Beunruhigende Analogien

Lug 8 • Deutsche Seite, L'editoriale, Prima Pagina • 113 Views • Commenti disabilitati su Beunruhigende Analogien

Eros N. Mellini

Editorial

Hat Russland die Ukraine angegriffen? Ja, das ist unbestreitbar der Fall.  Hat Russland nach Beendigung des laufenden Konflikts weitere expansionistischen Gelüste? Möglicherweise ja, möglicherweise nein, aber eine Analogie mit der Politik von Hitler im Jahre 1939 ist leider gerechtfertigt und alarmierend. Aber was unterscheidet die heutige Schweiz von jener Ende der 30er Jahre derart, dass sie auf ihre Neutralität verzichtet, um auf gefährliche, unverantwortliche, dumme… Weise (an Adverbien fehlt es nicht) zugunsten einer der beiden kriegführenden Parteien Position zu beziehen? Absolut nichts, wenn es denn nicht eine Classe Politique gäbe, die jede Fähigkeit und Durchschlagskraft verloren hat und nichts anderes zu tun weiss, als Schritt für Schritt die Diktate des so genannten «westlichen Blocks» (d.h. der Supermacht USA und ihrer europäischen Filiale, der EU) zu befolgen. Von autonomen schweizerischen politischen Überlegungen ist in Bundesbern keine Spur mehr vorhanden. Die Linke folgt unkritisch dem gegenwärtigen globalisierten «Mainstream» – oder besser gesagt dem verwestlichten, denn im Osten scheint er nicht viel Bedeutung zu haben – der ökologischen und klimatischen Ausrichtung, um damit einen Planeten zu retten, der sich über viele Milliarden von Jahren stets selber zu helfen wusste; d.h. er hat stets wiederkehrende Naturkatastrophen überstanden, ohne absurde Schuldgefühle dafür zu empfinden, sie verursacht zu haben. Die wirtschaftliche Rechte unterwirft sich in den letzten Jahren ebenso einem Diktat einer Weltwirtschaft auf der fortdauernden Suche nach einem heuchlerischen Image von Reinheit und Unschuld, das nicht zu ihr passt und von niemandem eingefordert wird, ausser von der politischen Gegenseite mit dem Zweck, die politische Rechte zu schwächen und bei der Wählerschaft zu diskreditieren. Eine – wie gesagt äusserst heuchlerisch – aufgezwungene Katarsis seitens von Staaten, die Wasser predigen (indem sie die Abschaffung des Bankgeheimnisses, den automatischen Informationsaustausch von Steuerdaten und andere Massnahmen fordern, um unseren Finanzplatz ausser Gefecht zu setzen), selber aber Wein trinken (indem sie bei sich zuhause just jene Fiskalparadiese wie etwa Delaware, die Kanalinseln etc. aufrecht erhalten, die sie im Ausland als beschämend hinstellen).

In der Schweiz herrscht somit eine Art von Herdentrieb vor, den es in den 30er Jahren nicht gab. Sowohl auf rechter als auch auf linker Seite hat sich die Übernahme einer Rolle von «Wasserträgern» durchgesetzt, die einer autonomen und primär auf die eigenen, auf unsere nationalen Interessen ausgerichteten Politik diametral widerspricht.

Nichts im Vergleich mit unseren einstigen Bundesräten – Minger, Motta, Etter etc. – der heutig Bundesrat, angeführt von einem Präsidenten der sich vor einigen Jahren damit brüstete zu sagen: «Ich werde nie „Switzerland first!“ sagen». Wie kann man sich unter diesen Voraussetzungen eine autonome und auf sich stolze Schweiz denn überhaupt noch vorstellen?

Es sind vier Machtblöcke geworden, aber tatsächlich gibt es nur deren drei

Vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gab es das mit Italien alliierte Deutschland mit expansionistischen Absichten, denen sich eine heterogene Allianz bestehend aus England und der UdSSR entgegen stellte – wobei letztere erst nach dem Einmarsch von Hitlers Truppen in ihr Land 1941 in den Krieg eingriff. Polen, die Tschechoslowakei, Frankreich und Belgien standen natürlich auf derselben Seite, dies aber nur auf dem Papier, weil sie bereits von deutschen Truppen besetzt waren. 1941 griffen dann, nach Pearl Harbor, auch die USA, die bis anhin neutral geblieben waren (aber immerhin die Briten mit Waffen und Kriegsmaterial versorgten), in das Kriegsgeschehen ein.

Zu Ende des Zweiten Weltkrieges – eigentlich schon vorher, als feststand, dass die Alliierten den Krieg gewinnen würden – drifteten die Kriegsgewinner auseinander, ohne sich grosse Gedanken zu machen über die in den Krieg involvierten Länder, nämlich die osteuropäischen Gebiete. Es kam denn auch nicht zu einer gleichwertigen Aufteilung, sondern man gab so quasi vollumfänglich den Forderungen von Stalin nach, der die nachträglich dann «Satellitenstaaten» der Sowjetunion genannten Länder Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, die baltischen Staaten etc. beanspruchte; Staaten die euphemistisch als «Einflusszonen» des Ostblocks, will heissen der Sowjetunion, bezeichnet wurden. Westeuropa – das als politische und militärische Macht nicht existent war und welches aus einer Allianz von Staaten bestand, die sich ständig darüber stritten, ob es sich nicht eher lohnen würde, der einzig verbliebenen westlichen «Macht» zu gehorchen – verblieben einzig Gebiete, die ihr bereits vor dieser Aufteilung gehörten: Frankreich, Italien, Österreich und ein Teil Deutschlands. Heute bilden sie das Erbe einer EU, die allerdings infolge der immer häufiger werdenden nationalistischen Querschläge seitens der Mitgliedstaaten eine vorübergehende und wackelige Grösse verbleibt. Schliesslich übernahmen die USA – der unbestreitbare Leader des Westblocks – die «Einflusssphäre» des Fernen Ostens und verstrickten sich mit ihrer Politik in den Kriegen in Korea und Vietnam fatal.

Heutzutage hat sich zu den sich bekämpfenden Blöcken China hinzugesellt. Aber angesichts des amerikanischen Einflusses respektive seiner Dominanz über die total USA-hörige Politik der Europäischen Union ging die schon fast vernachlässigbare europäische «Einflusssphäre» praktisch in jener der USA auf und bildete einen einzigen «Westblock». Und somit verbleiben an Grossmächten weiterhin deren drei: Die USA (Westen), Russland und China. Alle anderen spielen eine Nebenrolle oder sind gar nur Statisten.

Die expansionistischen Ziele des Westens

Heute ist nur über die expansionistischen Ziele von Putin die Rede, man vergleicht sie mit jenen Hitlers, und man kommt nicht umhin, eine gefährliche Analogie zwischen den beiden zu erkennen. Im Jahre 1939 – nachdem man den Anschluss Österreichs geschluckt und die Tschechoslowakei durch die Preisgabe des Sudetenlandes an Hitler geopfert hatte – bewog die Invasion Polens die Engländer – nun davon überzeugt, dass Hitlers Ansprüche damit nicht beendet waren – dazu, Deutschland den Krieg zu erklären. Wie kann man dies nicht in gedankliche Analogie setzen mit der heutigen Annexion der Krim (Österreich) und der Besetzung der russlandorientierten Territorien der Ukraine (Sudetenland) seitens von Putin? Wie kann man es ausschliessen, dass Moldawien oder die Baltischen Staaten zum nächsten Polen werden? Das Urteil darüber überlasse ich künftigen Generationen.

Aber wenn wir schon von expansionistischen Plänen sprechen, warum benennen wir denn nicht auch jene des Westens? Damit meine ich die fortdauernden Bestrebungen der EU, ihr Territorium zu erweitern – mittels herbeigeführter Volksentscheide (auch der Anschluss Österreichs an Deutschland wurde 1938 in einer «Volksabstimmung» bestätigt) – dies durch die Einverleibung der mehrheitlich vorherigen (d.h. vor der Auflösung der Sowjetunion) Oststaaten, die als deren Satellitenstaaten betrachtet wurden (mit entsprechender nachträglicher dortiger Installation von klar russlandfeindlich ausgerichteten NATO-Basen). Was anderes ist denn dies, sind das denn nicht ebenso expansionistische Ziele?

Die Politik des gegenseitigen Terrors

Es war die Politik, welche die gesamte Periode des Kalten Krieges charakterisiert hat. Die Politik, die über ein halbes Jahrhundert verhindert hat, dass ein Weltkrieg ausbrach, bestand in der Gewissheit, dass es sich dabei um einen Krieg mit Einsatz von Atomwaffen handeln würde. Auf beiden Seiten bestand das Bewusstsein, dass dadurch – infolge der massiven technologischen Entwicklung der Atomwaffen – wechselseitig ein zehn- bis hundertfach grösseres unsägliches Leid über die Bevölkerung verursacht worden wäre als jenes, welches die USA ohne grossen Vorwürfen seitens der Weltgemeinschaft ausgesetzt zu werden, in Hiroshima und Nagasaki verursacht hatten.

Und heute ist das ebenso, jedenfalls auf westlicher Seite. Man kann nur hoffen, dass es so bleibt. Die Ukraine wird heute als in Kauf zu nehmendes «Opfer» auf dem Alter eines künftigen Friedensabschlusses betrachtet, genau so wie das Österreich und die Tschechoslowakei in den 30er Jahren waren… wenn es denn dabei bliebe. Das Problem ist, dass die westliche Welt, wenn es denn nicht dabei bliebe, in einen Konflikt hineingezogen würde, dem 90% der Menschheit zum Opfer fiele. Und somit wären für die Vertreter der 10% Übriggebliebenen an der kommenden Konferenz – über den Wiederaufbau der Ukraine – die Hotels von Lugano nicht mehr nötig, wahrscheinlich würde eine schlichte Herberge im abgelegenen Corippo ausreichen. Dies immer unter der Voraussetzung, dass die Preisgabe unserer Neutralität uns in der Zwischenzeit nicht die eine oder andere Atombombe einbrockt.

 

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