Das jugendliche Unbehagen: Auf jeden Topf passt ein Deckel

Feb 11 • Deutsche Seite, L'editoriale, Prima Pagina • 109 Views • Commenti disabilitati su Das jugendliche Unbehagen: Auf jeden Topf passt ein Deckel

Eros N. Mellini

Man erkläre mir mal: Ich fühle mich unwohl, und deshalb treibe ich es bunt, und die Schuld daran trägt Ihr. Dies ist schlicht ausgedrückt die gegenwärtige Haltung gegenüber einer immer schlimmer werdenden Jugendkriminalität und einer fast alltäglich gewordenen, oft aus belanglosen Gründen mit Waffeneinsatz verübten Gewalt. Zwei Jugendliche streiten sich ausserhalb der Schule, einer von ihnen (oder auch beide) ziehen ein Messer, und irgend jemand endet mit mehr oder wenig schlimmen Verletzungen im Spital. Die natürliche Reaktion eines jeden vernünftig Denkenden wäre es, eine rigorose Bestrafung des oder der Schuldigen zu fordern, die gleichzeitig als Abschreckung dafür diente, dass sich solches nicht wiederhole. Aber in unserer Welt der von Schuldgefühlen geplagten Selbstverstümmler gibt es stets Leute, welche die Gründe für die Straftaten auf das «jugendliche Unbehagen» der Täter zurück führen und somit aus den Kriminellen so quasi Opfer unserer Gesellschaft machen. Bevor man über sie urteile, müsse man nach ihrer Meinung den Gründen für dieses Unbehagen nachgehen.

Die Gründe für dieses Unbehagen werden, nicht ganz zufälligerweise, stets der Gesellschaft angelastet. Denn unsere Gesellschaft lasse es nicht zu, dass eine Handvoll Radaubrüder bis in die Morgenstunden auf unseren Strassen herumtollen, Vandalenakte verüben, Alkohol und Drogen konsumieren und verkaufen können oder Ähnliches tun. Somit sei es (gottseidank nur für einige Leute, denn die Mehrheit mit gesundem Menschenverstand denkt anders) gerechtfertigt, dass diese Straftaten dennoch begangen werden, auch wenn sie widerrechtlich sind. Oder anders gesagt: Illegales Tun wird legalisiert und die Täter als gesetzestreu deklariert.

Ich weiss nicht, was Sie darüber denken mögen. Ich jedenfalls – Jahrgang 1947 und nicht geistig getrübt von den Jugendunruhen der 68er Jahre – empfinde hinsichtlich dieser verkehrten Welt ein Gefühl von «senilem Unbehagen». Doch machen Sie sich keine Sorgen: Ich werde nicht den Restbestand des «Macello» (einstiger Jugendtreffpunkt) besetzen und nicht randallierend auf die Strasse gehen – davor behüten mich die Beschwerden und die «Weisheit» meines Alters (die Anführungszeichen drängen sich auf), inklusive einer angeborenen Faulheit und dem Bewusstsein, dass solches Tun völlig unnütz wäre. Dessen ungeachtet würde auch ich gerne dem einen oder anderen einen Hieb auf den Hintern geben, würde gerne auf die Zahlung meiner Miete verzichten, und grundsätzlich kann ich mich ja fragen, warum ich die Einkäufe in den Supermärkten bezahlen und nicht einfach stehlen soll. Für all dieses Tun wäre natürlich die Gesellschaft schuld, weil man mir keine Gratisunterkunft besorgt und mich zwingt, meine Einkäufe zu bezahlen, und mir dadurch «Unbehagen bereitet».

Doch abstrahieren wir mal vom (nicht mal sonderlich an den Haaren herbeigezogenen) Scherzhaften: Das Problem ist, dass die Erziehung der Kinder in den Familien flöten gegangen ist. Zu meinen Zeiten – entschuldigen Sie bitte diesen Hinweis – wurde auch den widerspenstigsten Kindern die Einhaltung der Gesetze und die Achtung der Eltern und Vorgesetzten und der Behörden eingeimpft, wenn nötig auch mittels der einen oder anderen Ohrfeige, deren Sinn wir oft erst als Erwachsene als heilsam nützlich empfunden haben. Die Schule diente fast ausschliesslich Ausbildungszwecken und war hinsichtlich der familiären Erziehung subsidiär. Wenn der Lehrer dir eine Ohrfeige verabreichte, schwiegst du darüber zuhause, denn du musstest damit rechnen, dass die Eltern dir aus Solidarität mit dem Lehrer eine weitere Ohrfeige verabreichen würden. War das falsch? Sicher nicht, jedenfalls solange man dich nicht völlig weichklopfte. Aber wie man in Rom zu sagen pflegt «quando ce vò, ce vò» (wenn’s nötig ist, muss es halt sein), und der moderate Einsatz leichter Körperstrafen scheint mir bei den Kindern keinerlei Traumata verursacht zu haben.

Aber dann kam es zur 68er-Bewegung mit ihrer Forderung, dass man jederlei Widerspenstigkeiten der Jungen liberalisieren müsse, dies in der meines Erachtens willkürlich verbreiteten Überzeugung, dass die Einzäunung der Jungen in die Zwänge des Respekts des gemeinsamen Zusammenlebens bei ihnen irgendwelche irreparable negative psychologische Schäden für deren Heranwachsen verursachen würde. Das war natürlich alles völliger Mist, denn solange man den Jungen diese Ideen nicht gehirnwaschmässig einimpfte, dachten sie nicht mal im Traume an solches. Aber die Gelegenheit war damals allzu günstig, um nicht davon zu profitieren. Seither gibt es Lehrer, die ihren Schülern das «Du» anbieten, Eltern, die für die schulische Ausbildung ihrer Kinder (auch wenn sie klar zurückgeblieben sind) absolute Freipässe fordern – ganz nach dem heutzutage ach so modernen Motto: Inklusion. Das alles wird sekundiert von der Forderung nach Freizeit im wortwörtlichen Sinne, d.h. «frei» zu sein für jedwelchen Unfug unter Missachtung der Pflichten für ein ziviles Leben.

Und leider sind all jene, die in den 68er Jahren Lehrer oder Schüler waren, bisweilen Eltern geworden von anderen Lehrern und Schülern, und wir nunmehr der dritten oder vierten Generation von Leuten ausgesetzt sind, die von dieser modernen Erbsünde, die sich leider wie ein Tumor metastatisch ausgebreitet hat. Was, wie ich befürchte, das Phänomen des «jugendlichen Unbehagens» als irreversibel erscheinen lässt.

Ich will hier keineswegs in Abrede stellen, dass es einer Politik bedarf, welche auf die Bedürfnisse der Jugend eingeht, die rund einen Viertel der Bevölkerung ausmacht, und ich glaube, dass das Tessin diesbezüglich besonders aktiv ist. Was mich hingegen stört ist der Grossmut, mit welchem gewisse Leute kriminelle Verhaltenweisen verniedlichen und wenn nicht sogar rechtfertigen möchten, indem sie diese einer legitimen jugendlichen Abneigung gegen Autorität zuordnen. Dies lehne ich aus zwei guten Gründen ab: Erstens weil die «legalen» jugendlichen Tätigkeiten mit entsprechend ihnen grosszügig zur Verfügung gestellten Räumen reichlich sind, soweit diese Tätigkeiten sich im gesetzlichen Rahmen bewegen. Zweitens: Solange aus dem Kreis dieses «jugendlichen Unbehagens» schon nur ein einziger rechtschaffener Jugendlicher hervorgeht – und glücklicherweise ist dies noch für viele der Fall – bin ich nicht dazu bereit, Rechtfertigungen für schlichtweg kriminelles Verhalten gutzuheissen.

 

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