Zum Wohle, Kameraden!

Aus der Weltwoche vom 11. Juni 2025, ein Artikel von Michael Klonovsky

Orthodoxe, Mohammedaner, Veganer, Abstinenzler, Klimaretter, Westküstenamerikaner: Das sind alles problematische Erscheinungen bei Tische.
Eine der bedeutenden Maximen oder Floskeln der 68er lautete bekanntlich: Das Private ist politisch! Heute, im angeblich besten Deutschland aller Zeiten, sind sämtliche Bereiche des Alltagslebens politisiert und pädagogisiert worden: von der Art des Wohnens und des Energieverbrauchs über das Mobilitätsverhalten, die Lektürepräferenzen und Kleidungsvorlieben bis zur Erziehung der Kinder und zum erotischen Begehren. Und, nicht zuletzt, die Ernährung.
Auf all diesen Gebieten weiss heute jeder, der Medien konsumiert und irgendwie Kontakte zu seiner Mitwelt unterhält, was er unbedingt tun und was er möglichst lassen soll. Speziell der westliche Jetztsasse, der unter dem Fluch seiner Kolonialvergangenheit und Diskriminierungserbschuld vor dem Horizont der von ihm selbst verursachten Klimakatastrophe lebt, ist von Verhaltensvorschriften umzingelt wie weiland General Custer von den Lakota.
Tafeln im preussischen Salonspeisewagen
Was das Ernährungsverhalten betrifft, werden insbesondere der Vegetarismus und der Veganismus mit moralischem Hochdruck in die Gesellschaft gepumpt und uns multimedial angedient. Auf der Speisekarte des ICE etwa stehen immer mehr vegetarische und vegane Gerichte, aber ein kultivierter Mensch, der noch eine Ahnung von der Karte des Salonspeisewagens der Königlich Preussischen Staatseisenbahn besitzt, hat dort schon vorher nicht gegessen. Man bekommt es immer häufiger mit Zeitgenossen zu tun, die zwar keiner der traditionellen Religionsgemeinschaften angehören, aber dies nicht essen und das nicht vertragen und wiederum jenes aus irgendwelchen Gründen ablehnen, und zwar desto häufiger, je jünger und weiblicher sie sind.
Das ist freilich kein neues, sondern ein uraltes Phänomen. Die Speisevorschriften im Alten Testament und später, davon abgeleitet, im Koran besitzen eine politische Dimension. Über Ernährungsverbote und -gebote haben sich Menschenkollektive seit jeher definiert, abgegrenzt und Gruppeninteressen durchgesetzt. Die jüdischen Speisegesetze mögen absurd wirken – warum sind ausgerechnet Schwein, Pferd, Kamel und sämtliche Meeresfrüchte tabu? –, doch sie erfüllten über Jahrhunderte einen elementaren Zweck: Indem die Juden sich so intensiv damit beschäftigten, was sie zu sich nahmen, führten sie eine frühe Form der kollektiven Hygiene und ernährungsphysiologischen Reflexion ein, die dem Überleben der Gemeinschaft gewiss förderlich war. Zugleich sicherten die Regeln eine gewisse Exklusivität.
Heute sorgen die muslimischen Speisevorschriften bis hin zum religiösen Fasten – vor allem aber Allahs Alkoholverbot – dafür, dass sich viele Moslems in Europa von der ungläubigen, aus der Sicht der Frommen sogar unreinen Mehrheitsgesellschaft abschotten. Dafür sind sie letztlich da. Gruppeninteressen sind aber immer etwas Politisches.
Wie aber verhält sich ein Mensch, der bei Tische von dergleichen Vorschriften verschont bleiben will, gegenüber deren Anhängern? Was mich betrifft: Wenn ich beispielsweise jüdische Gäste daheim habe, was öfter vorkommt, und sie darauf bestehen, koscher zu essen, was bislang gottlob nur einmal vorkam, erfülle ich diesen Wunsch natürlich, allerdings nicht unbedingt ein zweites Mal.
Wenn ich mit Muslimen im Restaurant sass, habe ich immer Wein getrunken und werde es weiterhin tun, denn auch mir gibt ein Gott Halt: Bacchus. Manche führten mich indes in Lokale, wo gar nicht erst Wein angeboten wurde und deren Schwelle ich folglich kein zweites Mal überschreite. Wegen meiner unreinen Trinkgewohnheiten lädt mich kein frommer Moslem zu sich nach Hause ein, und da es dort nichts Vernünftiges zu trinken gäbe, ginge ich auch nicht hin. Aber mal unter uns Betschwestern (m/w/d) gesagt: Frauen wegsperren, Frauen verschleiern, Minderjährigenehen? Nun ja, andere Kulturen, andere Sitten. Steinigungen? Wenn es denn unbedingt sein muss. Doch beim Weinverbot hört meine Liberalität auf.
Einer meiner besten Freunde ist Vegetarier, aber er trinkt Wein. Das verschafft uns die Möglichkeit, lange zusammen zu tafeln – er ist frei vom missionarischen Laster – und schöne Gespräche zu führen. Die Politisierung des Essens lehnen wir beide ab. Orthodoxe, Mohammedaner, Veganer, Abstinenzler, Klimaretter, Westküstenamerikaner: Das sind alles problematische Erscheinungen bei Tische. Die Welt ist gottlob gross genug, dass man ihnen mit einem freundlichen Nicken aus dem Wege gehen kann; Genies und schöne Frauen wie immer ausgenommen.
Ein Wort zu den Abstinenzlern, deren mahnende Präsenz nach meinem Eindruck derzeit überall zunimmt, egal, ob sie mit religiösen oder gesundheitlichen Argumenten nerven. Die meisten dieser Apostel der Mässigung und des Verzichts sind Menschen, von denen man sonst nie etwas zu hören bekäme. Es handelt sich um Pharisäer, die uns die Ansicht mitteilen: Wenn mein Leben schon langweilig, glanzlos und geistlos ist, dann soll es wenigstens möglichst lange dauern. Bedauerlicherweise können sie oft nicht leise darben. Ein notdurftsähnlicher Drang zwingt sie dazu, ihre moralische Vortrefflichkeit hervorzuheben. Zum Wohle, Kameraden! Cheerio! Santé!
Richard Wagners Postulat
Menschen, die einer Ernährungsgesinnung folgen, deklarieren oft alle anderen als unsittlich, als verantwortungslos oder dumm, um sich und ihrer Gruppe ein desto positiveres Image zuzuschreiben. Es ist egal, ob sie sich dabei auf göttlichen oder ärztlichen Rat berufen. Viele von ihnen entwickeln einen missionarischen Eifer, um ihre Ernährungsart in den Rang des Allgemeinverbindlichen zu erheben. Zweifellos galt und gilt das für Religionskollektive, es gilt heute für die Biokostler und Veganophilen, und es wird morgen gewiss für den Orden der Käferverspachtler und Mehlwurmzutzler gelten.
Jemand sagte mir, er sei der Ansicht, dass sich die Intelligenz der Menschengattung des tierischen Eiweisses wegen entwickelt habe, welches Homo sapiens regelmässig verzehrte, und fuhr fort: Nur drei bis maximal fünf Generationen Vegetarismus und Veganismus hätten die Degeneration der Mainstreamhirne bewirkt, welche man unschwer auf den ausdruckslosen Gesichtern der Klimakleber, Lastenradgeneration und Grünen erkenne. Ein interessanter Gedanke.
Er steht übrigens diametral zu Richard Wagners Postulat, dass Tiermord und Menschenmord zusammenhingen. Die «Entartung des menschlichen Geschlechts», schrieb der Komponist in seinem Essay «Religion und Kunst», sei «durch den Abfall von seiner natürlichen Nahrung bewirkt worden». Ausgehend von der «Erkenntnis der Einheit alles Lebenden» und der «brahmanische Lehre von der Sündhaftigkeit der Tötung des Lebendigen und der Verspeisung der Leichen ermordeter Tiere» hielt Wagner den Vegetarismus für den einzigen Weg zur Erlösung der Menschheit. Den Sozialisten empfahl er, sie mögen mit den Vegetarianern, den Tierschützern und den «Mässigkeitspfleger(n)» in eine «wahrhaftige und innige Vereinigung» treten. Das tun die Sozialisten inzwischen bekanntlich. Die Sache hat nur einen Haken: Die natürliche Nahrung des Menschen ist nicht rein pflanzlich. Homo sapiens ist ein Allesfresser. Der Mensch kann nicht nur zu viel, sondern auch zu wenig Fleisch – oder sagen wir: tierisches Eiweiss – essen. Speziell Jugendliche brauchen tierisches Eiweiss für ihr Wachstum; es ihnen vorzuenthalten, grenzt an Körperverletzung.
Es wäre eine billige Pointe, darauf hinzuweisen, dass Hitler Vegetarier war. Er hatte immerhin eines kapiert: dass Ernährung eine Privatangelegenheit ist. Wehrmacht und SS hat er keineswegs zum Vegetarismus genötigt; vielleicht war ihm auch klar, dass Fleischfresser die besseren Kämpfer sind. Der sogenannte «Eintopfsonntag», der alle Deutschen dazu verpflichten sollte, im Winter sonntags statt des Bratens ein einfaches Mahl zu sich zu nehmen und das ersparte Geld zu spenden, erwies sich als Fehlschlag. Trotz spektakulärer kollektiver öffentlicher Eintopfessen verweigerten sich die «Volksgenossen» diesem Vorläufer des «Veggie Day». Die heutige Indienstnahme des Essens für politische Interessen, diesmal nicht im Namen des Volkes, sondern des Klimas, wird wohl genauso scheitern.
Pharisäer und Käferfresser
Gewiefte Dialektiker könnten jetzt formulieren: Auch die Verweigerung eines politisierten Essens ist eine politische Entscheidung. Das wäre allerdings schon Belästigung. Mir sind Veganer und Vegetarier völlig einerlei, solange sie mir nichts vorschreiben wollen. Ausserdem hat der Vegetarismus viel zur Verfeinerung der Beilagen getan. Ich achte auch darauf, möglichst Fleisch von Tieren zu essen, die zuvor ein artgerechtes Leben führten, und bevorzuge regionale Produkte, was in Oberbayern bei den Austern und beim Hummer halt endet. Jeder Mensch, der sich vegan ernährt, macht die Welt durch seinen Fleischverzicht gewiss besser und verschafft schlechten Menschen Ablass. So wie zahlreiche SUV-Fahrer und Vielflieger ihr Kreuz bei den Grünen setzen, werde ich bei meiner nächsten Foie gras ein Gebet für alle Veganer murmeln.
Die Göttinger Verbraucherforscherin Anke Zühlsdorf hat 2021 im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung einen Jugendreport zur Zukunft nachhaltiger Ernährung verfasst – der Auftraggeber garantiert erstens ein politisches und zweitens das politisch erwünschte Ergebnis. Im Interview erklärte Zühlsdorf: «Viele junge Menschen verknüpfen ihre Ernährung mit Forderungen nach mehr Tier- und Umweltschutz. Wir nennen sie politisierte Esser. Fast 90 Prozent der befragten 15- bis 29-Jährigen haben ein grosses Interesse an Ernährungsthemen. Und stellen klare Ansprüche an die Politik.» Vor allem sei den Befragten «der Zusammenhang zwischen Fleischverzehr und Klimawandel sehr klar».
Das sind dann entweder die Pharisäer oder die Käferfresser der Zukunft. Gottlob werden wir nie an einem Tisch sitzen.
