Welche Zukunft für „Il Paese“?

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Eros N. MelliniEditorial

Ein beginnendes Jahr gibt immer Anlass für besinnliche Überlegungen über die nahe oder mittelfristige Zukunft. Für uns alle bedeutet jedes Neujahr ein Moment des Bilanzziehens und der guten Vorsätze, und auch „Il Paese“ – oder besser gesagt wir, die wir bisher mit allergrössten Schwierigkeiten dessen Publikation sichergestellt haben – können uns einer solchen introspektiven Sicht der Dinge nicht entziehen. Die Probleme, die ein schlichtes Medium wie wir tagtäglich meistern muss, sind vielfältig. Diese Probleme zu erkennen ist relativ einfach, dafür aber die richtigen Lösungen zu finden ist ausserordentlich schwierig.

Die weit verbreitete Krise der Printmedien

Zu den allgemeinen Schwierigkeiten, mit denen die Presseorgane konfrontiert sind, zählt sicher die allgemeine Krise der Printmedien. Immer mehr Zeitungen stellen ihr Erscheinen ein oder deren Verlage restrukturieren sich und publizieren nur noch elektronisch über Internetsites. Die Gründe? Vorweg der starke Rückgang der Werbung, welche die Wirtschaft zu Recht oder zu Unrecht einer potentiell jugendlichen Kundschaft zugänglich machen will, die nicht mehr Zeitungen liest, dafür umso mehr im Internet vom einen Site zum anderen zu surft, und dies – ein nicht unbedeutender Faktor – gratis. Ob dann jene, die für die Informationen nichts auszugeben bereit sind, die richtigen Ansprechpartner sind für diese Art Werbung bleibe dahingestellt, aber für den Moment ist das so. Paradoxerweise ist dies vielleicht das geringste Problem für „Il Paese“, weil dessen Finanzierung nur geringfügig vom Inseratenvolumen abhängt.

Ein  beängstigender Rückgang bei den Abonnentenzahlen

Nein, was uns viel mehr Sorgen bereitet, ist der kontinuierliche Rückgang der Anzahl Abonnenten. „Il Paese“ überlebt auf wesentlich drei Pfeilern: Die Abonnenten, einige bereitwillige Sponsoren und die absolut unbezahlte Arbeit seiner Mitarbeiter. Der erste Pfeiler, die Anzahl Abonnenten, ist leider am Einbrechen. Denn für viele – und denen möchten wir von Herzen danken – bedeutet das Abonnement von „Il Paese“ die Fortführung einer Familientradition; der Vater war Abonnent, der Grossvater desgleichen, und deshalb wurde die Bezahlung der Jahresgebühr für die nach Hause gelieferte Zeitung fast zu einer „Tradition“. Aber wie man weiss ist die jüngere Generation immer weniger traditionsbewusst – die militärfeindlichen oder einer Öffnung für eine Multikulti-Gesellschaft zugeneigten Bewegungen zeigen es leider auf – und deshalb erscheint ihnen nach dem Ableben des Vaters die Fortsetzung des Abonnements einer Zeitung, die sie nicht sonderlich interessiert, sinnlos. Das ist unseres Erachtens verständlich, aber das Ausbleiben eines Generationenwechsels  bedeutet für uns eine schmerzhafte Einnahmenseinbusse.

Ein herzliches Dankeschön an all jene, die uns mit Gönnerbeiträgen oder als Abonnementen unterstützen…

In den letzten Jahren konnten wir diesen Rückgang mit einigen Gönnerbeiträgen kompensieren seitens einiger grosszügiger Unterstützer, die – wie wir – der erwähnten „Tradition „ folgend, alles daran setzen, damit der Existenz von „Il Paese“ nicht das Ende seines fast hundertjährigen Bestehens bereitet wird (die Zeitung wurde im Jahre 1922 gegründet). Einige Leute unterstützen uns mit Zuwendungen in unterschiedlicher Höhe, einige durch ihre Unterstützer-Abos oder als „Freunde von Il Paese“ mit höheren Abo-Beiträgen, oder sie bezahlen zehn, zwanzig oder mehr Abos, die sie dann an Freunde und Bekannte übermitteln: All ihnen gilt unser grosser Dank und unsere Anerkennung, denn wir wissen bestens, dass ohne sie „Il Paese“ schon seit langem hätte eingestellt werden müssen. An ihre Grosszügigkeit möchten wir auch für das Jahr 2019 appellieren.

…und auch an jene, die ausnahmslos gratis bei uns mitarbeiten

Ein grosses Dankeschön gebührt auch allen Mitarbeitern, die mit ihren sporadischen Einsendungen oder regelmässigen Beiträgen den Untertitel unseres Blattes auf dem Titelblatt („giornale d’attualità politica e cultura“) rechtfertigen. Alle von ihnen arbeiten ausnahmslos gratis, und das erlaubt uns, ohne eine ganz- oder halb-professionelle Redaktion auszukommen, die wir uns schlicht und einfach nicht leisten könnten. Wir nennen keine Namen, um nicht jemanden zu vergessen; wir möchten aber unterstreichen, dass die Zeitung auch und vor allem dank ihnen überlebt.

Lösungen? Anregungen?

Anregungen – auch an sich gutgemeinte, aber zumeist nicht umsetzbare – haben wir in den letzten Jahren viele erhalten. Hier einige davon:

Aktuellere Informationen, Formatwechsel (Tabloid?), eine Jugendspalte, wöchentliche statt vierzehntägliche Erscheinungsweise, Gratisvertrieb in den Kästen (nach der Art des Mattino della Domenica oder Il Caffè).

Nun ist es leicht verständlich, dass solche Anregungen nicht realistisch sind.

Die Realität für Il Paese sieht anders aus: Vierzahntägliches Erscheinen, mit mässigen Druck- und Versandkosten (50-60’000 Franken jährlich), fast irrelevante Werbeeinnahmen und unbezahlte Redaktionsarbeit.

Aktuellere Informationen? Wie sollte das möglich sein bei einer vierzehntägigen Erscheinungsweise und dem Umbruch drei Tage vor Drucklegung? Die aktuelle Information ist Sache der Nachrichtensendungen von Radio und TV (Tagesschau etc.), allenfalls der elektronischen Medien, die sogar ihrerseits nicht immer aktuell sind.

Formatwechsel? Ja, das wäre machbar, aber welche Vorteile würde das bringen? Glaubt jemand wirklich ernsthaft, die Leute würden die Zeitung nur deshalb abonnieren, weil ihnen das Format gefällt?

Eine Spalte für die Jugendlichen? Das haben wir versucht, indem wir eine Rubrik vorgesehen hatten für die Junge SVP, um darin ihre Standpunkte zu veröffentlichen; dies in der Hoffnung, neue Leserkategorien zu gewinnen. Aber wir haben – ganz abgesehen davon, dass wir nach einigen wenigen Artikeln keine Einsendungen mehr von der Jungen SVP erhalten haben – mit diesem Versuch keinen einzigen Neuabonnenten dazu gewonnen. Unser Blatt bleibt für Beiträge der Jungen weiterhin offen, aber damit werden wir unsere Probleme wohl kaum lösen können.

Wöchentlicher statt vierzehntäglicher Erscheinungsmodus? Aus zwei Gründen nicht: Erstens die Verdoppelung der Druck- und Versandspesen. Zweitens: Mit einer nebenamtlichen Redaktion wie der unsrigen können wir versichern, dass bereits die vierzehntägliche Erscheinungsweise eine grosse Belastung darstellt; ein wöchentliches Erscheinen würden wir nicht schaffen.

Gratisvertrieb in den Zeitungskästen? Da wir bereits Wunder vollbringen müssen, um unsere Abonnementsauflage von 2’500 zu finanzieren, soll uns jemand erklären, wie wir – möglichst gar wöchentlich – 40 oder 50’000 Exemplare herstellen könnten.

Eine professionelle Redaktion?

Um die vorerwähnten Anregungen umzusetzen, gäbe es nur eine einzige Lösung: Die Einsetzung einer zumindest halbprofessionellen Redaktion. Leider zeigt allerdings bereits eine schlichte Milchbüchleinrechnung auf, dass es schon nur für Löhne, Druck und Vertrieb einer Investition von rund einer halben Million bedürfte, vielleicht gar mehr.

Kehren wir nun auf die eingangs erwähnte Krise der Printmedien zurück. Vor noch nicht allzu langer Zeit existierten im Tessin sechs Tageszeitungen, wovon vier Parteiorgane waren: Neben den unabhängigen „Corriere del Ticino“ und „Giornale del Popolo“ gab es „Il Dovere“ (FDP, radikaler Flügel), „Gazzetta Ticinese“ (FDP, liberaler Flügel), „Popolo e Libertà“ (CVP) und „Libera Stampa“ (SP).

Die vier Parteizeitungen gibt es – zumindest als Tagezeitungen – nicht mehr, und sogar der katholisch-konservative „Giornale del Popolo“ musste sein Erscheinen einstellen. Wer würde in einem solchen fast apokalyptischen Szenario diese halbe Million Franken (vielleicht gar mehr) investieren, um die Neuauflage eines parteipolitischen Wochenblatts zu finanzieren (von einer Tageszeitung sprechen wir schon gar nicht erst)?

Bleiben wir auf dem Boden

Verwerfen wir deshalb solcherlei Utopien (die Hoffnung nämlich, dass plötzlich jemand an uns gelange und bei uns aus rein ideellen Motiven 500’000 Franken investiere) und bleiben wir auf dem Boden. Solange Gesundheit und Alter es uns erlauben, werden wir weiterhin hartnäckig die für uns typischen liberal-konservativen Ansichten verbreiten, mittels einer vierzehntäglichen Zeitung mit bescheidener Auflage, freiwillig finanziert von wenigen, dafür aber äusserst treuen Unterstützern (hoffentlich werden es mehr).

Allen unseren Leserinnen und Lesern und auch unserem „Il Paese“ wünschen wir ein glückliches und erfolgreiches 2019.

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