Was, wenn wir die Guide-Michelin-Sterne zurückwiesen?

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Eros N. Mellini

Das x-te Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte vom  vergangenen 9. April gegen die Schweiz, die einen wegen Vergewaltigung  verurteilten Kosovaren ausgewiesen hatte, lässt diesen von mir im Jahre 2010 publizierten Artikel wieder aktuell erscheinen.

Ein mit mir befreundeter, äusserst fähiger Gastwirt in Lugano – der nun ins Locarnese zurück gekehrt ist – bestritt seinerzeit die Tauglichkeit der Experten, welche die Verleihung von Auszeichnungen seitens des bekannten „Guide gastronomique“ vornehmen, und er verzichtete deshalb freiwillig auf den ihm darin verliehenen Stern. Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Wortlaut seiner Begründung, die übrigens auf der Briefkopie figurierte, die er eingerahmt und gut sichtbar an einer der Wände seines Restaurants aufgehängt hatte. Aber er lässt sich wie folgt kurz zusammenfassen: „Mein Restaurant ist, völlig losgelöst von jeglichen „offiziellen“ Auszeichnungen, hervorragend; persönlich halte ich es für besser als die meisten, die in Ihrem ‚Guide’ aufgeführt sind; deshalb spreche ich Ihnen das Recht ab, es öffentlich zu beurteilen“. Es ist mir nie zu Ohren gekommen, dass das Restaurant meines Freundes, solange er in Lugano tätig war, Gäste verloren oder anderweitige Nachteile zu gewärtigen gehabt hätte. Es war so gut, dass es praktisch jeden Abend „ausgebucht“ war. Trotzdem war eine solche Reaktion nicht jedermanns Sache. Im Gegenteil: Die meisten Gastwirte würden – auch heute – wohl kaum den Mut aufbringen, so zu reagieren wie er.

Verlagern wir das soeben Geschilderte nun auf die Ebene der Politik. Bundesbern sollte einmal darüber nachdenken und daraus lernen. In der Politik werden die „Guides gastronomiques“ von den verschiedenen internationalen Konventionen und Verträgen verkörpert, welche (leider) auch unser Land unterzeichnet hat, oder von internationalen Organisationen, welchen es (wiederum leider) beigetreten ist.

Nehmen wir die Menschenrechtskonvention als Beispiel. Um das Gute darin zu beachten, braucht man sie nicht zu unterzeichnen. Vor allem, wenn man durch die Unterzeichnung automatisch ein übergeordnetes Recht bzw. ein ausländisches Gericht (konkret: den Strassburger Gerichtshof) anerkennt und damit ermächtigt, als Rekursinstanz über absolut interne Angelegenheiten zu entscheiden. Dies auch weil dessen Zuständigkeitsbereich mittlerweile durch eine hyper-phantasievolle Interpretation breit aufgefächert und ausgedehnt wurde: Von den ursprünglichen – und vernünftigen – vom Gesetzgeber gewollten Kompetenzen (für Fragen betreffend das Recht auf Leben und Freiheit, das Verbot von Folter und Sklaventum etc.) auf die Beurteilung einer ganzen Reihe von absurden und vermeintlichen Verstössen; mit dem alleinigen Zweck, Straftäter zu schützen, welche im Hinblick auf ihre Opfer die Menschenrechte zu allererst missachtet haben. Da die Menschenrechte offenbar die einzigen Rechte sind, denen keine Pflichten gegenüberstehen, sieht man sich mit der absurden Situation konfrontiert, dass Kriminelle, die sich – nachdem sie sämtliche unantastbaren Rechte der Opfer und der Gesellschaft missachtet haben – auf ihre „Menschenrechte“ berufen. Das sind aber nicht die oben erwähnten Rechte (d.h. nicht gefoltert oder versklavt zu werden etc.), sondern das Recht, komfortabel untergebracht und fürstlich verpflegt zu werden und zudem in den vollen Genuss derselben Sozialhilfe zu gelangen, welche den ehrlichen Bürgern zusteht (wie lange noch können wir von letzteren erwarten, ehrlich zu bleiben ?).

Und da kommt ein Narr wie Doudou Diène – senegalesischer Sonderbeauftragter der UNO für Rassismusfragen – daher und wirft uns vor, dass wir die Menschenrechte missachteten, weil das Bezirksgefängnis von Bellinzona „unmenschlich“ sei. Oder Amnesty International, welche in ihrem Rapport von 2009 die Schweiz kritisiert: „restriktive Gesetzesbestimmungen missachteten weiterhin die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte von Asylbewerbern und illegalen Migranten, von denen sich viele in äusserst ärmlichen Verhältnissen befunden hätten“.

Klar, denn in ihrem Heimatland – wo sie ja hätten bleiben können – waren sie sicher steinreich !

Doch kehren wir auf die Anfangsdiskussion zurück: Die Schweiz beachtet bereits alles Vernünftige – und leider noch viel mehr – in Sachen Menschenrechte. Praktisch all das, was in den Konventionen geschrieben steht, so dass es für uns überflüssig ist, sie zu unterzeichnen. Im Gegenteil: Es ist nicht nur überflüssig, sondern geradezu kontraproduktiv, weil man dadurch ausländische Organisationen ermächtigt, sich in unsere inneren Angelegenheiten einzumischen. Das ist ein bisschen so wie wenn der „Guide gastronomique“ unserem Gastwirt das Kochrezept für die Béchamel-Sauce oder Truthahn-Füllung vorschriebe. Wenn wir seine Beurteilung akzeptieren, hat er gewissermassen das Recht dazu; wenn wir aber die Brücken abbrechen und auf seinen Stern verzichten – wie dies mein Freund, der Gastwirt, tat – könnten wir ihm auch sagen, wohin er sich seine Kritiken stecken könne.

Es wäre deshalb wünschbar – aber wann wird unsere „classe politique“ den Mut dazu aufbringen ? – dass die Schweiz sich von all diesen internationalen Konventionen und Organisationen löste; denn sie verändern in Tat und Wahrheit nicht unsere exemplarische und konsolidierte humanitäre Situation, sondern erlauben es den ausländischen Staaten, uns vor den Kopf zu stossen oder sogar zu erpressen. Täten wir es, würde die Schweiz wieder zu jenem Gasthaus, in welches der Gast immer wieder gerne hingeht: Wegen der guten Küche und der guten Bedienung, nicht weil irgend ein mehr oder weniger bedeutender „Guide gastronomique“ es mit einem Stern oder einer Gabel auszeichnet.

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