Haben Sie die/den Richtige(n) geheiratet?

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Rolando Burkhard

Eine kulturhistorische Betrachtung über Heiratsentscheide

Wen, wieso, wann und wie heiratet man? Knifflige Frage. Wie es heutzutage zum Heiraten kommt, ist tagtäglich sichtbar. Doch wie war das früher? Und vor allem: Sind die heutigen Heiraten besser als die früheren? Gibt es eine allgemeingültige Antwort auf die Frage, ob man im richtigen Zeitpunkt den/die Richtige(n) gewählt hat? Ist irgendwie das alles ohnehin Schicksal, oder doch eher zufällig? Und was macht man nach einer Heirat aus diesem „Zufall“?    

Beginnen wir mit dem heute…

Nun ja, oft geht’s heute ja so:  Zwei Leute lernen sich kennen: Am Arbeitsplatz, im Sportclub, mittels Freunden, beim abendlichen Ausgang, oder übers Internet. Man findet sich sympathisch, kommt sich näher, es kommt zum ersten „Date“, bald ist man miteinander im Bett und findet das toll. Man beschliesst dann, zueinander zu ziehen, lebt miteinander eine Weile und heiratet (vielleicht) schliesslich.

Wie war das ganz früher ?

Ganz früher lebten die jungen Leute im heiratsfähigen Alter meist zuhause im Familienverband. Das Verheiraten war Familiensache, bei welcher die Eltern das ausschlaggebende Sagen hatten. Da spielten Standesdünkel und materielle Interessen eine grosse Rolle. Das Verheiraten wurde standesgemäss, macht- oder interessenbezogen und einkommenstaktisch kalkuliert. Dies galt für die Fürstenhöfe bis hinunter zu den Bauernbetrieben. Die zueinander voraus bestimmten Brautleute hatten wenig zu sagen. Sie mussten den/die heiraten, die ihnen von den Familien vorgegeben wurde. (Nota bene: Das ist heutzutage in vorweg islamischen Familien oft noch heute so). Folgen: In den Fürstenhäusern hatten die Herren offiziell ihre Mätressen, die Damen hielten sich diskreter mehr an ihre “Musiklehrer”. In der ruralen Welt? Keine Ahnung. Vielleicht ist’s gut, dass es damals in beiden Fällen noch keine Vaterschaftstests gab. Und im Islam schreibt man den Frauen für ihre öffentlichen Auftritte – wohl nicht ganz zufällig – noch heute das Tragen eines Burka vor.

Wie war es im Tessin vor ein- oder zweihundert Jahren ?

Ich weiss es nicht generell. Im ruralen Tessin spielten sicher die agrarpolitischen Interessen der Bauernfamilien eine grosse Rolle. Doch dann kam die Epoche der grossen Armut, des Hungers, der Emigration. Die jungen Männer mussten auswandern, die jungen Frauen blieben zurück. Das führte zu Dramen, die auch literarisch prominent dargestellt wurden (siehe insbesondere das hervorragende Buch von Plinio Martini „Il fondo del sacco“ – in deutsch: „Nicht Anfang und nicht Ende“). Aber es konnte auch weniger tragisch ausgehen als dort beschrieben. Darüber die folgende Chronik aus meiner persönlichen Familiengeschichte.

Mein Grossvater heiratete 1920 per Korrespondenz…

Mein Tessiner Grossvater (geboren 1886 im unteren Maggiatal) lernte und arbeitete als Steinmetz in Ronchini (Aurigeno). Arbeit gab’s damals kaum, und so nahm er um 1910 gerne eine mehrtätige Arbeit im obersten Winkel des Maggiatals an, in Piano di Peccia. Da es damals keine Möglichkeiten gab, abends nach hause zu kehren, übernachtete er in einer dortigen Herberge. Der lokale Hotelier hatte mehrere Töchter, und die lernte mein Grossvater auch kennen. Alle waren hübsch, aber eine von ihnen gefiel ihm besonders. Nach Beendigung seiner Arbeiten verliess er Peccia, aber seine Arbeitsmöglichkeiten verblieben spärlich. Und so entschied er 1911, nach Kalifornien auszuwandern, um dort auf einer Ranch zu arbeiten. Das ging dort gut, er verdiente etwas und konnte sich sogar in eine Ranch einkaufen. Als ihm dort um 1918 seine ökonomische Lage das Heiraten erlaubte, erinnerte er sich an das einstige Mädchen im Piano di Peccia. So schrieb er ihrem Vater von Amerika aus einen Brief, in welchem er um ihre Hand anhielt. Drei Monate später (damalige Postverhältnisse!) kam die Antwort des Vaters: „Diese Tochter ist zwischenzeitlich bereits verheiratet, aber ich habe noch drei andere unverheiratete Töchter“ (von denen legte er Photos bei). Mein Grossvater erinnerte sich gut an die eine von diesen dreien, und antwortete dem Vater, er würde sie gerne statt der anderen heiraten. Diese Tochter war damit einverstanden. In einem weiteren Brief forderte mein Grossvater sie auf, nach Amerika zu reisen, er würde ihr das Geld für die Reisekosten vorher zustellen. Besagtes Mädchen liess ihn via Vater brieflich wissen: „Heiraten ja, sofort, aber nur hier – ich lebe und bleibe hier: nach Amerika? Nie!“. (Keine Ahnung, ob sie sich am bekannten Lied „Mamma mia dammi cento lire, che in America voglio andar““ ein Beispiel nahm). Mein Grossvater zog die Konsequenzen: Statt – wie im damaligen Kalifornien sonst üblich – eines der eingewanderten Mädchen zu heiraten, beschloss er, für die Heirat zurück zu reisen. Er verkaufte seine Anteile an der Ranch und traf, zurückgekehrt in der Heimat, „sein“ Mädchen und heiratete es in Aurigeno 1920.

So gingen mitunter damals die Dinge punkto Heirat. Meine Grosseltern hatten drei Kinder und blieben bis zu ihrem Tode (Grossvater 1973, Grossmutter 1980) glücklich verheiratet.

…und ich (1977) auch…!

Wie steht’s heute mit dem Heiraten? Wie oben beschrieben?  Vielleicht, aber nicht immer. Ich selber habe 1977 fürs Heiraten einen Weg gewählt, der noch abenteuerlicher anmutet als der von meinem Grossvater 1920 gewählte.

Ich habe 1977 ein ausländisches Mädchen geheiratet, praktisch ohne es vorher jemals gesehen zu haben (dessen ungeachtet sind wir zwischenzeitlich seit 43 Jahren glücklich verheiratet). Das ging so: Aus belanglosen Briefbekanntschaften von mir mit diversen Leuten in den Philippinen erreichte mich eines Tages 1976 ein Brief einer philippinischen Ärztin. Wir haben schriftlich korrespondiert (das Internet gab’s damals noch nicht), die Korrespondenz zwischen uns wurde persönlicher, man lernte sich damit sehr gut kennen. Irgendwann mal beschlossen wir beide brieflich, zu heiraten und sodann in der Schweiz zu leben. Doch da gab’s ein Problem. Ich wollte, dass meine künftige Frau vorher in die Schweiz reist, damit sie vorher unser Leben hier kennen lernt, um dann abschliessend entscheiden zu können. Sie lehnte ab. Mit der Begründung, dass sie (man beachte die dortigen kulturellen Vorgaben der damaligen Zeit!) nicht ins Ausland reisen dürfe, ohne im Falle einer Rückreise danach nicht mehr als „unverbraucht“, d.h. „verheiratbar“ zu gelten. So war das halt dort damals.

So haben wir denn beschlossen, in den Philippinen zu heiraten. Nach Abschluss sämtlicher administrativen Heiratsformalitäten in der Schweiz reiste ich dorthin. Meine Frau organisierte zwischenzeitlich die gesamten Heiratsvorbereitungen. Zum ersten Mal persönlich getroffen haben wir uns rund 10 Tage vor der Hochzeit auf dem Flughafen von Manila. Es war, als hätten wir uns bereits ein Leben lang gekannt. Getraut hat uns dann in Dumaguety City der Erzbischof von Negros Oriental. An den Feierlichkeiten waren 351 Leute anwesend: Von Seiten meiner Frau 350 Filipinas und Filipinos, von meiner Seite ein einziger: ich selber. Denn niemand hier in der Schweiz (meine Eltern erst recht nicht) hatte diese Heirat für angezeigt empfunden. So kann’s gehen!

Doch zurück zur ursprünglichen Frage

Aber eben, zurück zur ursprünglichen Frage: Wen, wieso, wann und wie soll man/frau heiraten? Welches „Heiratsmodell“  ist das beste? Das einst zwingend vorgegebene oder das heute sehr freizügige, oder die vielleicht kurios anmutenden Beispiele aus unserer Familiengeschichte? Niemand kann das so genau sagen. Wenn ich mir die heutigen Scheidungsraten anschaue, dann zweifle ich etwas an der Moderne.  Ich selber habe nur eine einzige Antwort: Es kommt sehr darauf an, was man aus einer Partnerschaft macht. In Schönwetterzeiten ist’s kurzfristig einfach, aber in schlechteren Zeiten muss sich die Partnerschaft bewähren. Sich zu verlieben ist einfach. Sex ohnehin. Auch das Kinderkriegen, wo erwünscht. Aber für eine länger dauernde Beziehung braucht es Liebe, viel Liebe. Dies auch im Sinne von gegenseitigem Respekt, Verständnis und Vertrauen. Gerade in Coronavirus-Zeiten.

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