Heiligkeit und Preis menschlichen Lebens

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Eros N. Mellini

Editorial

Als Vorbemerkung möchte ich betonen, dass mein Editorial die Überlegungen eines Atheisten – oder vielmehr eines Agnostikers – reflektiert, die ich bei allem Respekt für all jene Leute anstelle, deren religiöse Überzeugungen völlig anders ausgerichtet sind, und für welche die Heiligkeit des menschlichen Lebens eine grundlegende Verhaltensgrundlage bedeutet. Meine Art und Weise, die Dinge zu betrachten, ist hingegen rein akademisch, und ich richte mich damit an jenen Personenkreis, der dem Mainstream folgt ohne einen festen Glauben; denn Gläubige kommen definitionsgemäss ohne Nachweise und Belege aus: Man hat den Glauben, oder eben nicht. Ich richte mich an all jene, und das sind viele, die kritiklos Gemeinplätze übernehmen, deren Grundlagen übrigens jeden Beweis schuldig bleiben, und dies nur deshalb, weil sie es als „skandalös“ empfinden würden, anderslautende Meinungen überhaupt nur in Betracht zu ziehen.

Als Reaktion auf meine nachfolgenden Überlegungen vermag ich schon die Reaktionen vorauszusehen, deren Empörung wohl direkt proportional sein wird zum Ausmass von „politischer Korrektheit“, das die Gesellschaft der Leserschaft bereits eingeimpft hat. Dieses „politically correct“, welches die banalsten Gemeinplätze der Art wie beispielsweise „man darf über die Toten nichts Schlechtes sagen“ oder „Besser 1000 Kriminelle in Freiheit als ein einziger Unschuldiger im Gefängnis“ oder anderer Unsinn, zu absolut unumstösslichen Dogmen erklärt. Warum sollte man denn eine Person, die man zeitlebens als Idioten betrachtet hat, nun plötzlich zu einem international anerkannten Wissenschafter erheben, nur weil er jetzt gestorben ist? Hinsichtlich des zweitgenannten Beispiels gibt es meines Erachtens nur eine einzige Person, die berechtigerweise so denken darf: Der unschuldig im Kerker Eingesperrte. Für alle anderen – deren Sicherheit uns derart am Herzen liegt, dass ein gewisser Zynismus berechtigt ist, das gebe ich gerne zu – ist die erste Alternative bedeutend besser.

Der „Fall Sawiris“

Anfangs Mai hat ein von Samith Sawiris ausgesprochener Satz die Empörung von vielen Benutzern der Social Networks hervorgerufen. Der ägyptische Unternehmer und bekannte Investor in die Tourismusanlagen von Andermatt hatte in einem Interview in der „Sonntagszeitung“ erklärt, dass die Anstrengungen des Bundes, um die Personen unter 60 Jahren zu retten, überdimensioniert seien, und dass – und das ist der ominöse Satz – „Milliarden von Franken verloren gingen, um ein paar Hundert Tote weniger zu haben“. Natürlich brach danach die Welt zusammen! Die Spannweite der Reaktionen liess jeder Phantasie freien Lauf: Vom Vorwurf, das Gewinnstreben zynisch der öffentlichen Gesundheit voranzustellen (was übrigens durchaus diskutabel ist, da der Lockdown mehr Opfer kosten könnte als das Virus selber) bis hin zum Wunsch, dass er sich selber anstecke und danach in die Intensivstation eingeliefert werde, und dies – die Heiligkeit des menschlichen Lebens lässt grüssen – angereichert mit der nicht sonderlich verhohlen geäussertem Hoffnung, er möge dabei das Zeitliche segnen. Aber hatte Sawiris denn völlig Unrecht?

Lösen wir uns doch für einen Augenblick von herkömmlicher Denkweise

Legen wir doch einmal sämtliche sozialen Konventionen und die daraus resultierenden Gemeinplätze beiseite, um die Situation bar jeder moralischen, religiösen oder anderer Einflüsse zu analysieren. Ist das menschliche Leben heilig? Nein, es ist es nicht. Es sind die Menschen, welche es heilig gesprochen haben, dies mittels einer Konvention, einer Art Sozialvertrag, der ein akzeptables und vernünftig auf Risikominderung ausgelegtes Zusammenleben ermöglicht. Denn wenn ich die These akzeptieren, dass das Leben heilig sei und somit darauf verzichte, es den anderen zu nehmen, kann ich vernünftigerweise davon ausgehen, dass – zumindest zumeist – das gleiche Prinzip auch für die anderen gelte, und diese mir nichts Böses antun werden. Dass dieses Konzept diskutabel ist, zeigt sich schon darin, wie oft die Menschen – solange sie es ungestraft tun können – dazu neigen, diese Regel zu verletzen. Ist das menschliche Leben unbezahlbar? Quatsch, denn dieses Konzept unterstützen wir nur, wenn unser EIGENES Leben auf dem Spiele steht, oder allenfalls das Leben von Familienangehörigen und Freunden. Und so erleben wir Paradoxien wie jene von Silvia Romano, für die der Staat – auf dem Höhepunkt der Krise, angesichts von Italienern, die buchstäblich Hungers sterben – Millionen zahlt als Lösegeld für eine einzige Person, und dadurch den islamischen Terrorismus finanziert, welcher seit jeher Menschen geopfert hat und es weiterhin in noch grösserem Ausmass tun wird.

Soll das Gesamtinteresse das Interesse des einzelnen überwiegen? Das ist wiederum Quatsch! Dieses Prinzip sollte (und wird es wahrscheinlich auch) dann zur Anwendung kommen, wenn die Regierung Massnahmen durchsetzt; aber für den Einzelnen zählt auch in diesem Falle das eigene Interesse. Setzt man sich die Gesichtsmaske auf, um nicht andere anzustecken? Nein, man unterzieht sich dieser lästigen Massnahme und fordert gar deren Pflicht, denn wenn es alle anderen tun, wir man SELBER nicht angesteckt. Nochmals: Es geht um eine Art von sozialem Versicherungsvertrag: Meine zu bezahlende Prämie (das Tragen der Gesichtsmaske), dies für die Garantie (sozusagen), dass mir nicht Millionen von pathogenen Mikroorganismen entgegen geblasen werden.

Dies gesagt (niemand ist gezwungen, mir zu glauben; zuzugeben, etwas zynisch und egoistisch zu sein, ist nicht jedermanns Sache): Welchen Wert haben einige Hundert Menschenleben im Verhältnis zu den vom Lockdown verursachten wirtschaftlichen Schäden? Natürlich muss man, abgesehen von den paar Hundert direkt betroffenen Personen, für welche dieser Wert keinen Preis hat, diesem Wert den durch eine in die Knie gezwungene Wirtschaft entstandenen Schaden entgegen setzen, und konsequenterweise eine Kosten/Nutzen-Rechnung anstellen. Dies auch dann, wenn das gegen die von den politisch korrekten Medien meisterhaft kultivierte und verbreitete Gefühlslage verstösst. Somit hat der ägyptische Unternehmer zu Recht dieses Kosten/Nutzen-Verhältnis hervorgehoben, und ist dabei zum Schluss gelangt, dass die Kosten entschieden höher seien als der Nutzen.

Ist Samith Sawiris tatsächlich ein zynischer Geschäftemacher ohne Gefühle? Wahrscheinlich ist er es nicht mehr als viele andere Leute. Immerhin ist er aufrichtig genug, um sich nicht hinter den billigen Gemeinplätzen des Mainstreams zu verbergen.

 

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