Die dummen Produkte der Evolution

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Eros N. Mellini

Editorial

Man sagt, die Menschheit habe sich in den letzten 70 Jahren – seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs – stärker weiterentwickelt als in allen vorangegangenen Jahrhunderten, doch vielleicht sind es sogar 125 Jahre, gerechnet ab Beginn des 20. Jahrhunderts.

Ist das aber wirklich eine echte Entwicklung?

Wenn wir uns auf den technologischen Fortschritt beschränken – Wissenschaft, Industrie, Informatik und so weiter –, dann hat zweifellos eine wahrhaft epochale und rasante Entwicklung stattgefunden und findet sie auch heute noch statt. Und zum Teil habe ich sie miterlebt, zumindest seit dem Boom der 1950er Jahre. Mein Großvater konnte kaum mit dem Telefon umgehen und erzählte mir, dass in seinem Dorf, Palagnedra, als es kurz nach der Jahrhundertwende elektrifiziert wurde und die ersten Glühbirnen aufleuchteten, die Leute auf die Straße rannten und riefen: „la lüs dü diavol, la lüs dü diavol“ (das Licht des Teufels, das Licht des Teufels). Nun, stellen Sie sich heute das Leben ohne Haushaltsgeräte, ohne Fernseher, ohne Computer, ohne GPS, ohne Internet vor, also ohne all die Dinge, die es uns bequem machen und auf die wir – abgesehen von den grünen Talibanen des radikalen Umweltschutzes – niemals verzichten möchten. Undenkbar, nicht wahr?

Und doch kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, dass diese technologische Entwicklung eine direkt proportionale Rückentwicklung der Kultur, der Sitten und Gebräuche, des Verhaltens und – warum nicht – der moralischen Sichtweise der gesamten sogenannten «fortschrittlichen» Gesellschaft zur Folge hatte.

Der absurde Mainstream

Wir leben in einer Zeit, in der Einheitsdenken, der Mainstream, ein Muss ist. Wer davon abweicht, gilt als Verschwörungstheoretiker. Man darf es einfach nicht, Politik und Medien schreiben dir vor, was du zu denken sollst.

Die auferlegte Toleranz gegenüber all dem, was einst als sexuelle Abweichungen und Perversionen galt, die „woke“-Theorien, die darauf abzielen, alles und jeden zu kriminalisieren, der uns zu diesem Progress geführt hat, der ökologische Fundamentalismus, der jede Erfindung als tödlich für den Planeten betrachtet – der sich übrigens immer selbst verteidigt und überlebt hat, wenn auch manchmal mit einer gewissen Dezimierung der Bevölkerung durch Epidemien oder Eiszeiten –, sind greifbare Beweise für diese Rückentwicklung. Heute gibt es keine Fernsehserie, die nicht zumindest eine Person mit dunkler Hautfarbe enthält – selbst wenn die betreffenden Breitengrade und Gesellschaften keine solche Person verzeichneten –, einen oder eine Homosexuelle, ein schwules Paar, alles, um uns davon zu überzeugen (was auf mich nicht zutrifft), dass diese Minderheiten eine Normalität darstellen, die viel zu lange geleugnet und unterdrückt wurde.

Seltsamerweise will man Christoph Kolumbus den Verdienst der Entdeckung Amerikas absprechen, weil er Sklaven besaß – was damals völlig zulässig war –, während die (vermutete) Homosexualität von Leonardo da Vinci – die zu jener Zeit übrigens verurteilt wurde – der angemessenen Anerkennung seines wissenschaftlichen und künstlerischen Genies nicht im Wege steht, sondern vielmehr wahrscheinlich einen Mehrwert darstellt. Tja, die Geheimnisse der «woke»-Kultur!

Was soll man dann noch zum ökologischen Fundamentalismus à la Taliban sagen, der darauf abzielt, den Menschen und seine Erfindungen für den Klimawandel verantwortlich zu machen – der übrigens zyklisch und nicht vom Menschen verursacht ist –, ohne zu bedenken, dass vor 65 Millionen Jahren die Dinosaurier ausstarben, obwohl es keine LKWs gab, die die Luft verschmutzten, so wie es sie auch während der Eiszeiten und der darauf folgenden Erwärmungsphasen bis in die Moderne nicht gab?

Gebrauch und Missbrauch künstlicher Intelligenz (KI) in der Schule

Doch heute kommt meiner Meinung nach ein weiterer, besorgniserregender Faktor hinzu, der die unabsehbaren Folgen dieser Entwicklung / Rückentwicklung noch verstärkt: die künstliche Intelligenz (KI).

Es steht außer Frage, dass sie ein großer Erfolg der Wissenschaft ist, der sich ständig weiterentwickelt, und dass ihr wohlüberlegter Einsatz von großem Nutzen ist. Doch ebenso sind die Gefahren ihres Missbrauchs nicht abzuschätzen.

Niemand, ich selbst am wenigsten, bestreitet, dass es praktisch ist, KI zu nutzen, um – wenn auch noch mit einigen Fehlern – einen Text aus einer unbekannten Sprache zu übersetzen, oder sie für eine Recherche einzusetzen, die andernfalls sehr langwierig und aufwendig wäre. Das ist es, was ich unter einer wohlüberlegten Nutzung verstehe. Aber ich habe zufällig einen Artikel der NZZ vom 15.03.2026 gelesen, verfasst von Giorgio Scherrer, mit dem Titel «”Man wird fauler”: So tricksen Gymi-Schüler ihre Lehrpersonen mit KI-Chatbots aus – ein Gespräch im Klassenzimmer»,der mich zum Nachdenken gebracht hat. Sagt Scherrer: «Künstliche Intelligenz wälzt den Schulalltag um. Nicht nur zum Negativen, findet eine Gruppe Zürcher Maturandinnen und Maturanden». Es handelt sich um ein Interview mit sechs Schülern im Alter von 17 bis 18 Jahren, die kurz vor dem Maturabschluss stehen und sich bereit erklärt haben, mit der NZZ über das Lernen – und das Schummeln – mit künstlicher Intelligenz zu sprechen.

Ein Satz hat mich besonders beeindruckt: Den Jugendlichen hier ist aber ein anderes Thema fast noch wichtiger: Auch ihre Lehrpersonen arbeiten immer mehr mit «Chat», wie die erste Schülerin sagt. «Und man merkt es.». «Sie lassen sich Aufgaben generieren, die sie uns dann stellen. Zum Beispiel ein Lückentext in einer Fremdsprache. Das sehen wir sofort. Meist sind die Aufgaben auch extrem einfach. Wir lösen die dann auch mit Chat. Es ist recht seltsam: Jede und jeder von uns liest die exakt gleiche Antwort vor – und die Lehrerin hat auch die gleiche, weil die ja auch KI-generiert ist. Da lernen wir dann nicht so viel.»

Wenn sogar die Lehrer faul werden, was kann man dann von den Schülern erwarten?

Zu Recht kann man sich fragen, was auf die heutige junge Generation zukommt. Immer weniger Bildung und immer mehr punktuelles Nachschlagen in Computerprogrammen – sprich: KI –, um Antworten zu erhalten, die dann bis zum nächsten Mal sofort wieder vergessen werden? Mit der Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz werden sie vielleicht gar nicht mehr lesen lernen müssen: Es reicht dann, auf das Mikrofonsymbol zu klicken, um den Ton am eigenen PC einzuschalten.

O tempora, o mores! (Man muss nicht Cicero studieren, ein kurzer Besuch im Internet reicht aus).

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