Kult der Zugänglichkeit
Aus der Weltwoche vom 08.04.2026 ein interessanter Artikel von David Mamet

Wie Exzellenz verdächtig wurde und alle lernten, sich kleinzumachen.
Zugänglichkeit und Nahbarkeit begannen als Freundlichkeit. Sie sollten ferne Figuren näher bringen, Autorität sanfter machen, uns daran erinnern, dass Macht, Talent und Erfolg nicht auf Unmenschlichkeit beruhten. Doch irgendwann verwandelte sich Nahbarkeit von einer Brücke in ein Tor.
Nahbarkeit erfordert ein Sichbeugen. Sie verlangt, dass Leistung sich entschuldigt.
Entscheiden, wenn andere beraten
Was diese kulturelle Veränderung so bedeutend macht, ist, dass Nahbarkeit oder Zugänglichkeit eine moralische Färbung erhalten haben. Sie haben nun nichts mehr mit einer Vorliebe zu tun («Ich mag das, weil es etwas in mir auslöst»), sondern mit einer Tugend («Das ist wichtig, weil es bei den Leuten etwas auslöst»). So wie ein Wert moralisiert wird, wird Widerspruch dagegen suspekt. Wer Zugänglichkeit in Frage stellt, läuft Gefahr, als elitär oder empathielos bezeichnet zu werden. Der Vorwurf ist fein, aber wirkungsvoll: Wenn du dich nicht nahbar machst, bedeutet dies, dass dich andere nicht kümmern. Und so tun Leute, als kümmerten sie sich, indem sie tun, als wären sie gleich.
Also gestehen Staatslenker sorgfältig kuratierte Schwächen ein. Erklären Künstler präventiv ihre Werke. Polstern Denker scharfe Ideen mit persönlichen Anekdoten, damit sie weniger wehtun. Alle lernen zu signalisieren, dass sie «genau wie du» sind, auch wenn diese Gleichheit falsch, reduzierend oder aus strategischen Gründen fabriziert ist. Ironischerweise ruft dieses Tun-als-ob oft das Gegenteil von Empathie hervor. Es schafft ein Schauspiel von Intimität, doch ohne Substanz. Verletzbarkeit wird zu einer Frage des Stils. Authentizität beruht auf einem Drehbuch.
Charles de Gaulle war nicht auf Vertrautheit aus. Er kultivierte Form, Distanz, sogar Strenge.
Führung erfordert ihrem Wesen nach Distanz. Nicht emotionelle Distanz – Führer können und sollten sich um andere Menschen kümmern –, sondern Distanz von der Position her. Führer sehen weiter, weil sie anderswo stehen. Sie entscheiden, wenn andere beraten. Sie tragen Verantwortung, die sich nicht gleichmässig verteilen lässt, ohne dass sie sich auflöst. Durch Nahbarkeit wird dieser Unterschied nivelliert.
Nehmen wir die Politik. Sogar Figuren, die gegen die Forderung nach Bescheidenheit immun zu sein scheinen, funktionieren gemäss deren Logik. Donald Trump beispielsweise präsentiert sich keineswegs als zurückhaltend. Seine Attraktivität beruht jedoch auf emotioneller Unmittelbarkeit. Er spricht impulsiv, zeigt in Echtzeit seine Reaktionen, lässt den Abstand zwischen Gedanken und deren Ausdruck immer kleiner werden. Sein Publikum soll nicht Distanz wahren, sondern seine Affekte teilen. Nähe tritt an die Stelle von Formalität. Identifikation tritt an die Stelle von Zurückhaltung. Auch das ist Zugänglichkeit, keine besonders demütige Form davon vielleicht, doch auch sie wurzelt in Unmittelbarkeit.
Zugänglichkeit sollte nicht mit Populismus verwechselt werden. Der Populismus versichert, die Macht gehöre dem Volk. Die Zugänglichkeit besteht darauf, dass der Mächtige dem Volk gleichen müsse. Populismus ist politisch. Zugänglichkeit ist psychologisch. Wobei populistische Bewegungen oft auf Zugänglichkeit setzen: Sie ziehen eine politische Grenze zwischen dem «Volk» und der «Elite». Die Zugänglichkeit zieht eine emotionelle Grenze zwischen dem Vertrauten und dem Fernen. Populismus organisiert die Macht. Zugänglichkeit organisiert die Wahrnehmung.
Kompetenz allein genügt nicht mehr
Früheren Modellen von Führertum lag eine andere Annahme zugrunde. Charles de Gaulle war nicht auf Vertrautheit aus. Er kultivierte Form, Distanz, sogar Strenge. Autorität war etwas, das verkörpert, nicht eingestanden wurde. Man erwartete keinen Zugang zu de Gaulles Innenleben. Sein Amt bedeutete Abstand. Diese Trennung galt nicht als moralisches Versagen. Sie gehörte vielmehr zur Struktur des Führertums.
Vom modernen Führer dagegen wird erwartet, dass er beruhigt, bevor er Anweisungen gibt, Geständnisse macht, bevor er befiehlt, und alles, was er kraft seines Amtes behauptet, durch Selbstzweifel mildert. Autorität wird nur toleriert, wenn sie sich dermassen bescheiden gibt, dass es an eine Entschuldigung grenzt.
Auch Kompetenz allein genügt nicht mehr. Sie muss sich vielmehr auf eine Weise artikulieren, die dem Publikum schmeichelt. Der Führer muss wirken, als sei er durch Zufall dazu geworden, gegen seinen Willen, als sei ihm sein Amt beinahe peinlich. Die Folge davon ist keine Stärkung der Demokratie, sondern eine Lähmung der Regierung. Entscheidungen wirken vorläufig. Die Verantwortung löst sich auf. Führung wird zu einer Vorführung von Konsens statt zum Vollzug einer Entscheidung. Eine Kultur, die Mühe hat mit Abstand, ist eine Kultur, die Mühe hat mit Anweisungen.
Tröstliche Fluchtmöglichkeit
Nirgendwo wird der Kult der Zugänglichkeit sichtbarer als in der Kunst. In der Kunst ging man einst von der Voraussetzung aus, dass ihr das Publikum auf halbem Weg entgegenkommen würde. Man vertraute darauf, dass Verwirrung mit zum Erlebnis gehörte. Man liess Schwierigkeiten zu.
Betrachten wir den Unterschied zwischen einem Künstler wie Gerhard Richter, dessen Werk sich direktem emotionellem Konsum verweigert, und Künstlern, deren Bilder deswegen in Umlauf sind, weil sie sofort lesbar sind. Banksys Strassenkunst verbreitet sich rasch, weil sie ihre Bedeutung sofort klarmacht. Das Gedöns um Damien Hirst beruht auf Erkennbarkeit und Wiederholung. Das Problem dabei ist nicht die Zugänglichkeit selbst, sondern dass sie erwartet wird. Wenn Lesbarkeit zum Beweis für eine Tugend wird, wird Undurchsichtigkeit suspekt.
Schwierigkeit wird als Kommunikationsfehler behandelt, nicht als Einladung dazu, sich auf etwas einzulassen. Entspricht ein Kunstwerk nicht dem emotionellen Vokabular des Publikums, wirft man ihm vor, unzugänglich zu sein. Verlangt es eine Anstrengung, wird es verdächtigt, elitär zu sein. Sperrt es sich gegen Interpretation, wird nach Rechtfertigung verlangt. So lernen Künstler, die Einwände gegen ihr Werk zu antizipieren. Sie erklären es mit Kommentaren, Interviews, Dementis. Sie versichern uns, dass sie es gut meinen. Sie betonen die Zugänglichkeit des Werks als Beweis für dessen Wert. Dies macht die Kunst nicht menschlicher. Es macht das Publikum nur weniger geduldig. Zugänglichkeit bedeutet in dem Fall, dass das Publikum sich Herausforderungen verweigert. Dass es sagt: Triff mich, wo ich stehe; verlang nicht von mir, dass ich mich bewege.
Zugänglichkeit bietet eine tröstliche Fluchtmöglichkeit. Sie sagt uns, wir müssen nicht wachsen; wir müssen nur gesehen werden.
Ernsthaftigkeit kaschieren sie mit Humor, um nicht als zu heftig rüberzukommen.
Digitale Kanäle haben diese Veränderung beschleunigt, indem sie Direktheit und Erkennbarkeit belohnen. Inhalte, die das Publikum bestätigen, funktionieren besser als Inhalte, die es herausfordern. Algorithmen bevorzugen Dinge, die dem Publikum vertraut vorkommen, weil Vertrautheit mit anderen geteilt werden kann. Das hat zu einer Bewirtschaftung des Immergleichen geführt. Meinungen werden so formuliert, dass sie augenblicklich lesbar sind. Komplexes wird nivelliert. Auf Nuancen wird verzichtet, nicht weil die Leute sie ablehnen, sondern weil sie sich schlecht vermitteln lassen. Schöpfer, die sich gegen diesen Druck wehren, drohen unsichtbar zu werden. Ein Denker, der auf Präzision besteht, droht falsch interpretiert zu werden. So passen sich viele an, nicht aus Feigheit, sondern um zu überleben.
Im Lauf der Zeit wird diese Anpassung verinnerlicht: Die Leute beginnen in kürzeren Bogen und weniger kantig zu denken und weniger gefährliche Schlüsse zu ziehen. Die Kultur zensiert Exzellenz nicht direkt. Sie macht sie einfach zu etwas Unpraktischem.
Es gab Zeiten, natürlich waren auch sie nicht perfekt, da wurde von öffentlichen Figuren nicht verlangt, sich ständig zu erklären. Intellektuelle brauchten nicht zu dokumentieren, was sie zum Frühstück gegessen hatten. Künstler mussten nicht jeden ihrer Handgriffe erklären. Distanz wurde nicht automatisch mit Verachtung gleichgesetzt. Sie wurde vielmehr als ein Aspekt von Ernsthaftigkeit begriffen.
Eine der unausgesprochenen Annahmen hinter dem Kult der Zugänglichkeit ist, dass das Publikum Unbehaglichkeit nicht ertrage. Dass es vor Schwierigem, Mehrdeutigem und Distanz geschützt werden müsse. Verkauft wird das als Ausdruck von Mitgefühl, tatsächlich handelt es sich um eine subtile Form von Herablassung. Anzunehmen, dass jemand einer Sache nicht gewachsen sei, sorgt dafür, dass er dies auch nicht sein wird.
Eine Kultur, die darauf besteht, dass alles zugänglich ist, erzieht ihre Angehörigen dazu, die sofortige Befriedigung ihrer emotionellen Bedürfnisse zu erwarten. Von Geduld rät sie ab. Bildung deutet sie zu Ausschliessung um. Und so wird klammheimlich das Niveau dessen gesenkt, was an Ehrgeiz noch akzeptabel ist.
Tragisch dabei ist, dass die Leute oft fähiger sind, als die Kultur ihnen zugesteht. Sie können sich mit Komplexität auseinandersetzen. Sie können etwas bewundern, was sie noch nicht verstehen. Aber sie müssen dazu eingeladen werden, und im Kult der Zugänglichkeit erfolgt kaum je eine solche Einladung.
Der zerstörerischste Aspekt dieser kulturellen Veränderung ist ein innerlicher: Menschen, die über echte Begabungen, Visionen oder Diszipliniertheit verfügen, machen sich vorsichtshalber klein. Anstrengung spielen sie herunter. Strenge verhüllen sie. Ernsthaftigkeit kaschieren sie mit Humor, um nicht als zu heftig rüberzukommen. Exzellenz gewöhnt sich an, sich dafür zu entschuldigen, dass sie da ist.
Diese Selbstverzwergung wird oft als Bescheidenheit gepriesen, aber Bescheidenheit bedeutet nicht, sich selbst aus der Welt zu schaffen. Wahre Bescheidenheit erkennt Grenzen, ohne die eigene Stärke zu leugnen. Der Kult der Zugänglichkeit ermutigt zu etwas ganz anderem: dem strategischen Sich-unauffällig-Machen zur Vermeidung sozialer Friktionen.
Im Lauf der Zeit führt dies zu einer sonderbaren Umkehrung: Am sichtbarsten sind nicht die fähigsten Figuren, sondern die vertrautesten. Nicht diejenigen mit dem grössten Wissen, sondern diejenigen, die emotionell am leichtesten lesbar sind. So füllt sich das öffentliche Leben mit Menschen, die leicht erkennbar sind, doch denen zu folgen schwerfällt.
Wir verlieren Mentoren, die sich klar und deutlich äussern, weil sich deutlich zu äussern zu entfremden droht.
Nivellierung als Fortschritt
Wir verlieren Kunst, die verunsichert, weil Verunsicherung Ablehnung hervorzurufen droht. Wir verlieren Führer, die Entscheidungen treffen, weil Entschiedenheit unzugänglich zu wirken droht. Vor allem aber verlieren wir die Erlaubnis, zu bewundern. Bewunderung erfordert Distanz. Sie erfordert das Eingeständnis, dass jemand anders weiter sieht, mehr weiss als wir oder Dinge vollbracht hat, die wir nicht vollbracht haben. Der Kult der Zugänglichkeit verringert diese Distanz und bezeichnet diese Nivellierung als Fortschritt. Doch eine Welt ohne Bewunderung führt nicht zu Gleichheit. Sie führt zu Stagnation.
Nichts von all dem Gesagten ist ein Argument für Grausamkeit, Überheblichkeit oder elitäres Gehabe. Zugänglichkeit hat durchaus ihre Berechtigung. Erlebnisse teilen zu können, ist wichtig. Empathie ist wichtig. Doch wenn Zugänglichkeit zur höchsten Tugend wird, verdrängt sie andere: Wahrheit, Exzellenz, Mut, Tiefsinn. Die Frage ist nicht, ob wir nahbar und zugänglich sein sollen. Die Frage ist, ob wir Zugänglichkeit zum Eintrittspreis erklärt haben. Und falls dem so sein sollte: Was für Menschen produzieren wir, wenn alles auf den Knien rutschen muss, bevor es aufstehen darf?
*)David Mamet ist ein mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Dramatiker, Drehbuchautor, Regisseur und Essayist («Glengarry Glen Ross», «Wag the Dog», «The Untouchables»).
Aus dem Englischen von Thomas Bodmer

