Ansteckungsgefahr

Mar 6 • Deutsche Seite, L'opinione, Prima Pagina • 253 Views • Commenti disabilitati su Ansteckungsgefahr

Urs von der Crone
Präsident ds-SVP Tessin

Es gibt Dinge, von denen wir heute glauben, dass sie der Vergangenheit angehören. Unser Glaube an die Möglichkeiten der modernen Medizin ist fast unbegrenzt. Und doch gibt es ganz unerwartet wieder Situationen, in denen der medizinische Fortschritt kapitulieren muss. Das Coronavirus hat es uns deutlich vor Augen geführt: Da verbreitet sich ein Virus, von dem wir nicht wissen, wie es eigentlich entstanden ist, gegen das heute keine vorbeugende Impfung möglich ist und dessen Verlauf weltweit wir überhaupt nicht vorhersehen können. Wer sich für die Geschichte interessiert, dem kommt die Situation irgendwie bekannt vor: Mir wird es in diesen Tagen ganz deutlich bewusst, wenn ich in Locarnos Altstadt durch die Via Citadella spaziere. Ein Blick auf die Fassade der Chiesa Nuova genügt und ich sehe unten links die Figur des hl. Rochus (San Rocco), wie er mit einer Hand auf seine Pestbeule am Oberschenkel zeigt. Ihm traute man es zu, dass er – zusammen mit dem hl. Sebastian – die Bevölkerung vor der Pest schützen könne. Warum gibt es eigentlich im Tessin so viele Kirchen, die dem hl. Rochus geweiht sind oder die eine Abbildung von ihm bewahrt haben? Unsere Vorfahren glaubten etwas weniger an die Ärzte, dafür umso mehr an die pestabwehrende Wirkung der Heiligen. Dennoch hat der starke Glaube die grossen Seuchen nicht verhindern können.

Das Tessin – wie übrigens noch viel stärker die ganze Schweiz – ist von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis ins späte 17. Jahrhundert regelmässig von der gefürchteten Seuche heimgesucht worden. Ein Floh hat offenbar das Bakterium verbreitet und die Beulenpest verursacht. Daneben war es die Lungenpest, die von Mensch zu Mensch übertragen werden konnte. Eine der heftigsten Epidemien wütete in ganz Europa und ebenso in der Schweiz in den Jahren 1630 / 31. In genau diesen Jahren begann man in Locarno mit dem Bau der Chiesa Nuova. Damit ist klar, warum ausgerechnet am Eingang der Kirche die Statuen der beiden Pestheiligen Rochus und Sebastian ihren Platz gefunden haben. Die Leute in Locarno wussten nur allzu gut, was eine solche Seuche für ihre Gegend bedeuten konnte: gut 60 Jahre vorher wütete bereits eine Pest in der Stadt und reduzierte die Zahl der Einwohner von 4800 auf lediglich 700 Personen! Und wer war eigentlich Rochus? Rochus von Montpellier in Frankreich lebte im 14. Jahrhundert. Er studierte Medizin und wirkte während mehrerer Pestepidemien in seinem Beruf. Er heilte Kranke in Frankreich und Italien und wurde dabei selbst von der Pest heimgesucht. Er gehörte zu den glücklichen, die die Krankheit überstanden haben.

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