«Woke culture» oder Chroniken eines kollektiven Deliriums

Feb 23 • Deutsche Seite, L'editoriale, Prima Pagina • 478 Views • Commenti disabilitati su «Woke culture» oder Chroniken eines kollektiven Deliriums

Eros N. Mellini

Editorial

Vorbemerkung: Beim täglichen Surfen im Internet bin ich auf den unvergleichlichen Redakteur von «Libero», Vittorio Feltri, gestoßen, der in seinem gewohnt intelligenten, sarkastischen Stil die Position der «queer», «gender fluid» und «woke»-Sängerin – man verzeihe mir die Anglizismen, aber meiner Meinung nach gibt es noch keine  Übersetzung, die die Bedeutung, die sie in der angelsächsischen Welt angenommen haben, zufriedenstellend interpretiert – «Francamente» (geborene Francesca Siano) zerschlägt. Diese wurde eingeladen, bei einer Sportveranstaltung zu singen, und weigerte sich angeblich, die italienische Nationalhymne zu singen, weil sie «nicht integrativ» sei. Fratelli d’Italia (Brüder von Italien) … aber wo bleiben die Schwestern, ganz zu schweigen von den anderen etwa siebzig Geschlechtern, die von der LGBTQ+ (XYZ) Gemeinschaft beansprucht werden?

Ehrlich gesagt konnte ich nicht verstehen, ob die «Künstlerin» sich tatsächlich weigerte oder ob sie – um eine Anklage wegen Beleidigung der Flagge zu vermeiden – statt die Hymne zu singen und den Text zu ändern, die Lösung wählte, die sie selbst in einem Interview erwähnte: «Die zweite (Alternative, Anm. d. Red.) … ist die Entscheidung, die ich getroffen habe, nämlich die Möglichkeit, einen Raum zu nehmen. Die Möglichkeit, die Hymne zu singen, die in der Tat eine nicht-inklusive Sprache ist, aber dies als queere Frau zu tun und bestimmte Farben zu tragen, um eine sehr klare Botschaft zu vermitteln». Ich schließe daraus, dass sie in LGBTQ+ (XYZ)-Regenbögen gekleidet auftrat, aber das ist für die Zwecke dieses Artikels irrelevant. Der Fall ist ganz einfach sinnbildlich für die kollektive Verblendung, die die (un)zivilisierte Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten erfasst hat.

Eine falsche Auslegung des Begriffs «Inklusion»

Wenn man in meiner Jugend – oder besser gesagt in meinem mittleren Alter, denn diese Explosion des Unsinns liegt erst einige Jahrzehnte zurück – von «Inklusion» sprach (obwohl dieser Begriff damals vielleicht noch gar nicht verwendet wurde), dann meinte man damit, dass man auf Minderheiten zwar Rücksicht nimmt, ihnen aber nicht in allen Bereichen des täglichen Lebens den Vorrang gibt. Es ist daher richtig, architektonische Barrieren zugunsten von Rollstuhlfahrern so weit wie möglich zu beseitigen, für sie reservierte Parkplätze zu schaffen, Altenheime zu bauen und andere konkrete Lösungen zugunsten von Menschen zu finden, die vom Pech verfolgt werden. Aber eben benachteiligt durch ein widriges Schicksal, auf das sie keinen Einfluss haben, und nicht absichtlich gewählt, um ihren Verirrungen freien Lauf zu lassen. Und in der Tat hatten die Minderheiten jener Zeit kein Bedürfnis nach einer Sprache, die sie speziell einbezog, denn es war offensichtlich, dass man mit den Worten «Menschen», «Bürger», «Gebrüder», usw. Menschen beiderlei Geschlechts meinte (letztere waren damals noch nur zwei, aber glücklicherweise mit einem Urteilsvermögen ausgestattet, das sie auf die wirklichen Probleme des Lebens konzenztrieren liess).

Inklusion als Alibi für schrecklichen Mist

Heute wird der Begriff herangezogen, um jeden Mist zu rechtfertigen, der der Politik in den Sinn kommt, um die absurdesten Zugeständnisse zu rechtfertigen. Weit davon entfernt, konkrete Rechte (von denen es schön wäre, wenn sie auch einmal von ebenso vielen Pflichten abhängig gemacht würden) von Minderheiten zu schützen, verwandelt sich die Inklusion letzterer nicht selten in die Exklusion der Mehrheit. Oder zumindest in ihrer Bestrafung durch immer neue Regeln und sanktionsbewehrte Verhaltensverbote, von denen die Politiker, vor allem aber die Richter, oft willkürlich Gebrauch machen (siehe den berüchtigten Artikel 261bis des Strafgesetzbuches).

«Cancel culture», eine andere Seite desselben Problems

In den letzten Jahren hat eine andere kollektive geistige Verirrung Einzug gehalten, die natürlich aus denselben Kreisen kommt: die «Cancel culture», die behauptet, aus der Geschichte und dem zivilisierten Leben alle Ausdrucksformen des Stolzes oder auch nur der Erinnerung an vergangene Zivilisationen auszulöschen, die alles in allem besser waren als das, was diese wahnsinnige Generation aus uns gemacht hat. Lasst uns die Statuen von Christoph Kolumbus abreißen, er war ein Sklavenhalter und Unterdrücker der Schwarzen: die Tatsache, dass er ein großer Seefahrer war und Amerika entdeckt hat? Unerheblich! Lasst uns den Film «Die drei Musketiere» neu verfilmen, ohne Rücksicht auf Dumas Original, und die Hauptrolle einer Frau geben, möglichst schwarz. Dass der Glaube, dass im Frankreich des 17. Jahrhunderts Frauen für die Musketiere des Königs rekrutiert werden konnten, Unsinn ist, ist irrelevant. Der Roman muss an die heutige Zeit angepasst werden, vor allem an seine Idiotie. Und auch Disney hat in seiner Neuverfilmung von Schneewittchen und die sieben Zwerge einer kolumbianischen Mulattin die Rolle der Hauptdarstellerin gegeben. Die Gebrüder Grimm begannen ihr Märchen mit den Worten: «Und die Königin dachte: Wie gerne hätte ich ein kleines Mädchen mit Haaren so schwarz wie Ebenholz, Lippen so rot wie Blut und Haut so weiß wie Schnee!» Was für Idioten, wussten sie nicht, dass das politisch nicht korrekt ist? Und so weiter…

Das als kollektives Delirium zu bezeichnen, ist vielleicht unzutreffend, wir haben es hier mit echtem Wahnsinn zu tun.

In den USA haben sie Glück: Sie haben Donald Trump

Ein Werbespot vor einigen Jahren für einen bekannten alkoholfreien Aperitif paraphrasierte den Slogan und nannte Trump «den blonden Präsidenten, der die Welt verrückt macht». Aber er hat sich geirrt. Zumindest im Moment bringt er die Welt, oder zumindest die USA, zur Vernunft. Es steht mir nicht zu, ein Urteil über seine Politik zu fällen – obwohl er bei weitem nicht so dumm zu sein scheint, wie ihn die «Mainstream»-Presse darstellt – aber seine ersten Entscheidungen gegen das Woke machen ihn mir sehr sympathisch. Es ist zu hoffen, dass sein Kurswechsel zumindest in dieser Frage auch in Europa Schule macht und die Politiker diesseits des Atlantiks erkennen, wie schädlich die politische Korrektheit ist, und Abhilfe schaffen. Aber das würde eine harte Hand erfordern, die wahrscheinlich wertvolle Stimmen verlieren lässt. Und das macht mich leider sehr, sehr skeptisch.

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