Wäre es nicht besser gewesen, Ihr wäret Kolonialmächte geblieben?

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Eros N. Mellini

Eros N. Mellini

Editorial

 

Vor allem England, aber auch Frankreich, Spanien, Portugal, Belgien, Deutschland und Italien – heute allesamt EU-Staaten – waren frühere Kolonialmächte. Nach Afrika, in den Mittleren Osten, nach Amerika und Australien hatten sie die Zivilisation „exportiert“, mindestens war dies ihr Konzept, was im Klartext hiess: „Beuten wir bis zum Gehtnichtmehr die Bodenschätze aus, welche die einheimischen Idioten nicht im Träume zu nutzen gedenken, vermitteln wir ihnen das absolut nötige Minimum an Kultur und Ausbildung, damit sie dort zu Hungerlöhnen für uns arbeiten, und wo möglich setzen wir sie vor Ort ein zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung, was uns – müssten wir das mit eigenen Mitteln selbst tun – viel zu teuer zu stehen käme“. Dies war ein klar von Eigeninteressen diktiertes Konzept, das aber – da es von allen erwähnten Staaten (wenn auch mit kleineren Unterschieden) praktiziert wurde – auch allen behagte. Natürlich ging es den Armen dort schlecht; da es aber den zuhause gebliebenen Armen (und das waren viele) ebenso schlecht ging, hatte niemand ein Interesse daran, die Völker der Dritten Welt zu emanzipieren. Im Gegenzug wurde recht gut für Recht und Ordnung gesorgt (ausser im Falle von Kriegen zwischen Kolonialstaaten, während welchen die Fronten wechseln konnten, je nach dem strategischen Wert einer bestimmten Region bzw. der Absicht, dem Feind wertvolle Ressourcen in Form von Erdöl oder Erzen zu entreissen), auch wenn diese Ordnung manchmal gewaltsam durchgesetzt wurde. Schlechte Zeiten ? Mag sein, aber sind die heutigen Zeiten denn wirklich besser ?

Das Konzept des „politisch Korrekten“ hat, könnte man sagen, mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Fuss gefasst. Bereits vorher wurden Kriege natürlich als etwas Schlechtes betrachtet, aber es herrschte das Prinzip vor, dass einzig der Sieg um jeden Preis Kriege rechtfertigen könne; die zivilen Opfer wurden als unbedeutende Kollateralschäden betrachtet (die flächendeckende Bombardierung von Städten auf beiden Seiten haben es gezeigt). Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es darum, den Krieg zu kodifizieren. Will heissen: Ächtung von Nuklearwaffen, von Giftgas und Personenminen, nur militärische Ziele und wehe es treffe eine Zivilperson – als wenn Träger einer Uniform jeder menschliche Würde verlustig gingen oder das Nichttragen automatisch für die Unschädlichkeit eines Individuums stehen würde. Die Kolonien wurden zu einem Tabu, zu einer auszumerzenden Unwürdigkeit, denn alle Menschen hätten ein Recht auf Selbstbestimmung. Ist das Kapitel damit geschlossen, ist alles gut so ?

Betrachten wir doch einmal, was danach geschah. Einem Grossteil, wenn nicht gar allen ehemaligen Kolonien gelang es nicht, den vor der Erlangung ihrer Unabhängigkeit bestehenden Wohlstand zu erhalten (höchstens in beschränkter Form für gewisse Personenkategorien). Daher die zwingende – selbstverständlich keineswegs interessenungebundene – Hilfe seitens der ehemaligen Kolonialmächte mit dem Zweck, die Unabhängigkeit besagter Länder zu wahren. Was folgte ? In einigen Fällen die Machtergreifung durch unehrliche und ultrakorrupte Figuren, schlimmer als die einstigen Machthaber, der Weg wurde frei für erbarmungslose Kämpfe zwischen Ethnien und/oder Religionen, die man bisher mehr oder weniger unter Kontrolle zu halten vermochte. Und damit sind nicht einige Schikanen gemeint, sondern regelrechten Massaker mittels Machetenhieben, oder, in den „emanzipierteren“ Staaten, mittels Maschinengewehrsalven oder Granaten.

Natürlich werden wir die Welt nicht verbessern – es wäre mehr als nur überheblich zu glauben, dass wir von der Redaktionsstube unserer bescheidenen Zeitung aus die Weltpolitik verändern könnten – aber einige Überlegungen seien gleichwohl erlaubt, um die in der westlichen Welt vorherrschende Heuchelei anzuprangern.

Beginnen wir mit den USA

Die USA sind die bedeutendste Weltmacht. Leider regiert von verantwortungslosen Kriegstreibern, die sich anmassen, den Weltpolizisten zu spielen. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sie keinen einzigen Krieg mehr gewonnen, vielleicht hat die „politische Korrektheit“ auch sie geschwächt. Aus Korea mussten sie sich mit eingezogenem Schwanz zurück ziehen, aus Vietnam wurden sie regelrecht hinausgeworfen, in Afghanistan haben sie rein gar nichts zustande gebracht, im Irak hinterliessen sie ein Riesenpuff…

Aber die Scheinheiligkeit der USA ist grenzenlos. Es hagelt Verhaltensanweisungen, sie massen sich an, darüber zu entscheiden, wer über Atomwaffen verfügen dürfe und wer nicht, und sie vergessen dabei, dass sie als einzige bisher solche Waffen eingesetzt haben. Sie haben den Begriff „Export der Demokratie“ geprägt und daraus ihr Recht abgeleitet, sich in die inneren Angelegenheiten eines  jeden Staates dieser Welt einzumischen, in welchem sie ihre machiavellistischen „Eigeninteressen“ verteidigen zu glauben müssen, will heissen den Zugang zu Erdölquellen oder anderen Vorkommen, oder auch nur ihr strategisches Interesse für ihre Kriegsziele. Und im Namen dieses „Exports“ von Demokratie setzen sie mehr oder weniger legitime Regierungen ab (oder versuchen, dies gewaltsam zu tun), unter denen die Dinge sicher nicht schlechter laufen/liefen als nach ihrer Intervention. Wenn sie nicht selber direkt eingreifen, fördern sie mittels Dollarschwemme Aufstände, die dann in Bürgerkriege ausarten. So war es im Irak, wo Attentate – deren es unter Saddam Hussein praktisch keine gab – heute an der Tagesordnung sind; so in Libyen, das nach der Liquidierung von Ghadhafi ins Chaos und in die Hände bewaffneter Banden getrieben wurde, und jetzt in Syrien. Dort war (und ist noch heute) eine Assad-Regierung am Ruder, von welcher ein paar Dissidenten flüchteten, die niemandem Zahnweh bereiteten. Mit amerikanischen Geldern und der gütigen Mithilfe von ein paar wenigen Staaten, die in der EU das Sagen haben, hat man dann einen Bürgerkrieg vom Zaune gerissen – und gleichzeitig das Entstehen des ISIS ermöglicht – von dem tagtäglich zehntausende von echten oder unechten Flüchtlingen flüchten. Leute, die darüber hinaus nicht in die USA gelangen, sondern zu uns kommen !

Aber Frankreich bzw. die EU machen es nicht besser

François Hollande sagt „Wir befinden uns im Kriegszustand“ (es bedurfte der jüngsten Attentate in Paris, um sich dessen bewusst zu werden), wir müssen den ISIS bekämpfen ! Aber zwingend zur Bedingung, dass Bashar el Assad weg müsse. Aber, du elender Holzkopf (angebrachter wäre eine weitaus weniger liebenswürdige Bezeichnung für ihn, aber auch wir lassen uns vom „politisch Korrekten“ leiten), was hast denn du zu sagen, mit welchem Recht masst du dir an, zusammen mit deinen finsteren EU-Komplizen einem autonomen Staat vorschreiben zu wollen, was er zu tun habe ? Nun gut, das macht Ihr ja auch mit der Schweiz so, wenn auch etwas weniger demonstrativ! Daraus resultiert jedenfalls, dass eure Intervention gegen den ISIS reine Fassade ist, zum Glück ist da noch Putin da, der euch die Kastanien aus dem Feuer holt. Und wahrscheinlich stört auch das euch noch. Aber den darf man nicht allzu sehr verärgern, das wäre zu gefährlich. Da beschränkt man sich besser auf Retorsionsmassnahmen und applaudiert insgeheim, wenn ein anderer ihm auf die Füsse tritt, so im Falle des von den Türken abgeschossenen Flugzeugs.

Man könnte diese Gedanken bis zum Gehtnichtmehr weiter entwickeln, aber der redaktionelle Platz ist beschränkt, und die Geduld der Leser ist es ebenso. Es verbleibt, die Grundsatzfrage zu stellen, die da wäre: Wenn Ihr schon derart viel Lust habt, euch in die inneren Angelegenheiten autonomer Staaten einzumischen, wäre es dann nicht weitaus besser gewesen, Ihr hättet eure heuchlerische „politische Korrektheit“ abgelegt und eure Kolonien behalten ?

 

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