Schlangengeschichten

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Rolando Burkhard

Die meisten Menschen haben panische Angst und empfinden grosse Abscheu vor Schlangen. Das ist verständlich: Schlangen galten schon biblisch mit ihrer gespalteten Zunge seit Urzeiten als Symbol des Bösen, zudem werden sie aufgrund ihres möglicherweise giftigen Bisses auch hierzulande als gefährlich betrachtet. Doch da irrt man sich gewaltig. Ich wage im folgenden Artikel einen Schlangen-Rehabilitierungsversuch. Dazu erzähle ich Ihnen nachfolgend meine ganz persönlichen Geschichten und Erfahrungen mit einer ganz besonderen Schlangenart: der Äskulapnatter. Sie werden staunen. Lassen Sie sich überraschen!

Erste Geschichte

Die ersten Schlangenbegegnungen erlebte ich Mitte der 50er Jahre, als ich als Kind im Tessin meinen Grossvater zu seinen Arbeiten in den Rebbergen begleitete. Er führte stets einen Stock mit sich, mit dem er auf den überwachsenen Waldwegen ständig einen Schritt vor sich auf den Boden schlug. «Wegen den Schlangen!» sagte er. Denn er hatte panische Angst vor Schlangen. Das war verständlich. Denn er war 1910 nach Kalifornien ausgewandert, um als Cowboy auf einer Ranch zu arbeiten. Seine Arbeit verrichtete er zumeist nachts, um die Herden zu kontrollieren und um Wasser vom Colorado River zur Bewässerung des Ranchlandes umzuleiten. Das grösste Risiko bei diesen Arbeiten waren die hochgiftigen aggressiven Klapperschlangen. Zahlreiche Pferde verendeten ob der tödlichen Bisse und viele seiner schlangengebissenen Cowboy-Kollegen liessen ihr Leben. Auch nach seiner Rückkehr aus Amerika ins Tessin in den 20er Jahren verlor er seine Schlangenphobie nie. Obschon hierzulande keine Klapperschlangen und überhaupt kaum Giftschlangen anzutreffen waren (die einzigen einheimischen Giftschlagen, die Aspis- und die Berus-Viper (Kreuzotter) traf man bei uns kaum an – in fast 100% der Fälle waren es harmlose Nattern wie zumeist die Ringelnatter (lokal dialektal «scorzon(g)» genannt) oder die Äskulapnatter – doch er erschlug diese Schlangen soweit möglich sofort allesamt. Mir taten die Tiere eigentlich leid. Aber es war dann meine ungeliebte Aufgabe, die getöteten Schlangen nach Hause zu bringen, um sie mit einer Hacke (dem «falcett») in kleine Stücke zu zerschneiden und den Hühnern zum Frasse vorzulegen. So war das halt damals.

Zweite Geschichte

In den 70er Jahren begann ich, die Rebberge selbständig zu bearbeiten. Schlangen habe ich mehr und mehr seltener angetroffen, giftige schon gar nicht (ich habe in meinen nunmehr über 70 Jahren zeitlebens glaublich nur zweimal erkennbar eine Viper in bewohntem Gebiet gesehen). Aber nun geschah dies: Wegen des Vogelfrasses musste man schon damals die Reben mittels Netzen schützen, und die Netze reichten bis fast an den Boden. Als ich einmal abends die Netze kontrollierte, sah ich darin eine Schlange verstrickt, die sich nicht mehr daraus befreien konnte, sosehr sie sich auch wand. Da ich mittlerweile etwas von Schlangen verstand, habe ich sofort gesehen, dass es sich um eine Äskulapnatter handelte, ein eher junges Exemplar, wohl um die 80 cm lang. Näheres zu dieser Schlangenart finden Sie nachfolgend in einem Kasten.

Was tun? Ich habe dann mein Netz (Kosten um die 25 Fr.) zerschnitten, um die Schlange herauszulösen, denn ihre Schuppen waren in den Netzmaschen verstrickt. Dann habe ich die Schlange hinter dem Kopf gepackt, worauf sie sich naturgemäss sofort um meinen Unterarm schlängelte, und habe die Netzfetzen aus ihren Schuppen entfernt. Beissen konnte das Tier mich nicht, doch wie bekannt sondern die Nattern im Stressfall über ihr After ein stark stinkendes Sekret aus. Ich habe dann das Tier einige hundert Meter weit in einen Wald gebracht, vom Arm gelöst und freigelassen. Danach ging ich nach Hause, um den stinkenden Arm zu reinigen. Das dauert Tage. Einige Stunden danach ging ich wieder zu meinem Rebberg, und…oh Graus! Gleich neben dem ersten Netz sah ich wiederum eine Schlange in einem Netz verwickelt. Bei näherer Betrachtung stellte ich fest, dass es sich um die haargenau gleiche Äskulapnatter handelte. Was tun? Nun, ich schnitt mein Netz (weitere Kosten von 25 Franken) und befreite sie, so wie vorher. Was aber nun mit ihr tun? Nochmals zurück in den Wald? Nein. Ich packte das verängstigte Tier in einen luftdurchlässigen Jutesack. Mein Arm stank ohnehin bereits erbärmlich.

Dritte Geschichte

Tags darauf traf ich eine Entscheidung: Nämlich die, diese offenbar zu mir hintendierende Äskulapnatter nicht mehr auszusetzen, sondern zu behalten. Gleichentags brachte ich sie in einem kleinen Jutesack nach St. Gallen in meine Studentenwohnung. Dort organisierte ich ein grösseres Terrarium (ca. 1,5 x 0.7 m, mit grösserem Wasserbecken, mit runden Steinen von der Maggia und etwas Grünpflanzen) und setzte mein neues «Haustier» dort rein und nannte es fortan «Pi» (finden Sie mal selber heraus, ob eine Schlange männlichen oder weiblichen Geschlechts ist). Tagelang verhielt es sich dort still. Dann kam das Problem mit seiner Ernährung. Vorerst versuchte ich es mit kleinen Fischen im Wasser, doch die frass mein(e) Pi nicht. Dann setzte ich auf Kleinmäuse (zuerst tote, dann lebende), und das funktionierte, Pi  frass sie, wobei dessen Hunger sich in Grenzen hielt. Eine Maus reichte aus für ca. 2-3 Wochen. Doch einmal vergass ich, das Terrarium oben zu schliessen. Als ich das nächste Mal nachschaute, war Pi verschwunden! Ich fand das Tier dann nicht weit ausserhalb des Terrariums, nahm es in die Hand und führte es zurück. Allerdings vergass ich wiederum, dem Terrarium den Deckel aufzusetzen. Am nächsten Morgen war Pi wieder ausgebrochen. Ich fand die Schlange nirgends. Was tun? Angst vor ihr hatte ich keine, die Schlange war mittlerweile sehr domiziliert, biss und stank nicht. Abends sah ich sie wieder, denn sie war von alleine wieder in ihr Terrarium zurück gekehrt, weil sie Wasser benötigte. Von da an liess ich das Terrarium oben ständig offen. Meine Pi war meistens dort, machte aber ihre täglichen Exkursionen in der Wohnung. Mal war sie im Topf meiner Zimmerpflanze, mal im Büchergestell. Man konnte sie nun ohne weiteres berühren, sie reagierte nicht darauf.

Äskulapnattern sind sehr gute Kletterer. Ein Ereignis habe ich besonders gut in Erinnerung: Ich sass an meinem Pult und schrieb an meiner Diplomarbeit für die Uni. Pi rankte sich das Tischbein hoch und schaute mir plötzlich vom Tischrand aus bei meiner Arbeit zu. Nach einer Weile verschwand sie wieder.

Als ich von St. Gallen nach Bern zog, konnte ich das Terrarium nicht mitnehmen. So entschied ich mich schweren Herzens, Pi wieder ins Tessin zu bringen und dort im Wald auszusetzen. Ich habe Pi seither nie mehr gesehen.

Vierte Geschichte

Andere Äskulapnattern im Tessin sah ich danach öfters. Ein Schlangenpaar hatte sich in unserem Dachboden eingerichtet, was unser Rustico absolut maus- und siebenschläfer-frei hielt. Die Äskulaps sind nebst den Füchsen die wohl besten Mäusefänger, weitaus besser als unsere kit-e-kat-verwöhnten Hauskatzen. Denn sie begeben sich auch in die unterirdischen Mäusegänge und fressen dort die gesamte Mäusebrut auf. Im Magen einer Äskulap, die ein unbedachter Tourist erschlagen hatte, fanden sich nicht weniger als 6 Kleinstmäuse.

Meine Frau Mila, von den Philippinen stammend, hatte vor den Schlangen ebenso grosse Angst wie mein Grossvater. Nun ja, die dortigen sind tatsächlich zumeist giftig und recht gefährlich. Ihre erste Begegnung mit einer Äskulapnatter war, als sie in unserem Keller ein recht grosses Exemplar (sicher um die 1m 40 lang) sah, das sich auf unseren Merlot-Flaschen ausgebreitet hatte und nur zögerlich langsam von dort verschwand. Horror pur! Ich habe dann Mila beruhigt und ihr erklärt, dass eine solche Schlange absolut harmlos und im Keller ein eigentlicher Segen sei, eine Art «security guard». Tatsächlich hatten wir damals dort keinerlei Mäuse- oder Siebenschläferschäden an den Lebensmitteln. Die zweite Begegnung war so: Wir waren im Haus und hörten plötzlich ein recht lautes Plumpsgeräusch von unserem Alu-Vordach. Wir gingen sofort schauen. Was war geschehen? Nun, dies: Unser Äskulap-Schlangenpaar vom Dachboden hatte sein Liebesspiel auf dem Steindach wohl etwas zu intensiv betrieben (Männchen und Weibchen schlingen sich dabei längsweis recht wild umeinander, rollen sich) und waren dabei vom Dach auf das blecherne Vordach gefallen. Als sie uns sahen, lösten sie sich voneinander und kletterten beide den Efeustauden entlang vertikal wieder aufs Dach hoch.

Sogar Mila hatte mittlerweile ihre Angst vor diesen Schlangen mittlerweile verloren.

Schlussbetrachtung

Die panische Angst und grosse Abscheu der Leute vor Schlangen ist weit verbreitet: der Angst vor deren Giftigkeit, und der Abscheu wegen deren biblischen Symbolik von Doppelzüngigkeit und des Bösen. Die Angst ist in unseren Gestaden weitestgehend unbegründet, denn die nur noch selten vorkommenden Giftschlangen (Vipern der Art Berus und Aspis) trifft man nur noch äussert selten in höheren Lagen an. Fast immer sieht man harmlose Nattern. Darunter die Äskulapnatter. Sie ist nicht nur völlig harmlos, sondern gehört auch ästhetisch zu den weltweit schönsten Schlangenarten. Ihr Gebaren ist majestätisch. Zudem ist sie äusserst nützlich: Als Mäusefängerin gehört sie zu den Weltmeistern. Nicht zu Unrecht hat sie geschichtlich und bis in unsere Gegenwart auch grosse positive Symbolkraft bewahrt; sie steht deshalb noch heute im bekannten Äskulapstab als Symbolfigur für unsere Ärzte und Apotheker.

Weil sie, wie sämtliche unserer einheimischen Schlangenarten, zu den bedrohten Tierarten gehört, ist sie eine der gesetzlich geschützten Spezies. Also bitte: Wer immer eine solche Schlange antrifft, soll sie einfach in Ruhe lassen und nicht erschlagen. Bitte!

Der Äskulapnatter sei deshalb – in wunderschöner Erinnerung an mein(e) Pi – dieser Artikel gewidmet.

 

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