Das Zeitalter der Übertreibungen

Feb 18 • Deutsche Seite, L'editoriale, L'opinione, Prima Pagina • 168 Views • Commenti disabilitati su Das Zeitalter der Übertreibungen

Eros N. Mellini

Editorial

«Das Wichtigste ist, im Guten wie im Schlechten zu übertreiben, ohne je verstanden zu werden»

Der Text dieses dunklen Liedes von Enzo Jannacci scheint – mit medialer Unterstützung – von sämtlichen Behörden der reichen industrialisierten Welt wörtlich genommen worden zu sein.

Es ist alltäglich geworden, den Leuten mittels klug instrumentalisierten dramatischen Informationen ein schlechtes Gewissen einzureden, indem man ständig die Armut der Dritten Welt thematisiert und uns glauben machen will, diese sei zurück zu führen auf das unselige und unverantwortliche Vorgehen der weissen Ausbeuter der Vergangenheit, deren Fehler wir nun heutzutage aus moralischen Gründen zu korrigieren hätten.

Es sind eingeredete Gewissensbisse, die ich persönlich ablehne. Erstens, weil ich mich in keiner Weise verantwortlich fühle für das, was meine Vorfahren einst getan haben – dies wohlverstanden in Epochen, die wir nicht erlebt haben und kaum kennen – und zweitens, weil die heute als beschämend betrachteten einstigen Praktiken in der damaligen Zeit unbestritten waren und uns im Verlaufe der Jahrhunderte einen Fortschritt und Wohlstand gebracht haben für die Völker der Dritten Welt, die – das sei in Klammern gesagt – sicher nicht tugendhafter waren als die europäischen Kolonialherren (die Sklaverei z.B. war auch unter den afrikanischen Stämmen üblich) höchstens etwas weniger schlimm. Drittens, weil ich mich weigere, mich dem weit verbreiteten politisch korrekten Mainstream des «mea culpa» anzuschliessen zugunsten von Leuten, die Kapital zu schlagen wissen aus der Naivität der jüngsten, höchst wohlhabenden aber einfältigen Generation.

Ohne ein schlechtes Gewissen zu haben und unter Berufung auf meinen gesunden (wenn auch zynischen) Menschenverstand komme ich nicht darum herum, festzustellen, dass – speziell mit dem Aufkommen der informatisierten sozialen Netzwerke – die bewussten und absichtlichen Übertreibungen zum alltäglichen Instrument geworden sind, um bei den Leuten Ängste und Befürchtungen zu wecken; wahrscheinlich um damit von den weitaus konkreteren Zielen einer beschränkten Schar von «Auserwählten» abzulenken. Unter diesen finden wir einzelne Politiker, Parteien und vor allem milliardenschwere NGOs, die sich ihre Finanzierung nur dank konstanter Gehirnwäsche mittels unberechtigtem Einimpfen eines «schlechten Gewissens» bei der Bevölkerung sichern.

Tagtäglich sehen wir arme ausgehungerte afrikanische Kinder, die uns aus Werbeplakaten mit grossen Augen anschauen, um uns schuldig fühlen zu lassen für unsere eigenen gut versorgten Kinder. Dabei verschweigt man, dass unsere Eltern sie erzeugt haben in der Gewissheit, sie (ob eigenständig oder dank eines effizienten sozialen Systems spielt keine Rolle) auch aufziehen zu können. Dahingegen pflanzt sich das Kinderkriegen in der Dritten Welt – wenn es nicht gelingt, mittels Einwirkung auf deren potenzielle Eltern auf die Geburtenrate einzuwirken – weiterhin unbeschränkt fort.

Es ist dies eine öko-grüne Politik, die uns – um bei uns auch in diesem Bereich Schuldgefühle hervorzurufen für den angeblich bevorstehenden, übrigens kaum zu befürchtenden und auf keinen wissenschaftlichen Kriterien basierenden Weltuntergang – dazu führt, die absurdesten Massnahmen mit unsicherer Wirkung zu ergreifen, während deren negative Folgen für unseren Wohlstand hingegen real und jederzeit spürbar sind. So wie Abraham dazu aufgefordert wurde, ohne es zu verstehen im Vertrauen auf Gott seinen Sohn Isaak zu opfern, verlangt die neue grüne Religion von uns, unseren Wohlstand und sämtliche Annehmlichkeiten zu opfern – Dinge, die wir uns erarbeitet haben durch harte Arbeit und kontinuierlichem technologischem Fortschritt – um eine Welt «zu retten», die es Jahrtausende lang problemlos alleine schaffte. Schade nur, dass die uns abverlangten Verzichte nicht im letzten Moment ersatzweise mit der Opferung eines Hammels ersetzt werden können, so wie in der biblischen Erzählung. Sobald der unausweichliche «Blackout» dazu führen wird, jegliche Form mechanischer Produktion und Mobilität abzublocken, mit entsprechenden Folgen für die eigenen Bedürfnisse, kommt man dann mit den nächsten klassischen «bitteren Pillen».

Und es werden nicht die wiederholten Aussagen wie «ich wusste nicht…» oder «das hätte ich mir nie vorstellen können…» der zu Verstand Gekommenen sein, die es uns erlauben werden, unsere eigenen Probleme des persönlichen Überlebens zu lösen, die weitaus wichtiger sind als die weltweiten.

Ein weiteres Beispiel für die aufkommende Übertreibung sind die arroganten Forderungen von Veganern und Vegetarianern an uns, ihre diätetischen Vorgaben zu befolgen. Abgesehen davon, dass die Menschen Omnivore sind (das beweist schon nur unser Gebiss, was auch immer die veganischen Talibans behaupten), würde es niemandem in den Sinn kommen, den Vegetarianern und Veganern zu verbieten, kein Fleisch zu essen, sondern man lässt es allen frei, ob sie Fleisch essen wollen oder nicht. Aber nein, es ist bereits eine tendenziöse Mitteilung in Vorbereitung, um die Fleischesser für die Leiden der Tiere anzuklagen – und damit einmal mehr an das schlechte Gewissen zu appellieren – und um fortlaufend zu versuchen, die vegetarische Diät durchzusetzen (siehe die Vorschrift für veganische Menüs in den Mensen der Schulen). Und noch schlimmer ist, dass es seitens der breiten «politisch korrekten» Bevölkerung bereits Symptome für ein Akzeptieren dieser Vorschriften gibt. Persönlich stelle ich mir die Frage, was geschehen wird, sobald man zur Feststellung gelangt, dass auch Pflanzen Lebewesen sind: Werden wir uns dann von Steinen ernähren müssen?

Zum Schluss: Ich bin selbstverständlich nicht gegen eine gesunde und korrekte Lebensweise, dies im Rahmen einer vernünftigen Ethik und einer positiven cost/benefit-Bilanz. Dass man die Abfälle sachgerecht entsorgt, den Kot der Hunde einsammelt, sogar die strikte Abfalltrennung und weitere vernünftige und anwendbare Massnahmen finde ich OK.

Aber damit, dass man an mein schlechtes Gewissen appelliert, weil ich vielleicht einmal wegen eines Pissens in den Fluss Ticino zur planetarischen Katastrophe beigetragen hätte, bin ich nicht einverstanden.  Sie vielleicht?

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