Christoph Blocher am Albisgüetli

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Am vergangenen 19 Januar 2018 fand das 30. SVP-Meeting der SVP Kanton Zürich statt. Wir drucken nachfolgend den ersten Teil der Rede von Christoph Blocher ab. Die Fortsetzung publizieren wir in den nächsten zwei Ausgaben von “Il Paese“

I. Prolog

«Ja, du bist frei, mein Volk, von Eisenketten,
Frei von der Hörigkeiten alter Schande;
Kein Hochgeborner schmiedet dir die Bande,
Und wie du liegen willst, darfst du dir betten!

Doch nicht kann dies dich vor der Herrschaft retten,
Die ohne Grenzen schleicht von Land zu Lande;
Ein grimmer Wolf in weichem Lammsgewande,
Schafft sie zum Lehn sich all’ bewohnte Stätten.

Wenn du nicht völlig magst den Geist entbinden
Von ihres Dunstes tödlicher Umhüllung,
Nicht tapfer um der Seele Freiheit ringen:

So wird der Feind stets offne Tore finden,
All Deinem Werke rauben die Erfüllung,
Und jede Knechtschaft endlich wiederbringen!»1

So preist der grosse Zürcher Dichter Gottfried Keller des Schweizers Freiheit und Mündigkeit. Doch über dem Gedicht steht als Titel ein einziges Wort. Dieses Wort heisst: «Warnung».

Man schrieb 1846 – es war also kurz vor Inkrafttreten der Bundesverfassung von 1848. Keller wusste, dass auch bei uns vor nicht langer Zeit noch Herrscher nur aufgrund ihrer Geburt über ihre Untertanen geherrscht hatten. Städtische Landvögte residierten in den Schlössern auf der Zürcher Landschaft. Bei Volksversammlungen und Aufständen für die demokratische Freiheit schritt die Obrigkeit brutal ein – mit Ketten- und Prügelstrafen, Pranger, sogar Enthauptung durch den Scharfrichter. Die Zürcher Landschaft kann ein Lied davon singen. Doch die Landbevölkerung im Kanton Zürich liess sich dies nicht gefallen und begehrte auf.

Am denkwürdigen Ustertag von 1830 trat sie gegen die Obrigkeit an und forderte mehr Freiheit und Demokratie. Und siehe da: Bereits 1831 erhielt Zürich als erster Kanton eine freiheitliche, demokratischere Verfassung.

Gegen die Gegner einer neuen freiheitlichen Bundesverfassung wurden sogar bewaffnete Freischarenzüge organisiert. Auch Gottfried Keller marschierte mit. (Allerdings soll er nicht weit gekommen sein: Schon in den ersten Kneipen des Säuliamtes kehrte er ein und blieb hocken. Als er nach Zürich zurückgetorkelt war, soll er einen Polizisten gefragt haben, wo Gottfried Keller wohne. Dieser antwortete verblüfft: «Aber das sind Sie ja selber!» Worauf der Dichter ihn anschrie: «Das weiss ich denk schon, dass ich der Keller bin. Ich habe sie gefragt, wo der Keller wohnt!») Unter dem Druck des Volkes gab sich schliesslich auch der junge Bundesstaat 1848 eine freiheitlich-demokratische Verfassung. Die Knechtschaft war überwunden, wie Gottfried Keller jubelte:

«Ja, du bist frei, mein Volk, von Eisenketten,
Frei von der Hörigkeiten alter Schande;
Kein Hochgeborner schmiedet dir die Bande,
Und wie du liegen willst, darfst du dir betten!»

Aber Gottfried Keller kennt die Menschen und das Leben. Er kennt die Regierenden, die Macht und die Bosheit der Menschen. Darum folgt dem Jubel gleich die Sorge und die Warnung: Passt auf, freie Schweizer! Sonst nimmt man Euch die Freiheit.

«Doch nicht kann dies dich vor der Herrschaft retten,
Die ohne Grenzen schleicht von Land zu Lande;
Ein grimmer Wolf in weichem Lammsgewande,
Schafft sie zum Lehn sich all’ bewohnte Stätten.»

Achtung! «Darum, freie Schweizer, betet…» Unsere Freiheit ist stets und überall gefährdet. Zu allen Zeiten! «Es kann der Frömmste nicht im Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt!» Diese Weisheit hat schon Friedrich Schiller in seinem «Wilhelm Tell» verewigt.2 Jede Generation muss erneut um die Freiheit kämpfen, warnt Keller.

Schon damals, im 19. Jahrhundert, wollten die europäischen Mächte nicht zulassen, dass sich die Schweiz eine freiheitliche Bundesverfassung gab. Forderung und Erpressungen kannten auch damals keine Landesgrenzen.

Gottfried Keller schildert den Angriff auf die freiheitsliebende Schweiz fast liebevoll: Der Wolf verstecke sich in «weichem Lammsgewande». Und spricht wohl mit verstellter, geradezu lieblicher Stimme, die wir auch aktuell kennen:
• «Ihr lieben Schweizer Freunde, es ist doch nur zu eurem Besten, wenn wir – wir Europäischen Grossmächte – euch sagen, was ihr zu tun habt. Unsere Macht bringt euch doch nur das Gute!» So tönte es damals. So tönt es auch heute.

• «Ihr lieben Schweizer, es ist doch am einfachsten, wenn ihr euch für Europa entscheidet. Wir gehören doch zusammen, sind für den europäischen Frieden, die Wohlfahrt und Gleichheit. Dazugehören ist allein in eurem Interesse.» So säuselten sie zu alten Zeiten, so säuseln sie heute und werden es auch in Zukunft tun.

• «Seht, liebe Freunde, wenn ihr freiwillig auf eure Freiheitsrechte verzichtet, habt ihr es weniger mühsam.» – «Wir sitzen so traulich beisammen und haben einander so lieb.» Wir wollen doch nur Gutes. Unterschreibt jetzt doch den Rahmenvertrag. Wir wollen ihn Freundschaftsvertrag nennen!»

Dann aber tönt es wie von einem gütigen, aber gestrengen Vater: «Aber Freundschaft, liebe Schweizer, verlangt auch Unterordnung. Und wer sich nicht unterordnet, muss die Konsequenzen tragen. Dann gibt es Ausgleichsmassnahmen. Und das könnt ihr ja nicht im Ernst wollen.»

Das wusste auch Gottfried Keller. Darum warnt er:

1 Gottfried Keller: Gedichte, Heidelberg: Akademische Verlagshandlung von C. F. Winter, 1846, p. 89
2 Friedrich Schiller: Wilhelm Tell, Schauspiel, 1. Aufl., Tübingen, J. G. Cotta, 1804.

Wenn du, Schweizer Volk, dich einlullen lässt, den süssen Tönen und Schmeicheleien nicht widerstehen kannst und dich nicht mutig und tapfer für deine Freiheit wehrst, wenn du die «tödliche Umhüllung» der grenzenlosen, dich umstrickenden Herrschaft nicht durchschaust: ja, dann passiert das, was Gottfried Keller ungeschminkt auf den Tisch legt:

Als der Dichter dieses Sonett schrieb, litt er noch oft an Hunger. Tausende von Toten wegen Missernten hatte die Schweiz 1847 noch zu beklagen. Trotz allen Schalmeien für eine Öffnung hat unser Land damals den mühsamen Weg des Sonderfalls, den Weg der Freiheit und der Demokratie gewählt.

Und siehe da: Die freiheitliche Bundesverfassung von 1848 entfaltete ihre segensreiche Wirkung im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte. Sie förderte nichts direkt, sie spendet den Bürgern nichts, sie verteilte keine Geschenke. Aber sie garantierte die Unabhängigkeit der Schweiz, die demokratischen und wirtschaftlichen Volksrechte, eine konsequente bewaffnete Neutralität und die weltoffene Marktwirtschaft. Das, meine Damen und Herren, ist die Grundlage der schweizerischen Freiheit und Wohlfahrt – nicht das Geschwätz über Globalisierung und bilaterale Verträglein.

Meine Damen und Herren, es kommt mir vor, als sei Gottfried Keller unser Zeitgenosse. Doch im 19. Jahrhundert war sein Weisheit, sein Weitblick und sein Einstehen für die “Freiheitsrechte” der Bürger eine willkommene und begeisternde Botschaft. Heute würde Gottfried Keller samt seiner Botschaft verteufelt. Zumindest wäre er in Bundesbern und in den Mainstream-Medien ein recht einsamer Rufer in der Wüste. Er würde sicher als Populist verschrien.

Wir von der SVP wissen: Zur Grossartigkeit der Schweiz gehört, dass sie bis heute die Kraft, die Weisheit und den Willen hatte, die Unabhängigkeit, die direkte Demokratie und die dauernd bewaffnete Neutralität zu verteidigen. Sie ist weder auf die Lockrufe noch auf Drohungen und Erpressungen von Grossmächten hereingefallen.

• So auch 1848 – also zwei Jahre nach Kellers Gedicht – als die Eidgenossenschaft den Mut hatte, gegen den Willen der umliegenden Staaten aus einem lockeren Staatenbund einen freiheitlich-demokratischen Bundesstaat zu schaffen. Alle umliegenden Länder – es waren allesamt Monarchien – drohten und erpressten die Schweiz, damit diese kein Sonderfall der Freiheit werde. Die Franzosen drohten mit dem Einmarsch von Divisionen, die sie an der Grenze bereitgestellt hatten. Doch der Schöpfer der Bundesverfassung, der damalige Tagsatzungspräsident und spätere Berner Bundesrat Ulrich Ochsenbein, reagierte mit diesen Worten: «Sollte das Unwahrscheinliche, eine fremde Einmischung in die inneren Angelegenheit der Eidgenossenschaft, versucht werden, so soll die Welt wissen, dass die Schweiz, stark durch ihr gutes Recht, gross durch die überall hin verzweigten Sympathien aller freien und nach Freiheit ringenden Völker, die letzte Kraft und das letzte Herzblut aufzuopfern wissen wird.»3

Mit andern Worten: Ihr könnt schon versuchen, uns gewaltsam zu zwingen, das von euch Verlangte zu tun. Aber dann werdet ihr durch eure eigenen Völker von euren Thronen gestossen!

Fortsetzung in der nächsten Ausgabe

3 Rolf Holenstein: Ochsenbein, Erfinder der modernen Schweiz, Basel 2009, S. 235.

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