Die Mängel einer immer zentralistischeren Schule

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Eros N. Mellini

Editorial

Locarno, anfangs der 50er Jahre: Witwe geworden und mit sechs Kindern zum Grossziehen, musste meine Mutter arbeiten gehen. Nicht, dass sie das früher nicht tat, aber obschon sie meinem Vater bei der Verwaltung unseres Baugeschäfts half, hatte sie genügend Zeit für die Familie, so dass man sie als Hausfrau bezeichnen könnte. Sie fand eine Stelle als Büroangestellte – von 8 bis 12 und von 14 bis 18 Uhr – so dass sie praktisch den ganzen Tag ausser Haus war. Wenn dies meinen Brüdern und meiner Schwester, die zur Schule gingen oder eine Lehre absolvierten, nicht sonderlich viel ausmachte, stellte ich als kaum Vierjähriger ein Problem dar. Obschon ich frühreif und recht selbständig war, bereitete es meiner Mutter – auch in diesen guten alten Zeiten mit weniger Gefahren als heute (oder besser gesagt als das, was man heute als Gefahren betrachtet) – zu Recht Sorgen, mich den ganzen Tag für 5 ½ Tage pro Woche (damals arbeitete man am Samstagvormittag noch) zu Hause alleine zu lassen, so dass sie mich in den Kindergarten schickte. Oder besser gesagt, sie versuchte es: Denn ich wurde hinterrücks von einem halbstarken Kollegen niedergestreckt, landete im Sand und entkam ihm nur, weil ich durch die Stäbe eines Gittertors flüchten konnte (das hält heute, wenn man mich sieht, kaum mehr jemand für glaubwürdig, aber damals war ich wirklich superdünn) und dann nach Hause zurück kehrte. Unser Haus war weniger als ein Kilometer vom Kindergarten entfernt, aber ob diesem Vorfall gerieten nicht so sehr meine Mutter, die davon nichts wusste, sondern vielmehr die zuständigen Kindergärtnerinnen für einige Stunden in Panik. Das war meine einzige Erfahrung mit dem Vorschulunterricht, denn auf sämtliche Überzeugungsversuche, es nochmals zu wagen, reagierte ich mit einer Nervenkrise (ich weiss nicht mehr so genau, ob diese echt oder vorgespielt war, jedenfalls wirkte sie), so dass man es schliesslich aufgab.

Warum diese Vorbemerkung? Vor allem um zu unterstreichen, dass damals der Kindergarten nicht obligatorisch war und dass die damaligen Mütter nicht fortlaufend staatliche Hilfe anforderten, um weitaus problematischere Situationen zu meistern als jene eines Teils der heutigen Mütter.

Obligatorischer Vor-Kindergarten ?

Mit dem HarmoS-Konkordat, dem das Tessin 2009 beitrat, wurde der Vorschulunterricht für Kinder von 4-6 Jahren (das, was man früher als Kindergarten bezeichnete) obligatorisch erklärt. Das bedeutet, dass der Staat jenen Familien, die es wollten und leisten konnten, die Erziehungshoheit über ihre Kinder in einem Alterssegment entzog, für welches man mir beweisen soll, dass die dauernde tägliche Anwesenheit zumindest eines Elternteils nicht wichtig sei.

Aber diese unheilvolle Tendenz scheint unaufhaltsam. Denn jüngst hat eine Warnung der Thurgauer SVP-Nationalrätin Verena Herzog vor einem Obligatorium für den Vor- Kindergartenbesuch (i.d.R. bis zum vierten Altersjahr) einiges Aufsehen erregt bzw. wurde perfekt instrumentalisiert. Die Sorge der Nationalrätin – sie ist Mutter dreier Kinder – ist gemäss ihrer dem „Blick“ abgegebenen Erklärung dadurch begründet, dass „in Bundesbern gegenwärtig Anstrengungen unternommen werden, um die frühkindliche Betreuung für Kinder bis zu 4 Jahren massiv auszubauen. In der zuständigen Kommission für Wissenschaft, Erziehung und Kultur war niemand in der Lage, mir zu sagen, was mit jenen Eltern geschehen werde, die an diesen Programmen nicht teilnehmen wollen“. Das ist eine intelligente und legitime Stellungnahme – wenngleich sofort instrumentalisiert, um eine angeblich mangelnde Sensibilität der Partei für soziale Probleme zu konstruieren – denn auch wenn die Vor-Kindergartenbetreuung unverzichtbar ist für arbeitende Eltern, muss es jenen Familien, die es sich leisten können, gestattet bleiben, ihre Kinder in dieser heiklen Altersphase zuhause erziehen zu dürfen. Und zu Recht streicht Verena Herzog heraus: „Auch die Vorschule war anfänglich fakultativ und ist dann obligatorisch erklärt worden“.

Die zentralisierende Tendenz der Schule

Beginnend vom verderblichen und nie hinreichend verdammten `68, hat die Schule eine immer staatlichere Wendung genommen, und damit hat sie in die neuen Generationen (man darf nicht vergessen, dass den damals patentierten Lehrern zwischenzeitlich zwei weitere Generationen von Lehrern erwachsen sind, die das System konsolidiert haben) die Orwell’sche Vorstellung eingeimpft, dass der Staat sich mehr und mehr in das Familienleben seiner Bürger einmischen und so weit wie möglich die Erziehung der Kinder an sich reissen müsse. Während es einst Aufgabe der Schule war, die Kinder auszubilden, und es vorweg die Aufgabe der Familien war, sie zu erziehen, hat sich erstere im Verlaufe der Jahre willkürlich immer mehr Erziehungsaufgaben angeeignet und oft dafür sogar ihre Ausbildungsaufgabe vernachlässigt. Und so gibt es – vor allem bei der scuola media – punkto Ausbildungsniveau empfindliche Mängel (um nicht von einer abgrundtiefen Ignoranz zu sprechen), während man die Jungen (mit Unterstützung ihrer Lehrer) beim Streiken für ideologische und ausgewiesen politische Zwecke antrifft, dies nicht per Zufall für Begehrlichkeiten der Linken, welcher die meisten post-68er Lehrer angehören.

Und die Eltern ?

Den immer weniger zur Verantwortung gezogenen Eltern (manchmal sind sie gar darüber froh) verbleibt einzig die Aufgabe, zu arbeiten um die Familie zu erhalten (und manchmal nicht mehr einmal das, wenn sie klug genug sind, sämtliche Register zu ziehen für eine maximale Sozialhilfe), die von der ideologisierten Schule angestifteten Aktionen der Jungen zu unterstützen, und vor allem ihr RECHT, gegen die mangelnde Erziehung der Kinder (natürlich stets der Kinder der anderen) zu protestieren.

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