Narrenschiff Europa
Aus der Weltwoche vom 12.03.2026 ein interessanter Artikel von Roger Köppel

Thomas Bühler, Narrenschiff – 25. März 2009/Archiv des Künstlers/Wikimedia Commons
Grüezi miteinander! Einen wunderschönen guten Tag, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde aus nah und fern. Ich begrüsse Sie herzlich aus dem Institut für fortgeschrittene Gegenwartskunde und angewandte Wirklichkeitsstudien. Wir blicken heute in einen Abgrund, der so tief ist, dass er selbst den hartgesottensten Optimisten schwindlig werden lässt – aber, und das ist die gute Nachricht des Tages: Krisen sind immer auch Momente der Wahrheit. Sie sind die unerbittlichen Kristallisationspunkte, an denen die Lebenslügen, die Wolkenschiebereien und der ganze moralisierende Ballast, den wir in Europa seit Jahrzehnten mit uns herumschleppen, wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen.
Wir befinden uns auf einem Narrenschiff. Und an dessen Steuer stehen Kapitäne, die nicht nach den Sternen navigieren, sondern nach den Fata Morganas ihrer eigenen Einbildung. Während da draussen die Realität mit der Wucht einer Abrissbirne gegen unsere Bordwand kracht, debattieren unsere Politiker in Brüssel, Berlin und – leider Gottes – immer öfter auch in Bern über «regelbasierte Ordnungen», «Völkerrecht» und «feministische Aussenpolitik». Es ist ein Trauerspiel der Enttäuschung und Desillusionierung.
I. Die Illusion des Rechts im Dschungel der Staaten
Machen wir uns doch nichts vor: Nach den jüngsten Erschütterungen muss es der Hinterste und Letzte gesehen haben: Es gibt unter Staaten kein Recht. Punkt. Ende der Durchsage. Wer etwas anderes behauptet, betreibt politische Homöopathie. Recht gibt es nur dort, wo es eine rechtsdurchsetzende Instanz gibt, eine Polizei, einen Richter, einen Staat mit Gewaltmonopol, der im Zweifel den Knüppel auspackt, um die Ordnung zu garantieren. Das haben wir innerhalb unserer Landesgrenzen – meistens jedenfalls, wenn die Politik nicht gerade wegschaut.
Aber zwischen den Staaten? Da herrscht der Dschungel. Da gibt es keinen Weltpolizisten, und wir sollten drei Kreuze schlagen, dass es keinen gibt! Denn ein Weltstaat wäre die ultimative Despotie, das Ende jeder Freiheit, der Auswahl und jedes Wettbewerbs. Was unsere Politiker uns als «Völkerrecht» verkaufen wollen, ist in Wahrheit nichts anderes als die vorübergehende Beschreibung eines Friedenszustands, der auf einer ganz spezifischen, momentanen Machtbalance beruht. Verändern sich die Machtverhältnisse – und meine Damen und Herren, sie verschieben sich gerade mit tektonischer Gewalt –, dann löst sich dieses Völkerrecht auf wie Zuckerwatte am Gaumen.
II. Das Erwachen der Titanen: Interessen statt Ideologie
Grossmächte verteidigen ihre Interessen. Das war vor 3000 Jahren so, und das ist heute so. Die USA, die mächtigste Nation der Welt, haben natürlich kein Interesse an einem erstarkenden Russland oder einem dominanten China. Das ist aus ihrer Sicht völlig rational. Aber sie haben den Fehler gemacht, zu glauben, sie könnten den Aufstieg dieser Rivalen durch moralisierende Worthülsen und ein Netz aus Sanktionen verhindern.
Dieses ganze Gerede von der «regelbasierten Ordnung» wurde in Moskau und Peking schon lange als das durchschaut, was es ist: ein Instrument des Westens, um die Konkurrenz im Käfig zu halten. Ein Korsett, das nur so lange akzeptiert wurde, wie man zu schwach war, es zu sprengen. Jetzt brechen sie aus. Sie lassen sich die westliche Bevormundung nicht mehr länger gefallen.
Wladimir Putin hat es 2021/22 unmissverständlich klargestellt: Eine Nato-Präsenz in der Ukraine und die Drangsalierung russischsprachiger Minderheiten sind nach seiner Beurteilung für Russland eine existenzielle Bedrohung. Er hat Truppen zusammengezogen, er hat gewarnt. Als der Verhandlungstisch keine Ergebnisse lieferte, griff er zur ultimativen Ratio des Staates: zum Krieg. Das ist nicht «schön», das ist nicht «moralisch», aber es ist die nackte, blutige Realität der Machtpolitik.
Und schauen wir uns Donald Trump an: Er macht es im Nahen Osten genau gleich. Er deklariert den Iran als Bedrohung und ist dabei von einer fast schon erfrischenden Transparenz. Er sagt: «Wir verhandeln, aber wenn ihr nicht spurt, dann knallt es.» Er zieht die Flugzeugträger zusammen, genau wie Putin die Panzer. Das ist das Gesetz des Stärkeren, der seine Interessen durchsetzen will. Ob uns das gefällt oder nicht, ist irrelevant. Die Welt ist kein Streichelzoo der Vereinten Nationen.
III. Europa: das schwimmende Irrenhaus der Moralisten
Und was macht Europa? Man hat sich in eine moralische Überheblichkeit hineingesteigert, die ans Pathologische, ans Wahnhafte grenzt. Moralismus statt Realismus: Man führt einen unehrlichen Fernduellkrieg gegen Russland, als ginge es darum, die eigene Geschichte noch einmal aufzurollen und den «bösen Zaren» im Kreml stellvertretend für alle Sünden der Vergangenheit zu besiegen.
Nicht viel besser macht es die Schweiz. Bundesbern wirft sich Brüssel um den Hals. Der Glaube an die Unabhängigkeit ist weg, Selbstmord aus Angst vor dem Sterben. Auch das bürgerliche Leibblatt NZZ macht schlapp. Man beklagt das Fehlen einer «strategischen Kultur», dabei sind es die Journalisten selber, die das wichtigste strategische Instrument der Schweiz verschrotten: ihre immerwährende, bewaffnete, umfassende Neutralität, einst unverhandelbarer Schutzschirm der Sicherheit in stürmischer Zeit.
Nicht internationale Gremien, nationale Interessen sind, wenn es draussen knallt, die verlässlichen Wegweiser des Überlebens. Die Regierenden haben dafür zu sorgen, dass die Wirtschaft läuft, erschwingliche Energieträger zur Verfügung stehen, die Landesverteidigung glaubwürdig abschreckt und die Schweizer genügend Essen auf dem Teller haben. Diplomatie ohne Zeigefinger ist gefragt, Verständnis, das Offenhalten möglichst vieler Fluchtwege. Für unsere Aussenpolitik gilt: schlichten statt richten.
Doch die Berner Uhren laufen in die Gegenrichtung. Schweizverdrossenheit ist Trumpf. Fieberhaft suchen die Bundesräte Anschluss bei der EU, bei der Nato, wie Bettler und Bittsteller klappern sie ihre mutmasslichen Gönner ab. Sie merken es gar nicht: Mit ihrem Versuch, bei fremden Armeen anzudocken, holen sie uns den Krieg ins Land. Noch hat die Rosskur der Realität, die immer mehr Leuten in Europa und in der Schweiz die Augen öffnet, die geschlossenen Abteilungen im Bundeshaus nicht erreicht.
Der Moralismus ist die Leitwährung der Inkompetenz. Wer keine realpolitischen Antworten hat, flüchtet sich in die Empörung. Wir sehen das in der Migrationspolitik, wir sehen das in der Klimapolitik, und wir sehen es jetzt fatalerweise in der Aussenpolitik. Man opfert das nationale Interesse auf dem Hochaltar der Weltbeglückung. Kommt uns vor lauter Gesinnung die Fähigkeit abhanden, die Wirklichkeit zu sehen?
IV. Das fulminante Comeback der Wirklichkeit
Aber die Wirklichkeit kann man nicht wegretuschieren. Auch nicht wegzensieren. Sie lässt sich nicht durch «Faktenchecker» oder Haltungsjournalismus aus der Welt schaffen. Kriege sind schrecklich, ja, sie kosten Blut und Geld. Aber sie haben diese eine, uneingeschränkt positive Eigenschaft: Sie räumen mit den Lebenslügen auf. Sie zeigen uns, dass wir nackt dastehen. Keine Armee, keine Energie, keine Souveränität und politische Führungen, die nicht in der Lage sind, die Realität von ihrem Wunschdenken zu unterscheiden.
Es wird Zeit, das Ruder auf diesem Narrenschiff herumzureissen. Wir müssen zurück zur Pflege unserer Interessen. Das bedeutet für die Schweiz: Rückkehr zur integralen Neutralität! Keine Sanktionen, keine Einmischung, keine Feindschaften. Und für Europa bedeutet es: Hört auf, euch als Weltlehrer aufzuspielen, während euer eigenes Haus lichterloh brennt.
Die Deutschen bekommen die Quittung für die Dummheit der von ihnen gewählten Politiker. Atomausstieg, Klimawahn, Industrieverschrottung, Brandmauer und Russophobie, mit der sich die energiepolitischen Geisterfahrer in existenzbedrohende Abhängigkeiten manövriert haben: Das einzig Erfreuliche ist, dass dieser ganze Unsinn von der Abrissbirne der Wirklichkeit jetzt in Stücke gehauen wird.
Das ist schmerzhaft, aber überfällig, ein Realitätsschock, sozusagen die Chemotherapie der Realität. Der Patient wird zwar brutal durchgeschüttelt, es fallen ihm die Haare aus, er magert ab, aber die Chancen sind vorhanden, dass er die Krankheit, die er sich selber eingebrockt hat, immerhin lebendig übersteht.
Ja, auch die Demokratie ist wieder ernst zu nehmen. Es ist ein Witz, dass ausgerechnet jene Politiker, die an der Wirklichkeit vorbeiregieren, sich zu Gralshütern der Wahrheit aufschwingen und einen Kreuzzug gegen «Desinformation» führen. Ausgerechnet sie, die uns seit Jahren verlässlich mit Fake News überfüttern wie «Willkommenskultur», «Klimakatastrophe» und Russlands angebliche Pläne, Europa zu erobern. Was soll Putin überhaupt damit? Die Eroberung von Schulden und Problemen dürfte kaum im Interesse seines Landes sein.
«Desinformation» ist der Deckname einer neuen Inquisition, Chiffre für Zensur und die Einschränkung der freien Rede. Regierungen, die nicht von der Macht weichen wollen, diffamieren ihre Kritiker als Lügner und Verräter. Das ist nichts Neues. Heimliche Komplizen des Staats sind die Medien, vor allem die öffentlich-rechtlichen. Letztere tun so, als seien sie kritisch, die raffinierteste Form der Propaganda.
V. Die Zukunft ist ein sprudelndes Labor
Nein, das ist kein Abgesang. Krisen sind Augenöffner, Verfahren zur Neuabgleichung von Politik und Wirklichkeit. Wissen Trump und Netanjahu, was sie tun? Man muss es hoffen. Die Neuvermessung der Welt lässt die geopolitische Tektonik knirschen. Trump sichert sich, was zu sichern ist, aber auch die Amerikaner sind nicht mehr stark genug für alles. Was machen China und Russland, wenn der Nahe Osten unter israelisch-amerikanische Kontrolle fällt?
Es wird weitere Konflikte geben. Sterben für Taiwan? Bitte nicht. Endlose Verlängerung des Ukraine-Kriegs? Kaum. Irgendwann kommen auch die Europäer zur Vernunft und weg von ihrem ungesunden Selenskyj-Kult. Dennoch blicken wir mit Zuversicht nach vorne. Die Welt ist kein Ponyhof, eher ein raues Meer aneinanderknallender Interessen. Vor allem aber ist sie ein sprudelndes Labor. Während Europa in Selbstmitleid und Bürokratie versinkt, revolutionieren Elon Musk & Co die Zukunft.
Öffnet die Augen, ihr Narren! Die Menschheit wächst zusammen. Differenzen bleiben. Noch nie gab es mehr globale Vernetzung, intensivere Kontakte, auch Auseinandersetzung, weil so viel Nähe überfordern kann. Was in den amerikanischen Tech-Fabriken, in den Roboterwerkstätten Chinas entsteht, ist atemberaubend. Die künstliche Intelligenz bringt Quantensprünge der Produktivität, eine neue industrielle Revolution womöglich. Hinter dem Horizont der Kriege geht die Sonne auf.
« La nave dei folli Europa Successo in parlamento: PLR e Centro sostengono il cambio di rotta proposto dall’UDC sull’asilo »

