Das Virus des Zeitungslesens

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Aus der Weltwoche vom 26. März 2020 hier ein interessanter Artikel von Kurt W. Zimmermann

Armeechef André Blattmann

Warum waren viele Leute bei Corona so unvorsichtig? Sie waren Zeitungsleser.

So laut gelacht hatten unsere Journalisten schon lange nicht mehr. Sie lachten über Armeechef André Blattmann.

Es war im April 2014. Blattmann hatte in einem Interview den Schweizern empfohlen, einen Notvorrat anzulegen.

«Die Katastrophe als Hobby», witzelte der Tages-Anzeiger. «Der Angstmacher vom Dienst», amüsierte sich der Blick. «Sie sind ein Lustiger», verspottete ihn die Schweizer Illustrierte.

Und natürlich öffneten die Redaktionen lustvoll ihre Spalten für linke Politiker, die in ihren Hohn einstimmten. «Jetzt ist der Armeechef übergeschnappt», zitierte 20 Minuten den SP-Nationalrat Cédric Wermuth. «Lagert Blattmann auch Knoblauch gegen Vampire?» zitierte der Blick den SP-Nationalrat Fabian Molina.

Wir sind damit bei einem Paradoxon der neueren Mediengeschichte. Einerseits bombardieren die Journalisten ihr Publikum unablässig mit immer neuen Apokalypsen und Weltkatastrophen. Andererseits machen sie sich über Verantwortliche wie einen Armeechef lustig, die mögliche Bedrohungslagen ernst nehmen.

Diese spezielle Ausgangslage, um kurz vorzugreifen, hat stark dazu beigetragen, dass viele Schweizer eine liederliche Corona-Disziplin an den Tag legten. Sie glaubten nicht an die Risiken. Es rächte sich nun, dass die Medien die Welt seit Jahrzehnten permanent in den Weltuntergang geschrieben hatten.

In den letzten vierzig Jahren hat die Menschheit mindestens ein Dutzend von den Medien produzierte Massensterben überlebt. Es begann 1980 mit dem Zerrbild des Waldsterbens. «Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch», hiess die apokalyptische Losung auf den Redaktionen.

In der Folge starb der Mensch dann an Schweinegrippe, Stickoxiden, Rinderwahn, Ebola, Ozonloch, Aids, UV-Strahlung, Listerien, Vogelgrippe, Feinstaub und Sars-Virus.

Zuletzt starb der Mensch auch noch an der Klimaerwärmung. Die Bedrohungslage war wie vierzig Jahre zuvor beim Waldsterben, nur formulierte diesmal Greta Thunberg die fast identische apokalyptische Losung zuhanden der Redaktionen: «Unsere Ökosysteme brechen zusammen, ein Massensterben beginnt.»

Der Grund der Panik-Spirale liegt im verschärften Kampf in der Aufmerksamkeitsökonomie, seit zwanzig Jahren angeheizt durch das Internet. Die Aufmerksamkeit der Konsumenten ist das höchste Ziel der Medien. Nur über Leser- und Zuschauerzahlen und über Online-Klicks lässt sich das publizistische Angebot refinanzieren. Das führt fast zwingend zur Eskalation des Alarm-Journalismus.

Die Menschheit überlebte das Dutzend an Untergängen ziemlich unbeschadet. Die Medien überlebten es weniger gut. Mit ihrem Hang zur hyperbolischen Dramatik manövrierten sie sich beim Publikum in eine Vertrauenskrise.

Gut zu beobachten war dieser Effekt, als in den Medien die ersten bedrohlichen News zum Coronavirus auftauchten. Ein Déjà-vu, dachte sich das Publikum. In den Leserbriefen und Leserkommentaren tauchte nun regelmässig dieselbe Einschätzung zur Rolle der Journalisten auf. Sie hiess «Panikmache».

Als Corona sich dann zum Notstand anwuchs, erregten sich die Journalisten enorm über die Risikogruppe der älteren Mitbürger, die partout den Ernst der Lage nicht erkennen wollte. Stattdessen versammelten sich die renitenten Rentner in Gruppen auf öffentlichem Grund und zogen, statt in der Stube zu bleiben, unbeschwert durch die Lebensmittelläden.

«Coronavirus: Warum gehen Rentner trotzdem auf die Strasse?» lautete die Schlagzeile des Blick. Wir können die Frage gerne beantworten: Die haben in ihrem Leben zu viel Zeitung gelesen.

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