Die neuerlichen Bilderstürmer

Lug 24 • Deutsche Seite, L'opinione, Prima Pagina • 9 Views • Commenti disabilitati su Die neuerlichen Bilderstürmer

Eros N. Mellini

Editorial

Da ich die Volksbewegungen, die zehn-, wenn nicht hunderttausende von banale Slogans und Gemeinplätze brüllende Personen auf die Strassen treiben, nicht als „spontan“ betrachte, komme ich nicht umhin zu vermuten, dass hinter diesen Manifestationen Drahtzieher stehen, welche die Leute aus Eigeninteresse oder im Interesse kleiner Interessengruppen steuern. So wie die französische Revolution die Interessen der bürgerlichen Klasse vertrat – nicht jene des Volkes, das vorher wie danach Hunger litt – werden die heutigen Volksbewegungen verdeckt manipuliert von mehr oder weniger identifizierbaren Gruppen, die herausgefunden haben, wie man die öffentliche Empörung bestmöglich instrumentalisiert, indem man die Massenhysterien schürt, die heutzutage unseren Planeten heimsuchen. Das Problem ist, dass diese hysterischen Manifestationen leider jeglicher Kontrolle entgleiten und vor allem die Politik terrorisieren, welche als Folge davon ihrerseits oft, um nicht zu sagen immer, den zur Diskussion stehenden Themen umgekehrt proportionale Bedeutung zuordnet. Von daher grassiert der Unsinn von immer neuen Steuern für ökologische Ziele, oder resultierte die Hexenjagd wegen angeblichem Rassismus, mit der Einführung des berüchtigten Artikels 261 bis in das Strafgesetzbuch, um nur zwei Beispiele zu nennen. Im ersten Fall will man den Steuerzahler zunehmend plagen, um eine Umweltsituation zu „verbessern“, die in der Schweiz weltweit die beste ist und kaum mehr Raum lässt für weitere Steigerungen. Im zweiten Fall schikaniert man unnützer weise die Bürger, die – alles andere als Rassisten zu sein – dennoch ihre Meinungen, ihre Vorbehalte oder schon nur ihre Witze über Volksgemeinschaften, mit denen sie seit Jahren friedlich zusammen leben, äussern können möchten. Oder denkt man etwa, dass es in früheren Generationen – damit wir uns verstehen: Wenn man die Süditaliener als „Terroni“ oder die Dunkelhäutigen früher als „Neger“ bezeichnete, wurde das vielleicht nicht gerade als elegant betrachtet, es war aber nicht strafbar – prozentual mehr „Rassisten“ gab als heute, auch wenn diese, abgeschreckt durch die bestehenden Sanktionsmöglichkeiten, ihre Meinung für sich behalten? Wie auch immer: Man unterstreicht die Form, das „politisch Korrekte“ und nicht die Substanz, insbesondere die Tatsache, dass zwar die angeblichen Rassisten nicht abgenommen haben, dass aber die normalen harmlosen Bürger von einen Gesetz schikaniert werden, das – wie es voraussehbar war – ausser Rand und Band geraten ist und zu Missbräuchen und willkürlichen Interpretationen Anlass gibt.

Mit dieser langen Einführung bezwecke ich jedoch, auf ein anderes Krebsgeschwür unserer Gesellschaft einzugehen – das teilweise gerade von besagter Politik herrührt, welche die Welle der Massenhysterie mitmacht, aus Angst, von dieser weggespült zu werden, statt sie im Entstehen zu bekämpfen – will heissen auf die unangebrachte Volksempörung über Episoden oder Fakten, die sich in vergangenen Zeiten oder gar längst zurückliegend zugetragen haben, ich meine damit die daraus resultierenden Platzkundgebungen, die für einen guten Teil der Teilnehmer nichts anderes sind als Vorwände, um mal „die Sau rauszulassen“ und Vandalenakte zu begehen.

Die neue Bildersturmwut

Die jüngste Manifestation dieses Volkswahnsinns äussert sich in einer Form von Bildersturm, der dazu führt, Statuen, Denkmäler und Monumente zu vandalisieren oder gar umzustürzen, die zu Ehren wichtiger historischer Persönlichkeit errichtet wurden. Von Christophorus Kolumbus bis Winston Churchill: Flegelhafte Personen, die es im Leben zu nichts gebracht haben, vandalisieren und zerstören Statuen von Persönlichkeiten, die Geschichte geschrieben haben. Und warum dies? Weil dies als damalige Zeitgenossen und vor allem als Menschen Dinge getan oder Verhaltensweisen an den Tag gelegt hätten, welche mit der heutigen Heuchelei des „politisch Korrekten“ kollidieren. Denn in ihrem rüpelhaften Wahnsinn wissen diese neuartigen Bilderstürmer nicht zu unterscheiden zwischen den von den betreffenden Personen – denen die Denkmäler gewidmet sind – erreichten Zielen und den Personen an und für sich, mit all ihren aus den jeweiligen Lebensbedingungen resultierenden Fehlern (aber auch Vorzügen). Zudem wird nicht in Betracht gezogen, dass die ihnen heute oft vorgeworfenen Delikte anno dazumal nicht strafbar waren.

Es ist überaus üblich, dass nach der Beendigung eines tyrannischen Regimes die Denkmäler des früheren Despoten niedergerissen werden. Sie wurden zu Ehren der Person als Symbol einer Tyrannei errichtet, mit der man endgültig einen Schlussstrich ziehen will. Das taten bereits die alten Ägypter vor mehr als 3000 Jahren mit Akhenaton, jenem Pharao, der – in Feindschaft mit dem gesamten Klerus und einem guten Teil der Bevölkerung – sämtliche Götter vom Sockel stiess, um einen für viele Leute unhaltbaren Monotheismus durchzusetzen. Kurz nach seinem Tode wurde alles, was zu seinen Ehren errichtet wurde, zerstört. Unter der Bezeichnung „damnatio memoriae“ war dieser Brauch auch im antiken Rom gang und gäbe; dies wurde zudem damit begründet, dass der von diesen Massnahmen Betroffene sich Delikten gegen den Staat schuldig gemacht hatte. In jüngeren Zeiten erlebten wir in Deutschland das Niederreissen von Hitlerstatuen oder in Russland jene von Stalin. Aber in all diesen Fällen war der einzige Grund für deren Errichtung die Ehrung einer Person in seiner Funktion als Staatsmann gewesen, der dann infolge politischer Motive in Ungnade fiel. Die Niederreissung war die Folge der Verdammung seines Wirkens.

Aber im Falle des Bildersturms von heute sieht man über die Tatsache hinweg, dass die Statue von Christophorus Kolumbus nicht errichtet wurde zur Ehre des Herrn Kolumbus als Erforscher oder Seefahrer oder einfach als Widersacher von Isabella von Kastilien, sondern weil er – wenn auch ohne es zu wissen – der Entdecker Amerikas war.  Wenn man ihm ein Denkmal errichtet hätte wegen des Gutheissens von Sklaventum oder der Plünderung der Goldschätze der Einheimischen – was im damaligen Zeitalter nichts Ungehöriges war – wäre die Niederreissung seiner Monumente gerechtfertigt, aber in Tat und Wahrheit müssen wir nolens volens damit leben, dass Amerika von ihm entdeckt wurde, und dass er als dessen Entdecker seinen Platz in der Geschichte mehr als verdient hat. Dies auch dann, wenn – was ich keineswegs in Zweifel stelle – er es in seinem Leben äusserst bunt betrieben hätte.

Dasselbe gilt für Winston Churchill, in dessen Fall man den Vorwurf seines angblichen „Rassismus’“ vorbringt, der übrigens nur in wenigen Worten in einigen seiner Reden erkennbar ist. Er sei insbesondere ein Unterstützer der Überlegenheit des britischen Imperiums gegenüber den Völkern seiner Kolonien gewesen. Es hätte ja noch gefehlt, wenn er dies als Premierminister einer Kolonalmacht nicht gedacht hätte. Und einmal mehr sieht man über die Tatsache hinweg, dass die zu seinen Ehren errichteten Denkmäler errichtet wurden für seine enormen und indiskutablen Verdienste, zu allererst deswegen, weil er den Angriffen von Nazideutschland nicht nachgab (wenn es England als einzigem Land Europas nicht gelungen wäre, trotz aller gegenteiligen Anzeichen erfolgreich Widerstand zu leisten, wäre es nicht zur Intervention der USA gekommen, und wir würden heute alle „hochdeutsch“ sprechen), was danach den Sieg der Alliierten ermöglichte. Dieses Verdienst würde es alleine schon rechtfertigen, jegliche seiner Mängel in den Hintergrund zu stellen.

Aber persönlich bezweifle ich, dass viele dieser neuartigen Bilderstürmer die Geschichte und das Wirken ihrer Zielpersonen studiert haben. Für sie ist geht es einzig und alleine darum, laut aufzurufen, zu vandalisieren und zu zerstören.

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