Unsere Schlafhymne

Lug 9 • Deutsche Seite, L'opinione, Prima Pagina • 14 Views • Commenti disabilitati su Unsere Schlafhymne

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Seit 1981 ist der so genannte Schweizerpsalm die Nationalhymne der Schweiz: Ein melodisch und rhythmisch lahmes Kirchenlied, welches der Zisterziensermönch Alberich Zwyssig 1841 zu einem schwülstig-religiösen Text von Leonhard Widmer komponiert hat. Die Hymne ist zum Einschlafen langweilig, sie ist schwierig zu singen, und vom superbigotten Text kennt man bestenfalls ein paar Worte aus der ersten Strophe. Kein Wunder, dass man beim Absingen die Melodie bestenfalls irgendwie lustlos mitsummt und den Text defätistisch auf ein verschämtes Lalala reduziert.

Kein Wunder auch, dass unsere Fussballnati beim Absingen der Hymne mitunter stehend einschläft und kaum mitsingt. Da vermag ich unseren vielen Spielern mit ausländischen Wurzeln nicht mal grosse Vorwürfe zu machen.

Bis zur Einführung des Schweizerpsalms war „Rufst du mein Vaterland“ unsere zumindest melodisch-rhythmisch weitaus attraktivere Nationalhymne. Den von Johann Rudolf Wyss 1811 verfassten Text sang man zur britischen Königshymne (God save the Queen). Die Melodie war bei weitem nicht nur britisch, sondern weit verbreitet, und deren Ursprünge sind glaublich nicht mal so kristallklar britisch. Dennoch hat man sie in der Schweiz abgeschafft und hat eben 1961 (versuchsweise) und ab 1981 (definitiv) Zwyssigs Messelied zur Nationalhymne erkoren.

Unsere auf Kniefall ausgerichtete Hymne ist im Vergleich zu solchen anderer Nationen erbärmlich. Da höre man sich doch beispielsweise jene von Frankreich (la Marseillaise) oder Italiens (Fratelli d’Italia) an, die melodisch und rhythmisch absolut überzeugen und beim Absingen ein knochentiefes Gefühl von Selbstbewusstsein und Stolz hervorrufen. Missfallen tut mir allerdings in beiden Fällen der historisch gegebene, stark martialische Text. Am allerbesten gefallen tut mir die spanische Hymne, die Marcha Real. Was für ein Power steckt in dieser Musik! Zudem hat sie noch den grossen Vorteil, dass sie völlig ohne Text auskommt.

So richtig gefallen hat unser Schweizerpsalm eigentlich von Beginn weg niemandem so recht. So erstaunt es denn nicht, dass die verschiedenen Änderungsvorschläge fast so alt sind wie die Hymne selbst. Doch bisher haben alle Versuche, eine neue Hymne zu finden, Schiffbruch erlitten, zuletzt jener der Jahre 2014/16, wo man die Melodie à tout prix beibehalten wollte und nur Textänderungen vornahm. Aber mit ein Bisschen weniger textlichem Kniefall vor Gott und etwas mehr Kniefall vor internationaler Solidarität war es eben auch nicht getan, solange die Hymne ein Schlaflied bleibt.

So bin ich denn dezidiert dafür, dass man einen neuen Anlauf unternimmt, um unser melodisch wie textlich erbärmliches Schlaflied durch eine musikalischere und viel rhythmischere Hymne abzulösen. Am besten geeignet schiene mir ein Marsch, der in die Knochen fährt, ohne Text, so dass man sie nicht mal mitsingen müsste. Wie wär’s mit dem General-Guisan-Marsch (wenn man denn schon etwas Patriotisches wünschte à la „Rufst du mein Vaterland“). Oder dann den pompösen „Berner Marsch“ (das könnte sinnbildlich auch dafür stehen, dass uns Bern ohnehin mehr und mehr den Marsch bläst…). Im Extremfall gefiele mir sogar Beethovens Europa-Hymne (Ode an die Freude) besser als unsere gegenwärtige, aber die wäre wohl nur dann einzuführen, wenn die konkursite EU beschlösse, der Schweiz als zusätzlicher Kanton beizutreten, und nicht umgekehrt.

Verstehen Sie mich bitte trotz dieses humoristischen Abschlusses nicht falsch. Mir ist es todernst. Unsere Nationalhymne gehört dringend durch etwas Besseres abgelöst, je früher desto besser. Sollte jemand aus unserer Leserschaft während des Sommers eine gute Idee dafür haben, dann bitte ich um Zusendung des Vorschlags oder schon nur um eine Meinungsäusserung zu dieser kontroversen Frage an unsere Redaktion. Ich käme dann im «Il Paese» sehr gerne im Herbst auf dieses Thema zurück.

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