Wer an Meinungsumfragen glaubt, ist selber schuld

Apr 20 • Deutsche Seite, Prima Pagina • 312 Views • Commenti disabilitati su Wer an Meinungsumfragen glaubt, ist selber schuld

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Das Forschungsinstitut GfS Bern um Claude Lonchamp hat wieder einmal zugeschlagen. Gemäss seiner jüngsten Umfrage würden die Schweizer die parlamentarisch beschlossene Umsetzung (resp. Nichtumsetzung) der Masseneinwanderungsinitiative zu 57 % gutheissen. Die Fehlerquote liege bei maximal 2 %.

Ja, solches verlautet vom GfS Bern mit dem Longchamp. Er war doch jener Unglückliche, der bei der Anti-Minarett-Initiative mit seiner Umfrage auf 53 % Ablehnung tippte, wonach dann in der realen Abstimmung das Gegenteil eintraf. Nicht 37 %, sondern 57 % stimmten der Initiative zu. Das waren 20 % mehr als von Longchamp horoskopiert.

Lonchchamps Umfrageergebnisse sind etwa so sicher wie die Wetterprognose für die übernächste Woche, wo ein angekündigtes, von Computern haargenau diagnostiziertes Sturmtief über dem Atlantik sich noch dreimal überlegen kann, ob es sich auflösen, die Britischen Inseln heimsuchen oder über den Golf von Biskaya bis zu uns gelangen soll.

Meinungsumfragen sind eben tückisch, und deshalb ist allergrösste Skepsis geboten. Die US-Wahl von Trump hat’s vorgemacht, die Abstimmung über den Brexit auch. Von Longchamp ganz zu schweigen. Denn für die Glaubwürdigkeit der Resultate kommt es sehr darauf an…

…WER befragt wird:

Wenn Sie unter den Zuschauern eines Fussballmatches eine Umfrage durchführen, ob sie Fussball besser mögen als klassische Musik, ist das Ergebnis wohl klar. Stellen Sie die gleiche Frage den Besuchern eines Konzerts der Wiener Philharmonikern, wird das Resultat wohl radikal anders lauten.

…WIEVIELE LEUTE befragt werden:

Stellen Sie drei Leuten eine Ja/Nein-Frage und 2 sind dafür und einer ist dagegen, erhalten Sie eine satte Zustimmungsrate von 66 %. Da es nur drei Leute sind, ist dieses Resultat eher zufällig. Bei 2’500 befragten Leuten (wie bei der jüngsten GfS-Umfrage) mag die mögliche Fehlerquote etwas tiefer liegen. Aber Echtresultate gibt’s nur bei Vollerhebungen wie Volksentscheide bei Abstimmungen und Wahlen (allerdings nur sofern nicht getrickst wird wie jüngst im Kanton Wallis…!).

…WIE befragt wird (Erhebungsart):

Befragt wird aus Kostengründen zumeist nach der CATI-Methode (Computer Assisted Telephone Interview), das war auch bei der jüngsten GfS-Umfrage so. Das äussert sich dann in den ach so sehr beliebten Telefonanrufen um die Mittagszeit, wo die angerufene Hausfrau gerade am Kochen ist und den Anrufer mit kurzen von ihm erwarteten Antworten möglichst rasch loswerden will (vor allem wenn besagte Frau fünf Minuten vorher eine telefonische Umfrage über die Beliebtheit einer Hautcrème oder die Bereitschaft für ein neues Swisscom-Abo beantworten musste, und das Steak in der Pfanne am Anbrennen ist).

…WIE die FRAGEN gestellt werden:

Mit der richtigen Fragestellung lassen sich die erwarteten Antworten spielend leicht herbeizaubern. Würde gefragt: „Würden Sie gerne im karibischen Ferienparadies xy Badeferien machen ?“ wäre die mehrheitliche Antwort wohl „ja oder eher ja“. Lautete die Frage: „Finden Sie es gut, dass gewisse Leute Ferienreisen in den karibischen Staat xy unternehmen, wo eine Diktatorialherrschaft die Bevölkerung unterdrückt ?“ würden viele wohl aus politischer Korrektness „eher nein“ sagen. Die Manipulierbarkeit der Antworten durch zweckgerichtete Fragen ist grenzenlos.

…WANN befragt wird:

Die Resultate von Meinungsumfragen (seien sie zutreffend oder nicht) sind stets nur Momentaufnahmen. Sie sagen kaum etwas darüber aus, wie schon kurze Zeit später auf dieselbe Frage geantwortet würde. Der Zeitpunkt der Umfrage wird zumeist vom Auftraggeber (und Financier) der Umfrage festgelegt, und das tut er zweckbestimmt. Denn er will im taktisch günstigsten Zeitpunkt die erwarteten Antworten zu Propagandazwecken verwenden. Und fallen die Antworten wider Erwarten (selten) anders aus als erwartet, verbietet man deren Publikation, so dass niemand davon erfährt. Oder man publiziert sie so spät, dass sie nicht mehr relevant sind.

…WER DIE UMFRAGE IN AUFTRAG GEGEBEN HAT:

Der Auftraggeber, der die Umfrage in Auftrag gegeben hat und finanziert, beeinflusst – ob man es wahrhaben will oder nicht – die Arbeit der Meinungsforscher. Liefern diese nicht die erwarteten Resultate, wird man nächstes Mal ein anderes Institut mit Umfragen beauftragen.

Im vorliegenden Fall der GfS-Umfrage zur Umsetzung der MEI-Initiative war die Interpharma der Auftraggeber. Ohne irgend jemandem irgend etwas unterstellen zu wollen, weise ich lediglich darauf hin, dass Der Verband Interpharma die Interessenvertretung der forschenden Pharmaunternehmer der Schweiz ist, und dass diese wohl kaum grosse Freude an einer verfassungsgetreuen 1:1-Umsetzung des Volksbeschlusses zur Masseneinwanderungsinitiative gehabt hätte; geschweige denn an einem Umfrageresultat, welches dies bestätigte.

WIE die Resultate INTERPRETIERT werden:

Bei der Interpretation der Ergebnisse der – wie erwähnt – in vielerlei Hinsicht fragwürdigen Umfragen ist es genau so wie mit jener der Statistiken. Jeder macht aus den Zahlen genau das was er will.

So auch bei der jüngsten GfS-Umfrage: Aus den 29 % derjenigen, welche „die pragmatische Umsetzung mit dem (n.b. nur fiktiven) Inländervorrang“ für richtig halten (und den 38 %, die damit „eher“ einverstanden sind), wird dann medial ein glasklarer Schluss gezogen: „Zuwanderung: Schweizer befürworten sanfte Lösung“ (NZZ). Ausgeblendet wird dabei, dass 60 % die Meinung vertraten, die Zuwanderung werde damit nicht (wie vom Volk gewünscht) abnehmen, und 57 % der Ansicht sind, eine schärfere Lösung wäre möglich gewesen. 

Der langen Rede kurzer Sinn:

Ich glaube schon seit langem keiner Umfrage mehr. Wenn Sie es tun wollen, dann auf eigenes Risiko. Ich wünsche Ihnen dabei viel Glück. Die Eintreffenswahrscheinlichkeit von Umfrageergebnissen liegt bei genau 23,4 %. Das hat mir meine Katze bei einer nach CATI-Methode durchgeführten Umfrage gesagt.

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