfachen Leuten, die oft nicht die Worte haben, aber spüren, dass etwas schiefläuft. Ihnen eine Stimme zu geben, gab mir Kraft. Ein warmer Händedruck, ein Zunicken – das hat mich durch Shitstorms getragen.
Weltwoche: Kann Friedrich Merz ein Kanzler für alle Deutschen sein, auch für AfD-Wähler?
Maurer: Ich habe anfangs geglaubt, er könne das. Aber er hat die Chance verpasst. Seine Brandmauer gegen die AfD macht ihn unglaubwürdig. Die AfD müsste eingebunden werden, bevor sie allein regiert – sonst fehlt ihr die Substanz, um ein Land wie Deutschland zu führen. Die CDU hätte mit der AfD eine starke bürgerliche Regierung bilden können, aber diese Gelegenheit ist vertan. Die AfD sollte mutiger die wirklich schrägen Elemente ausschliessen, wie wir es in der SVP manchmal mussten, und die CDU sollte die AfD einbinden, bevor es zu spät ist.
Weltwoche: Interessant ist, dass Sie als einziger Bundesrat bisher Donald Trump im Weissen Haus getroffen haben. Das war 2019, in Trumps erster Amtszeit. Wie verhandelt man mit ihm?
Maurer: Trump denkt in Deals. Man muss ihm etwas bieten, in rosaroten Farben, und das, was man will, herunterspielen. Ich traf ihn zweimal im Weissen Haus und einmal anderswo – er kennt die Schweiz, schätzt unser System, stellt kluge Fragen, fragt nach. Aber er ist unberechenbar, manchmal willkürlich, egozentrisch. Er muss am Ende als Sieger dastehen. Ein gutes Verhandlungsresultat wäre, bei den Zöllen auf EU-Niveau zu landen – besser wäre darunter, aber das wird schwer, weil zu viel Geschirr zerschlagen wurde. Man muss seine Verwaltung überzeugen, nicht nur ihn. Die Schweiz hat viel zu bieten – Know-how, Investitionen, Forschung –, das muss man klug verkaufen. Und man muss mit seiner Laune rechnen – manchmal entscheidet er aus einer schlechten Stimmung heraus. Wirtschaftsminister Parmelin ist der Richtige für solche Verhandlungen, aber es kommt auf die Vorbereitung und die Delegation an.
Weltwoche: Wie würden Sie Trump generell beschreiben? Was ist das für ein Mensch?
Maurer: Er ist kein Ideologe, sondern ein Pragmatiker. Er liebt es, als Gewinner dazustehen, und er hat ein Gespür für die Stimmung der Leute. Das macht ihn gefährlich und faszinierend zugleich. Seine Kritiker unterschätzen ihn, weil sie ihn als Clown sehen, aber er hat ein Gespür für Macht und weiss, wie man Massen mobilisiert. Für die Schweiz heisst das: Wir müssen ihn ernst nehmen, ohne uns einschüchtern zu lassen. Wir sind klein, aber wir haben Rückgrat – das muss er spüren.
Weltwoche: Mit was für Gedanken verfolgen Sie die Debatte rund um die EU-Verträge?
Maurer: Der Vertrag ist eine Kapitulationsurkunde. Wir geben unsere direkte Demokratie auf, übernehmen fremdes Recht und werfen, was die Schweiz stark macht, über Bord. Wirtschaftlich ist es ein Fehler: Eine reiche Volkswirtschaft übernimmt die Regeln einer kranken. Langfristig schadet uns die EU, die wirtschaftlich absteigt. Wir müssen unabhängig bleiben und mit allen gute Beziehungen pflegen. Der Bundesrat scheint Angst zu haben, in Brüssel nein zu sagen, nach dem Desaster 2019. Jetzt schiebt er die Entscheidung dem Volk zu. Aber niemand kann diesen Vertrag ehrlich vertreten – er ist politisch und wirtschaftlich ein Rückschritt. Die Schweiz hat es die letzten 25 Jahre besser gemacht als die EU – warum sollten wir ein schlechteres System übernehmen?
Weltwoche: Sie waren 2019 dabei, als der erste Rahmenvertrag mit der EU versenkt wurde. Was ist heute anders, was ist am jetzigen Vertrag besser?
Maurer: Der neue Vertrag ist nicht besser, eher schlechter. Damals hatte der Bundesrat noch den Mut, nein zu sagen. Heute scheint die Angst zu überwiegen, in Brüssel das Gesicht zu verlieren. Ehrlich gesagt: Niemand im Bundesrat kann diesen Vertrag mit Überzeugung vertreten. Es ist eine Unterwerfung – wir geben unsere Souveränität, unsere direkte Demokratie auf. Wir müssen uns auf den Kern konzentrieren: Unsere direkte Demokratie prägt Entscheidungen, zwingt zu Kompromissen, hält die Politik ausgewogen.
Weltwoche: Haben Sie eigentlich auch Ursula von der Leyen mal getroffen? Was ist das für eine Frau?
Maurer: Ja, klar. Sie ist umgänglich, aber sie stellt sich zu sehr in den Vordergrund, nicht die Sache. Unsere direkte Demokratie hat sie nie wirklich verstanden. Für sie – wie für viele ausländische Politiker – sind die Leute «dumm», unfähig, komplexe Fragen zu beurteilen. Sie denkt: «Wir Politiker wissen, was richtig ist.» Das ist ein Grundproblem in der EU: Man misstraut der Bevölkerung. Bei uns ist die direkte Demokratie ein Erfahrungsschatz, der über Generationen weitergegeben wird. Ich habe versucht, ihr das zu erklären, aber irgendwann schauen einen solche Leute mit grossen Augen an. Sie können es nicht nachvollziehen, weil sie aus einem System kommen, in dem die Eliten entscheiden.
Weltwoche: Ihre Beziehung zu alt Bundesrat Christoph Blocher wurde oft thematisiert, sie wurden immer als eine Art Mitläufer beschrieben, als Pudel, der bei Fuss steht. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu ihm beschreiben?
Maurer: Christoph Blocher und ich waren uns nie wirklich nahe, weil es nicht nötig war. Politisch denken wir fast identisch. Wir haben unterschiedliche Stile: Er ist der Industrielle, ich komme aus einfachen Verhältnissen. Es gibt keine Differenzen, aber auch kein enges freundschaftliches Verhältnis. Sein Einfluss auf die SVP wird überschätzt – die Partei ist gefestigt, steht auf eigenen Beinen. Aber ohne Blocher wären wir in der EU, das ist sein Verdienst. Er ist der herausragendste Politiker der letzten fünfzig Jahre, immer noch aktiv, und das respektiere ich sehr.
Weltwoche: Sie waren lange Jahre Präsident der SVP und haben die Schweizer Politik massgeblich geprägt. Wie beobachten Sie den heutigen politischen Betrieb in der Schweiz?
Maurer: Der politische Betrieb in der Schweiz steht an einem Scheideweg. Was positiv ist: Die Leute interessieren sich wieder mehr für Politik. Man spürt, dass etwas im Umbruch ist. Die Bürger, besonders die jüngeren, sind engagierter, wollen mitreden. Das ist eine Chance, denn eine lebendige Demokratie lebt von der Beteiligung. Aber es gibt auch Schattenseiten. Die Informationslage ist ein Problem. Viele Leute beziehen ihre Meinung aus einseitigen Quellen – sei es die «Tagesschau» oder der Tages-Anzeiger. Dieser Mainstream erstickt die Vielfalt der Diskussion. Die Medien müssten wieder mutiger sein, Querdenker zulassen, statt sie sofort als Extremisten abzustempeln.
Weltwoche: Wie schätzen Sie den Zustand der SVP ein?
Maurer: Die SVP steht stabil da, aber es gibt Schwankungen, besonders zwischen den Kantonalparteien. Die Motivation könnte besser sein. Die grossen Themen – keine EU, tiefe Steuern, Asylpolitik – liegen uns, aber wir müssen die Leute wieder mehr begeistern. In meiner Zeit als Parteipräsident war das Herzblut für die Schweiz spürbar, jeder hat für die Sache gebrannt. Heute gibt es zu viele Selbstdarsteller. Das ist normal, wenn eine Partei wächst, aber wir müssen zurück zur Substanz. Die SVP muss die Leute abholen, wo sie stehen – vom Genfer Anwalt bis zum Bündner Bergbauern –, und sie mit klaren Botschaften mobilisieren.
Weltwoche: Die FDP bekommt bald ein neues Präsidium. Wie kann diese Partei zu alter Stärke kommen?
Maurer: Die FDP hat sich verirrt. Sie war einst die Partei der Wirtschaft, der Verlässlichkeit, der staatlichen Stärke. Jetzt hängt sie in gesellschaftlichen Modethemen. Die FDP muss zurück zu ihren Wurzeln: Wirtschaft, Freiheit, tiefe Steuern. Sie hat Potenzial, weil viele Bürger genau das suchen, aber nicht zur SVP wollen.
Weltwoche: Was haben Sie in Ihrer Zeit in der Politik über die Menschheit gelernt?
Maurer: In der Schweiz liegen vielen die Werte unseres Landes am Herzen. Einfache Leute, die sich nicht immer gut ausdrücken können, aber spüren, dass etwas schiefläuft – sie haben mir Kraft gegeben. Je höher man steigt, desto mehr Heuchler trifft man. Ich habe lieber mit ehrlichen, einfachen Leuten zu tun. Ihnen eine Stimme zu geben, war meine Motivation.
Weltwoche: Würden Sie wieder in die Politik gehen?
Maurer: Nein. Der persönliche Preis ist zu hoch – für die Familie, die Privatsphäre. Man wird ein öffentliches Objekt, jede Kritik trifft einen sofort. Die Politik war spannend, aber man gibt vieles auf.
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