Gleich lange Spiesse
Die Jungen rennen schneller als die Älteren, aber die Älteren kennen den Weg (afrikanisches Sprichwort)
Soll ich als 75jähriger nochmals für den Grossen Rat kandidieren? Ich habe mir das lange überlegt. Denn so enthusiastisch wie vor 30 Jahren bin ich nicht mehr, und die leider dem Alter entsprechenden körperlichen Beschwerden ermutigen jemanden nicht unbedingt, nochmals anzutreten in einer Welt, in welcher die «politische Korrektheit» den Slogan «Weg frei für die Jungen» vor alles andere stellt.
Ein bestmöglich repräsentatives Parlament
Allerdings habe ich mir gesagt, dass ich noch nie so wie in der heutigen Zeit von Forderungen gehört habe und tagtäglich höre, dass man den Geschlechtern, den Minderheiten und Gesellschaftsklassen jeglicher Art ein Mitspracherecht einräumen solle. Man verlangt die berüchtigten Frauenquoten, man übernimmt absurde Sprachregelungen, um ja nicht allfällige Gefühle von jemandem zu verletzen, der oder die sie sich weder als Frau oder Mann fühlen, wie die derzeitigen Anhänger der LGBTQ-Bewegung (nicht zu vergessen jene der R,S,U,V,W,X, Z). «Weg frei für die Jungen» ist der vielleicht am längsten genannte Slogan, der – verglichen mit vielen anderen wie «Gay is beautiful», «Black lives matter» oder «Human rights» – schon in meiner Jugendzeit bekannt war, aber noch heute in den Wahlkampagnen von höchster Aktualität bleibt.
Nun, ich halte es für richtig, dass im Grossen Rat – und ganz allgemein in allen Parlamenten – die grösstmögliche Zahl von sozialen Klassen oder zumindest eine deren Wähleranteil proportional entsprechende Quote von Deputierten vertreten ist. Es ist klar, dass bei einem 90köpfigen Parlament die kleinsten Minderheiten nicht vertreten sein können, und sie ihre Interessen mittels einzelner, ihren Anliegen und Forderungen besonders zugeneigten Deputierten, vertreten lassen müssen.
Die Älteren bilden keinerlei eine kleinste Minderheit
Aber die Älteren sind keine Kleinstminderheit. Gemäss amtlicher Statistik betrug der Anteil der über 65jährigen im Tessin 23,4 %, also fast einen Viertel der Bevölkerung. Und sie sollten, gemäss den gängigen Slogans, den Weg freimachen für die Jungen? Zumindest zwei Gründe erwägen mich dazu, dieser These zu widersprechen. Erstens: Niemand ausser den Älteren kennt die Probleme der Älteren besser als sie selber, die sie tagtäglich am eigenen Leibe erfahren; zweitens: Persönlich habe ich die grössten Unsinnigkeiten in meinem Leben just in meiner Jugendzeit begangen.
Jenen, die eine Gefahr darin sehen, jemanden zu wählen, der von Arteriosklerose oder Alzheimer befallen ist, möchte ich folgendes sagen: Dass Demenz nicht notwendigerweise altersgebunden ist; wenn man das mittlere Alter jener in Betracht zieht, die sich auf dem Asphalt unserer Strassen festkleben oder Kunstwerke verunstalten, scheint es mir, dass dies immer mehr Jugendliche sind.
Keine «grauen Quoten», aber gleich lange Spiesse
Ich war stets gegen die Forderung einer vorgeschriebenen kategorialen quotenmässiger Präsenz in jedwelcher amtlichen Behörde, ob es sich dabei um Quoten von Frauen, Grünen oder eben von Älteren («graue Quoten») handelt. Aber ich fordere eine Gleichbehandlung ein, die es erlaubt, dass eine grösstmögliche Anzahl sozialer Klassen darin vertreten ist. Allerdings ist es – weil man dies nicht vorschreibt – unbedingt nötig, dass jede dieser gesellschaftlichen Klassen sich auf die Kandidaten ihrer eigenen Klasse besinnt, natürlich nur soweit ideologisch einigermassen eine politische Übereinstimmung vorliegt.
Ich ermutige deshalb alle Älteren – zumindest die Bürgerlichen unter ihnen, aber auch allfällige Wähler der Linken – mir ihre Stimme zu geben, um ihnen im politischen Geschehen mehr Gewicht zu verleihen. Ich werde sie nicht enttäuschen.
« Par condicio Quando il mondo è in fiamme, non si dovrebbe andare in giro con una tanica di benzina! »

