Einige Gedanken zum Klimawandel

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Prof. Dr. Arturo Romer, theoretischer Physiker

Der Klimawandel findet statt. An dieser Tatsache gibt es nichts zu rütteln. Der Mensch ist sicher seit mehr als 100 Jahren mitverantwortlich an diesem Wandel. Während der vergangenen Eiszeiten (Dauer je zirka 80’000 Jahre) und den entsprechenden Warmzeiten (Dauer je zirka 20’000 Jahre) varierte die mittlere CO2-Konzentration der Atmosphäre zwischen 180 ppm (Kaltzeit/”Eiszeit”) und 280 ppm (Warmzeit). Die jeweiligen Übergänge dauerten mehrere Tausend Jahre. Heute wird der Übergang von der mittleren Erdtemperatur von zirka 15 Grad Celsius in eine sehr wärmere Welt (plus 2-3 Grad Celsius) rund hundert Jahre dauern. Dies ist der große Unterschied. Seit der Industrialisierung (zirka seit 1769, Wärmekraftmaschine von James Watt) hat die CO2-Konzentration der Atmosphäre sehr stark zugenommen. Dies gilt speziell für die letzten 50 Jahre. Die mittlere CO2-Konzentration der Atmosphäre beträgt nun rund 410 ppm. Dazu kommen andere vom Menschen verursachte Treibhausgase wie z.B. Methan (CH4), Distickstoffoxid (N2O) und Ozon (O3). Die massive Zunahme an anthropogenen Treibhausgasen erhöht eindeutig die mittlere Erdtemperatur. Dieser Trend ist unwiderlegbar. Durch diese Temperaturerhöhung kommt es zusätzlich zu Rückkopplungseffekten (Zunahme von Wasserdampf, Verringerung der Albedo, tauende Permafrost-Böden, usw.), die zu einer weiteren Aufheizung beitragen. Immerhin hat die internationale Politik in der Zwischenzeit ein erstes Zeichen gesetzt. Das Uebereinkommen von Paris (12.12.2015) sieht die Begrenzung der menschengemachten globalen Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius vor. Es handelt sich um ein äusserst ambitiöses (praktisch unerreichbares) Ziel.

Viele große Länder und Gebiete (z.B. China, Indien, Russland, ganz Afrika, ganz Südamerika) haben noch einen gewaltigen Aufholbedarf an Lebensqualität, auch wenn sie nur annähernd unseren Lebensstandard erreichen wollen. Ohne eine gute Energieversorgung gibt es bekannterweise keine Lebensqualität. Diese Länder und Regionen werden deshalb auch in Zukunft sehr viel fossile Energie verbrauchen. Trotz der hohen, ehrgeizigen und edlen Klimaziele (Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Reduktion von CO2-Emissionen, usw.) wird die Treibhausgaskonzentration der Atmosphäre planetarisch weiter zunehmen. Ein Stopp oder sogar eine Inversion des Klimawandels liegt nach meinen Berechnungen in weiter Ferne. Die Menschheit muss einerseits danach streben, die Emissionen von Treibhausgasen durch optimale Energieeffizienz und durch machbare Substitution von fossilen Energien zu reduzieren. Andrerseits muss die gesamte Menschheit unbedingt lernen, sich dem für sehr lange Zeit irreversiblen Klimawandel anzupassen. Die Anpassung an den Klimawandel ist nicht nur ein Versuch. Es handelt sich um ein Muss. Anpassung heisst, die potentiell negativen Folgen durch möglichst intelligente, preiswerte und leicht durchführbare Maßnahmen weitestgehend abzuschwächen und die potentiell positiven Folgen durch ebensolche Maßnahmen weitestgehend zu verstärken. Für die Schweiz haben folgende Anpassungs-Massnahmen Priorität: Prävention, Schutzmassnahmen, Geländeverstärkung (siehe Gemeinde Bondo GR) und ganz besonders die sofortige dezentralisierte Erstellung von Wasserreserven durch neue Stauseen, neue Wasserbecken, Auffinden von neuen Wasserquellen und Vernetzung der Trinkwasseranlagen. Die Politik und die Wirtschaft müssen den Mut haben, mit Taten zu beginnen, heute und nicht erst morgen.

Es wäre jedoch eine große Selbsttäuschung, durch hohe Steuern (siehe neue CO2-Steuer) und Abgaben den Klimawandel kurzfristig stoppen oder sogar invertieren zu können. Eine solche Strategie würde uns nur ärmer machen. Selbst wenn wir Schweizer ab heute die Treibhausgas-Emissionen auf null reduzieren würden, wäre lokal und weltweit kein Einfluss messbar. Wir müssen leider mit Realismus hinnehmen, dass praktisch alle unsere Gletscher bis Ende 2100 verschwinden werden. Dies kann auch eine “Gletscher-Initiative” nicht verändern oder verhindern. Deshalb bleibt die Priorität bei der sofortigen Anpassung. Klimaleugner, Ideologen und Weltuntergangspropheten sind alle fehl am Platz. Es braucht vor allem Wissen, Forschung, Information, Verantwortung und Realismus. Absolut keine Panik, sondern Solidarität, landesintern und weltweit! Die Klimawissenschaft ist äusserst komplex. Es handelt sich um eine strenge Wissenschaft und nicht um eine Ideologie. Hier kann sich nicht jeder als Spezialist und Besserwisser ausweisen. Die Kompetenz setzt jahrzehntelanges Studium, Forschung und Messung voraus. Die Formel “Es war immer so!” gilt heute nicht mehr. Sie ist irreführend, unverantwortlich und gefährlich. Es war nicht immer so wie heute. Die Frequenz von extremen Ereignissen (Dürren, lange Trockenzeiten, Wirbelstürme, Hurrikane, Ueberschwemmungen, Gletscherschwund, usw.) hat seit 20 Jahren messbar und somit beweisbar zugenommen. Ich setze den Akzent auf das Wort Frequenz. Die Abfolge solcher Ereignisse wird sehr deutlich, eigentlich für jedermann erkennbar, immer rascher.

Der sparsame, intelligente und verantwortliche Umgang mit Trinkwasser muss zur Selbstverständlichkeit werden. Das gilt für den einzelnen Bürger sowie für die gesamte Wirtschaft. Auch der Einsatz von Trinkwasser muss ernsthaft hinterfragt werden (Trinkwasser zum Autowaschen??? usw.). Die Landwirtschaft verdient in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit. Die Landwirte, ihre Tiere, ihre Böden, ihre Wiesen, ihre Kulturen und ihre Alpen litten unglaublich unter der Dürre des Sommers 2018. Die Bauern sind weder Klimaleugner noch Ignoranten. Sie kämpfen jedoch mit Recht gegen unsinnige und unerträgliche Steuern und Abgaben.

Inwieweit eine zu drastische und zu rasche Reduktion des Energieverbrauchs und der Emissionen mit dem Erhalt unserer Lebensqualität vereinbar ist, wird die nähere Zukunft zeigen. Ich persönlich zweifle an zu hoch gesteckten und irrealistischen Zielen. Eine würdige Lebensqualität setzt wie schon gesagt Energie voraus. Wer will ins Mittelalter zurück kehren? Ein extremer schweizerischer Alleingang (siehe z.B. die Petition der Klima-Allianz Schweiz) in der Energie- und Klimapolitik wäre ein unverantwortliches Eigentor. Ein schweizerischer Alleingang wird weder unser noch das Weltklima verbessern. Er würde uns nur unglaublich viel kosten. Das heisst absolut nicht, dass wir passiv bleiben sollen. Herr und Frau Schweizer müssen Eigenverantwortung übernehmen im gesamten Energie- und Umweltbereich, ohne Fanatismus, aber mit Realismus und nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit. Und die Nachhaltigkeit (ökonomisch, ökologisch, sozial) darf den Aspekt der Oekonomie nie ausser Acht lassen. In diesem Sinne ist auch ein Uebergang von einem Energiesystem mit fossilen Energien in ein Energiesystem mit ausschliesslich erneuerbaren Energien ökonomisch nicht zu unterschätzen. Das wird kein Spaziergang sein. Hierzu braucht es viel Zeit und Geld.

Definition: die Einheit ppm steht für “parts per million”.

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