Eine verkehrte Welt

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Eros N. Mellini

Editorial

«Es ging uns besser, als es uns schlechter ging» – dies ist eine nostalgische Note über die «guten alten Zeiten», als «man noch jung war…». Nun ja, ich glaube, dass die schönen Erinnerungen vieler Leute meines Alters an vergangene Zeiten damit zusammenhängen, dass man es bedauert, nicht mehr jung zu sein: In jener Jugendzeit, in welcher man körperlich topfit war, geistig offen für alles und allzu bereit für Neues, mit einer zu gestaltenden Zukunft vor Augen. Die Vorzüge dieser Zeiten werden nur minimal kompensiert durch die Bewusstheit mittels eigener Erfahrung – oder vielleicht einer vermeintlichen Weisheit – die man sich im Verlauf seines Lebens mittels Lebensprüfungen, Erlebnissen und auch schmerzhaften Erfahrungen mit der harten Realität angeeignet hat.

Aber es geht nicht nur um pathetische Nostalgie über wohl weitaus gedankenlosere Zeiten. Die Zeit hält nicht an, darüber bin ich mir bewusst, aber auch wir Senioren sind dem Fortschritt nicht abgeneigt, wenn es sich denn wirklich um Fortschritt handelt. Meine Mutter erzählte mir, dass in Palagnedra – damals war’s noch eine eigenständige Gemeinde, heute ist’s eine Fraktion der Gemeinde Centovalli – als man anfangs Jahrhundert die Elektrizitätszufuhr einrichtete und die ersten Glühbirnen anzündete, die einheimische Bevölkerung protestierend auf die Strasse ging, um die «Lùs du diàvol» (das Licht des Teufels) zu verdammen. Aber man gewöhnte sich recht rasch daran – wahrscheinlich dank der Überzeugungskraft des Bürgermeisters und des Pfarrers – und als ich in den 50er Jahren, als ich dort bei meinem Grossvater meine Schulferien verbrachte, erinnerte sich überhaupt niemand mehr an die damalige irrationale Reaktion, und die besser gestellten Familien begannen damit, auch das Telefon einzurichten.

Ach ja, das Telefon. Zu «meinen Zeiten» gab es nur die Festnetzanschlüsse, die Telefonnummern waren vierstellig, und um eine interurbane Verbindung herzustellen musste man das bei der Telefonzentrale voraus bestellen, dann geduldig 20-30 Minuten warten, bis die Verbindungsbeamtin zurückrief. Niemand hätte sich damals vorstellen können, dass man die Telefonapparate 30 oder 40 Jahre später im Taschenformat erhalten würde, mit der Möglichkeit von Videoanrufen, um damit auch zu fotografieren oder um all die neuen Apps zu nutzen, welche die moderne Technologie uns heute ermöglicht hat.

Auch wir haben uns mittlerweile, zeitweise mühsam, an diese neue Technologie gewöhnt, und heutzutage käme ich als 75jähriger ohne mein Smartphone mit all seinen App’s, des Computers (fürs Schreiben und Rechnen oder fürs Navigieren im Internet) nicht mehr aus, ebenso wenig ohne das GPS-System im Auto, dank dem ich meinen Fahrweg ohne Konsultation von Strassenkarten finde, oder dank anderer Hilfsmittel, welche mir der Fortschritt zur Verfügung stellt.

Warum also diese Nostalgie?

Es ist, wie gesagt, nicht nur wegen nostalgischer Rückbesinnung auf die vergangenen nichtwiederkehrenden Jugendjahre. Nein, es ist einfach so, dass uns zwar der technische Fortschritt das Leben bedeutend bequemer gemacht hat, dass er aber einher ging mit einer direkt proportionalen Rückentwicklung in Sachen Sitten und Gebräuchen, der Ethik, der Werte und moralischen Grundsätze. Ich bin weiss Gott nicht der Meinung, dass seinerzeit sämtliche Leute heilig, ehrlich und moralisch einwandfrei waren. Wer allerdings damals seine Pflichten missachtete, tat dies jedoch bewusst und nahm die Folgen daraus in Kauf, ohne zu fordern, dass man die Regeln nach seinen eigenen Vorstellungen verändere. Im Gegensatz zu früher tendiert man seit einigen Jahrzehnten dazu, einst stigmatisierte Verhaltensweisen zu legitimieren, dies im Namen einer besonderen – aber nicht unbedingt korrekten – Interpretation des Freiheitsbegriffs.

Es handelt sich meines Erachtens um eine Reaktion auf die jahrhundertalte Unterdrückung der Frauen, der ethnischen Minderheiten oder der Rassendiskriminierung – um eine alles in allem gerechtfertigte Reaktion, die aber, wie fast alle Reaktionen, schliesslich das Gleichheitsprinzip überschiesst und in einer gegenteiligen Diskriminierung endet. Die weisse Rasse habe die Dunkelhäutigen während Jahrhunderten unterdrückt? Mag sein, aber nun genügt es nicht mehr, dass hier Rechtsgleichheit hergestellt wurde, nun sollen die Weissen unterdrückt werden. Dasselbe gilt für die Frauenfrage. Da ich männlich und ein Weisshäutiger bin, ist es wohl verständlich, dass diese Entwicklung mir nicht sonderlich behagt.

Eine weitere Absurdität ist die «Woke Culture»

Das jüngst aufgetretene Phänomen dieser Mentalität, oder besser gesagt dieses «moralischen Neo-Revanchismus» bildet die so genannte «Woke Culture» (Aufwach-Kultur).

Gemäss Wikipedia bedeutet das aus dem Englischen stammende Wort «woke» einfach «wach»; dann erweiterte man die Wortbedeutung auf «wachsam sein», «aufmerksam werden», und das auf angebliche soziale oder rassistische Ungerechtigkeiten. Diese neuerliche Begriffsumdeutung wurde im Jahre 2017 in die englischen Wörterbücher aufgenommen, dies aufgrund der US-amerikanischen Aktivistenbewegung «Black Lives Matter».

Das alles wäre kein so grosses Problem, wenn diese Bewegungen sich nicht aus unerfindlichen Gründen weltweit rasant ausgebreitet hätten. Sie erreichten eine Anhängerschaft, die anzahlmässig kaum unter jener der beiden meistverbreiteten monotheistischen Religionen liegt, und wurde somit zu einer bedeutenden Konsumentenmasse für die Weltwirtschaft. Die Wirtschaft wiederum reagierte nicht mit einem weitaus vernünftigeren «Leck mir am Arsch…», sondern beschloss, alle Produkte vom Markt zu nehmen, die irgendwelche Empfindlichkeiten von Minderheiten hervorrufen könnten. Empfindlichkeiten, die diesen Bewegungen nie und nimmer in den Sinn gekommen wären, wenn es denn nicht Interessenvertreter gegeben hätte, die ihnen diese eingeredet haben.

So war es im Fall der Mohrenköpfe (diesem köstlichen Gebäck aus dunkler Schokolade mit weisser Eiweissfüllung, die wir im Tessin einst «moretti» nannten): Sie mussten aus den Regalen der Verkaufsläden entfernt oder dann unter einer anderen Benennung angeboten werden. Oder dann im Fall der Bücher von Karl May wie «Winnetou», die Jahrzehnte lang weltweit Generationen von Kindern begeistert haben, und deren Neuauflagen dann vom Herausgeber vom Markt zurück gezogen wurden mit der Begründung, dass sie «das gängige Cliché der amerikanischen Indianer» banalisierten. Zudem musste ein Konzert abgesagt werden, weil weisshäutige Musiker eine «Rasta»-Frisur trugen, ohne selber jamaikanischer Herkunft zu sein.

Den Gipfel der Absurdität hat allerdings die RAF (die «Royal Air Force», Grossbritanniens Luftwaffe) erreicht, die in einer internen Weisung ihren Kadern vorschrieb, keine weissen Männer mehr zulasten von Frauen und ethnischen Minoritäten anzustellen.

Wir erleben absurdeste Zeiten und leben in einer «verkehrten Welt». Wie soll man da nicht nostalgisch auf vergangene Zeiten zurückblicken, in denen man auch ohne Smartphones gut lebte?

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