Wo sind die Europäer?

Mar 24 • Prima Pagina • 108 Visite • Commenti disabilitati su Wo sind die Europäer?

Der Euro ist Realität – Europäer hingegen sind eher selten…

Urs von der Crone
Präsident ds-SVP Tessin

Beim Spaziergang durch Cannero am Lago Maggiore (siehe letzte Ausgabe von «Il Paese») taucht natürlich der Name eines berühmten Politikers auf: Massimo Taparelli d’Azeglio, einer der Vordenker der italienischen Einigung, hat sich im 19. Jahrhundert in eine direkt am See gelegene Villa am südlichen Dorfeingang zurückgezogen und hier seine Memoiren verfasst. Der Staatsmann hat die politischen Ereignisse seiner Zeit nicht nur mitgeprägt, sondern auch sehr realistisch eingeschätzt. So war er der Meinung, dass ein Schiff auf hoher See meist besser funktioniere als ein Staat. Warum? Weil auf dem Schiff jeder nur in seinem ihm zugeteilten Bereich tätig ist, während in der Politik ein jeder, je weniger er von der Sache versteht, desto mehr glaubt seine Anweisungen geben zu müssen. D’Azeglio wird auch oft zitiert mit seinem Satz: «Wir haben Italien geschaffen, nun müssten wir noch die Italiener schaffen». Es war ihm vollkommen bewusst, dass die Einwohner der Halbinsel von Sizilien bis hinauf zu den Alpen zwar eine gemeinsame Sprache haben, hingegen grundverschiedene Vorstellungen von einer gemeinsamen Zukunft, Politik und Wirtschaft.

Auch wenn der Satz sich auf eine längst vergangene Zeit bezieht, hat er heute – leicht abgeändert – seine Aktualität behalten: «Europa haben sie geschaffen, ob es ihnen aber gelingt auch Europäer heranzubilden?» Europapolitiker müssen bei nüchterner Betrachtung der Dinge feststellen, dass zer war eine überdimensionierte gemeinsame Verwaltung in Brüssel geschaffen worden ist, aber in allen wichtigen Dingen in den Mitgliedsländern grundverschiedene Vorstellungen herrschen. Wie die Demokratie verbessert werden soll, wie man die Einwanderung in den Griff bekommen kann, wie man mit der wachsenden Verschuldung umgehen will usw. – darüber gibt es keinen Konsens. Ein politisches Europa kann nur Sinn machen, wenn gemeinsame europäische Vorstellungen vorhanden sind – und das bleibt wohl Wunschdenken. Der oben zitierte Satz ist kürzlich sogar noch weiter abgewandelt worden: «Den Euro haben wir geschaffen, die Europäer aber haben wir dabei verloren.» Die finanzielle Krise hat dafür gesorgt, dass sich die einzelnen Länder gegenseitig die Schuld für wachsende Probleme zuschieben. Europa soll weiterhin ein geographischer Begriff bleiben – in der Realpolitik hingegen gehört es ins Land der Utopien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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