Zur Digitalisierung und Globalisierung verdammt?

Nov 18 • Deutsche Seite, Prima Pagina • 1074 Views • Commenti disabilitati su Zur Digitalisierung und Globalisierung verdammt?

Patanegra

Schweinereien

Klein aber fein? Nix gut!

Kaum jemand kennt die Krankenkasse von Turbenthal (eine Gemeinde im Kt. Zürich): Eine Kleinstkrankenkasse mit rund 400 Versicherten. Geführt wird sie von einer einzigen Person, und dies auf herkömmliche Art und Weise, will heissen mit Schreibmaschine und Karteikarten. Keine elektronischen Hilfsmittel, kein Computer.

Keiner der Versicherten hat meines Wissens dadurch irgendwelchen Schaden erlitten, im Gegenteil. Niemand hat sich je beklagt. Wen wundert’s ? Die Prämien dieser Kasse für die Grundversicherung fallen nämlich zwei- bis dreihundert Franken monatlich tiefer aus als jene anderer Kassen.

Aber nein, nix gut ! Die Turbenthaler Krankenkasse muss schliessen, denn unser Bundesverwaltungsgericht will es so. Grund: Weil die Kasse ohne Computer arbeite und die Patientendaten nicht digitalisiere. Dadurch würde man irgend welchen gesetzlichen Anforderungen nicht 100%ig entsprechen (siehe dazu das Urteil C-4010/2015 vom 24.10.2017; das Urteil könnte noch ans Bundesgericht weiter gezogen werden, ein allerdings hoffnungsloses Unterfangen).

Das Todesurteil für diese effiziente und kostengünstige Kleinstkasse wirft dornenvolle Fragen auf

Hat man uns die Einführung der Computerisierung nicht argumentativ mit grösserer Effizienz und massiver Kosteneinsparungen verkauft ? Man schwafelte vom „papierlosen Büro“ (dabei wurde danach noch nie so viel Papier verwendet wie seit der Einführung der Computer); oder man steht eine Viertelstunde lang mit abgezähltem Bargeld hinten in der Warteschlange vor der Kasse von Migros oder Coop, weil irgend jemand vorne seine 1 Franken 75 unbedingt mit einer (wohl ungedeckten) Karte zahlen will oder die Elektronik wieder einmal streikt.

Der „Fall Turbenthal beweist das Gegenteil. Mit althergebrachten Mitteln und im Kleinen und Lokalen lassen sich Effizienz gewinnen und Kosten sparen. Durch den Verzicht auf die Digitalisierung haben die Patienten gar weit mehr Gewähr dafür, dass ihre Daten nicht mittels Übermittlung via digitale Netzwerke in falsche Hände geraten. Aber gerade dies alles scheint all jenen zu missfallen, die sich mit den modernen Technologien eine goldene Nase verdienen.

Was kommt morgen?

Heute wird nun die Kleinkasse Turbenthal geschlossen (so wie auch viele Poststellen mit ihren kundenfreundlichen kapillaren Dienstleistungen eingestellt werden). Morgen werden andere Kassen geschlossen, übermorgen kommt die Einheitskrankenkasse, tags darauf wird diese dann zwingend nach den Vorgaben der EU geführt werden müssen, und über kurz oder lang wird die archaische kleine effiziente Schweiz als eigenständiges Land in einem grösseren Ganzen aufgehen müssen, weil gemäss Auslegung ausländischer Gerichtshöfe irgend welche erfundenen „völkerrechtliche“ Bestimmungen angeblich hier nicht zu 100% eingehalten würden.

Das kleine, aber aufschlussreiche Beispiel Turbenthal bestärkt mich in meiner grossen Skepsis gegenüber dem allgemeinen Trend, die unaufhaltsame Computerisierung, Digitalisierung und Globalisierung unseres gesamten Lebens kritiklos als unabwendbares „Wohl für alle“ zu preisen.

Alles Kleine, Feine und gut Funktionierende zählt nichts mehr

Das ist leider heute so, auch wenn das Kleine effizienter und kostengünstiger ist. Dass man überall dort (leider fast überall) computerisiert, digitalisiert und rechtlich, wirtschaftlich und politisch globalisiert, wo man sklavisch daran glaubt es sei unausweichlich und zum Wohle aller, ist leider heute Tatsache. Dass man aber gar im Inland grundlos und zwangsweise gerichtlich dem gut funktionierenden Kleinen und Effizienten den Todesstoss zufügt, finde ich nicht nur unklug und kurzsichtig, sondern schlicht skandalös. Denn…

…die Zeichen der Zeit weisen einen gegenteiligen Weg

Wirtschaftlich: Kleine effiziente Schweizer KMUs zum Beispiel sind (gar auf dem internationalen Markt) mitunter dank ihrer hohen Produktequalität und flexiblen Unternehmenspolitik zunehmend oft erfolgreicher als die grossen schwerfälligen und mitunter staatliche Rettungsgelder benötigenden Grossunternehmen, die TBTFs (den Too Big To Fail). Besser wäre: Mehr Eigenverantwortung statt Anstellung von Boni-süchtigem international amorphem Management.

Politisch: Kleinere, gut funktionierende und effiziente Regionen Europas verlangen zunehmend ihre Unabhängigkeit oder zumindest mehr Autonomie von ihren ruinösen und ineffizienten Staaten (siehe – wahrscheinlich vorläufig ergebnislos – Katalonien, aber morgen auch norditalienische Provinzen etc. etc.). Besser wäre: Gemeindeautonomie à la Schweiz statt kritiklos-sklavischer Befolgung irrwitziger EU-Richtlinien.

 

Das effizient Übersichtliche, Kleine und Effiziente wird sich über kurz oder lang durchsetzen, auch ohne überrissene Computerisierung, Digitalisierung und Globalisierung. Doch diese embryonale Einsicht ist erst im Entstehen und es wird Jahre dauern bis zu deren Umsetzung. Bis dahin bleibe ich wohl überzeugter, aber einsamer Rufer in der Wüste.

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