Tu felix Helvetia!

Mar 19 • Deutsche Seite, L'opinione, Prima Pagina • 248 Views • Commenti disabilitati su Tu felix Helvetia!

Humoreske

Dialektische Betrachtungen über ein Sandwich

Neu muss deklariert werden, von wo ein Brot kommt. Denn das Parlament führt für Brot und Backwaren eine Deklarationspflicht ein: Das Produktionsland soll an einem gut sichtbaren Platz angegeben werden. Der Bundesrat hat eine entsprechende Motion beider Räte angenommen. Gemäss Motion soll die Deklarationspflicht nicht gelten für Pizzas, dafür aber für Sandwiches.

Eine Deklarationspflicht für Brot? Nu ja, über die ultimative Notwendigkeit dieser Massnahme mag man geteilter Meinung sein. Aber eine Deklarationspflicht auch für Sandwiches? Da stellt sich die Frage, was ein Sandwich denn überhaupt ist. Diese quälende Frage hat der bekannte Berner Liedermacher, Singer-Songwriter und Chansonier Mani Matter (in der Deutschschweiz vergleichbar sehr bekannt wie der Cantautore Fabrizio De Andrè im italienischsprachigen Raum) wie folgt in Berndeutscher Sprache aufgeschlüsselt besungen, und damit aufgezeigt hat, wie viel Dialektik in einem Sandwich steckt. Hier der Text:

 Was isch es Sändwich ohne Fleisch – s isch nüt als Brot

Was isch es Sändwich ohne Brot – s isch nüt als Fleisch

Ersch wenn d mit Fleisch dys Brot beleisch

Ersch wenn d mit Brot umgisch dys Fleisch

Berchunns es Sändwich: Brot und Fleisch

Lue, dass Du däm geng Rächnig treisch

 

Und zwar isch s wichtig, dass du folgendes o weisch

S gnüegt nid, dass Du ds Brot eifach underleisch am Fleisch

S’brucht eis Brot unefür, versteisch

Und eis wo d obe drüber leisch

Nume wenn d so drahäre geisch

Bechunns es Sändwich – ein mit Fleisch

 

Ds Problem vom Anke chäm, das stimmt, de no derzue

S geit drum, ne ja nid uf die lätzi Syte z tue

Du gsesch: Du issisch, Du Barbar

Und füllsch dy Buuch und wirsch nid gwahr

Was im e Sändwich uf dym Tisch

Für Dialektik drinnen isch

Für Dialektik drinnen isch.

Doch der sandwichesken Dialektik nicht genug. Was, wenn in einem Sandwich neben Brot, Fleisch und Butter allenfalls auch noch Käse und Essiggurken- und Tomatenscheiben enthalten sind? Gilt dann die Deklarationspflicht für sämtliche Komponenten des Sandwiches? Die nunmehr verlangte Deklaration bedürfte wohl gesetzgeberisch eines jedem Sandwich beigelegten Textbüchleins. Die Aufgabe, die vorgesehene Deklarationspflicht in einen Gesetzestext zu fassen, ist geradezu titanisch.

Wohl deshalb – und nicht nur aus politischer Rücksichtnahme auf Italien – hat man darauf verzichtet, diese Pflicht auch auf Pizzas auszuweiten (wenn ich mir schon nur die Komponenten alleine der beiden Pizzatypen Quattrostagioni und Fruttidimare ausrechne, ergäbe das bereits eine kulinarische Deklarationsenzyklopädie).

Ob solchem schweizerischen Deklarationseifer denke ich nur: „Tu felix Helvetia!“. Wie gut muss es einem glücklichen Land wie der Schweiz gehen, das offensichtlich keine grösseren Probleme kennt als dieses. Und dann denke ich etwas weiter: Wie würde ich reagieren, wenn ich in einem armen Staat mit wirklichen Problemen einem hungrigen Kind ein Brot oder ein Sandwich zum Essen gäbe, und dieses mich vor der Entgegennahme vorerst nach der Herkunftsdeklaration fragte? Ehrlich gesagt: Ich wäre ratlos.

 

 

Ronco

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